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Nackte Zahlen: Sexkolumne 10. Dezember 2017

Aufstehen, um liegen zu bleiben

Von Till Raether  Illustration: Eugenia Loli

Endlich ist erwiesen: Morgens ist die beste Zeit, um Sex zu haben. Auf den ersten Blick scheint das nur ein simples Forschungsergebnis zu sein. Aber es könnte eine Revolution auslösen.


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Eine Untersuchung im Auftrag eines britischen Herstellers von Nahrungsergänzungsmitteln ergab gegen Ende des Jahres 2017, wann die beste Zeit ist, um Sex zu haben. Morgens, um 7.30 Uhr. Eintausend Personen wurden eingehend nach ihrem Sexleben befragt. Auch danach, wann sie sich beim und nach dem Sex am wohlsten fühlten. Der Morgen-Termin schnitt dabei deutlich am besten ab: Der Sex war ausdauernder, die Befragten gingen anschließend mit einem entspannteren Gefühl in den Tag.

Nachdem das Lachen von allen Menschen verklungen war, die morgens um halb acht keine Zeit für Sex haben, geschah etwas Bemerkenswertes. Diese Sex-Untersuchung wurde zwar von einem Vitaminpillendreher-Konzern aus PR-Gründen veranstaltet, aber ihr Ergebnis war der letzte Tropfen, das letzte Argument, das noch gefehlt hatte. Die Welt war damals an einem Tiefpunkt angelangt, die Menschen wussten nicht mehr, wofür sie arbeiteten, ratlos starten sie auf ihre mobilen Endgeräte, zu müde, um die Welt zu verändern, aber gerade noch wach genug, um ein Gif zu liken oder »Hygge« zu ächzen. Schüler schleppten sich gegen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zu zehn vor 8 in die Schulen, Menschen fuhren im Dunklen zur Arbeit und sahen das Morgengrauen erst durch die ungeputzten Scheiben des Personalpausenraums.

Alle arbeiteten zu viel und schliefen zu wenig, und ihr Lachen war ein höhnisches, denn, klar, jeder hätte um halb acht lieber Sex gehabt, als Kindern Schulbrote hinterherzuwerfen, die Absaugevorrichtung an der Schleifmaschine zu justieren oder Excel hochzufahren. Sie wussten im Prinzip, dass sie nicht alleine waren mit ihren Bedürfnissen und ihren gefühlten Defiziten, aber die unauffällig über die vermischten Seiten eingeflogene Meldung über die Morgensexstudie der britischen Kapselherstellers für »natürliche Wellness« war dieser eine Schmetterlingsflügelschlag, der damals, zur Jahreswende 2017/2018 alles veränderte. Die Menschen standen endlich auf, um liegenzubleiben. Sie rüttelten an den Grundmauern der Institutionen, sie stellten alles in Frage, mutig beendeten sie das grausame Diktat der traditionell eingeschliffenen Tagesabläufe. Was Michael Ende mit seiner Kampfschrift Momo nicht geschafft habe, gelang Ende 2017 einem britischen Heilpflanzen-Pulverisierer mit einer einzigen Meldung: Die Menschen holten sich die gestohlene Zeit zurück. Weil sie plötzlich ein greifbares Utopia hatten, ein konkretes Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnte: Sex um 7.30 Uhr am Morgen.

Und das, liebe Kinder, ist der Grund, warum heute, in unserer wunderbaren Zukunftswelt, die den Menschen von 2017 so fremd vorkommen muss, die Schule und die Arbeit erst um zehn anfängt. Damit ihr bis um halb neun schlafen könnt. Das ist der Grund, warum morgens um halb acht die Straßen frei sind und das Internet still, und warum die Tage schöner sind als früher, die Menschen freundlicher und die Welt friedlicher. Wobei, das versteht ihr nicht, da fehlt euch einfach der Vergleich. So, und jetzt ab nach Hause, der Sexualkundeunterricht ist vorbei, eure Eltern kommen bald von der Arbeit, es ist schon fast 13 Uhr.

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Till Raether

ist freier Journalist und Buchautor in Hamburg. Zu Beginn seiner Laufbahn schrieb er in einer großen Publikumszeitschrift einen Artikel über Sexualfantasien unter dem Pseudonym »Dirk Meinerstedt«. Für diesen Kalauer leistet er jetzt hier Abbitte. Diese Kolumne schreibt er im Wechsel mit Alena Schröder.