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Zweimillionensechshunderfünfundneunzig, zweimillionensechshundertsechsundneunzig... Volkszählungen sind doch eine recht aufwändige Sache, und vielleicht nicht einmal notwendig – Google und Wikileaks wissen doch längst alles über uns.

Es naht Weihnachten, das ohne Volkszählung anders verlaufen wäre; Jesus wäre nicht in einem bethlehemitischen Stall geboren worden, hätte Augustus, der Kaiser, keinen Befehl gegeben, »dass der ganze Erdkreis sich einschätzen lassen sollte« – deshalb begaben sich Maria und Josef von Nazareth aus bethlehemwärts. Übrigens kommen in der Bibel noch andere Volkszählungen vor, zwei zum Beispiel im Buch Numeri, Gott ordnete sie persönlich an. Er gab Moses die Weisung, die Zahl aller wehrfähigen Männer Israels festzustellen, eher eine Art Musterung also, wobei man sich schon fragt, wieso der Herr eigentlich die Bestandsaufnahme nicht selbst machte, es wäre für ihn in seiner Allmacht nur eine Kleinigkeit gewesen, aber bitte, vielleicht hatte er einfach keine Lust oder wollte mal prüfen, was Moses und seine Leute so draufhaben.

Jedenfalls ergab die erste Zählung, gut ein Jahr nach dem Auszug aus Ägypten, die Zahl 603 550, die zweite, nach vierzig Jahren Wüstenwanderung, 601 730. Aber beide Zahlen werden, lese ich, von Historikern für zu hoch gehalten, es gibt keine archäologischen Funde, die sie belegen. Vielleicht muss man davon ausgehen, dass schon die ersten Volkszählungen der Geschichte fehlerhaft waren. Insofern trifft es das Wort »Schätzung«, das im Lukas-Evangelium für die Zählung immer benutzt wird, ganz gut. Jedenfalls werden wir im kommenden Jahr auch in Deutschland wieder eine Volkszählung haben, falls das Volk dazu bereit ist. Auch in Indien läuft ein Zensus, in China hat man ihn vor Kurzem abgeschlossen – das war ein gewaltiges Projekt!

Wie zählt man ein Milliardenvolk, dessen Angehörige sich auch noch so ähnlich sehen, dass man gar nicht wissen kann, ob man diesen oder jenen, den man jetzt in der Nähe Pekings zählen möchte, nicht vergangene Woche in Shanghai schon registriert hat?
Mussten also alle Chinesen vor ihren Häusern antreten, die Hände zum Himmel heben – und dann wurden vom Weltraum aus die Hände gezählt und das Ergebnis durch zwei geteilt? In der Zeitung stand, die Chinesenzähler hätten tatsächlich alle Wohnungen aufgesucht, indes in manchen von ihnen festgestellt, dass es anscheinend mehr Bewohner als Zimmer gab, und sich dann auf Indizien verlassen, etwa die Zahl der Zahnbürsten. Das wäre, jedenfalls in Deutschland, nach allem was man über Zahnhygiene weiß: ein äußerst unzuverlässiger Nachweis.

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Kann man also das Ergebnis glauben? Wie hält es der Chinese mit der Wahrheit, wenn es um die Bevölkerungszahl seines Landes geht? Macht er es wie manche Zeitungs- oder Buch-Verleger mit Auflagenzahlen: gnadenlos nach oben lügen? Was wäre denn, wenn die chinesische Führung feststellt, dass sie in Wahrheit gar kein Milliardenvolk regiert, sondern bloß 979 Millionen? Müsste man nicht überhaupt Volkszählungen von Angehörigen anderer Völker durchführen lassen, sodass also die Dänen alle zehn Jahre die Norweger zählen würden oder die Chinesen meinetwegen die Inder und umgekehrt? Oder sind Zählungen am Ende gar nicht mehr nötig? Weiß nicht Google längst auf den Kopf genau nicht bloß, wie viele Menschen es gibt, sondern auch, wie viele Zahnbürsten sie besitzen, wo sie die gekauft haben und wie oft sie sie benutzen?

Übrigens erstaunt mich bei den Wikileaks-Enthüllungen immer die unglaublich große Zahl der »Dokumente«, die »ins Netz gestellt werden«. 250 000 Stück allein in der Affäre um die US-Diplomatie! Wer hätte gedacht, dass es überhaupt so viele Dokumente gibt?! Heere von Zeitungsredakteuren sichteten das über Monate hinweg. Wäre es nicht aus Sicht der Regierungen und Großbanken am besten, sie würden einfach alle ihre Dokumente auf einen Schlag im Internet veröffentlichen, Schockzilliarden von Daten? Kein Mensch würde sich durchfinden, die Presseleute hätten jahrzehntelang nichts anderes zu tun, als sich verzweifelt und ergebnislos durch den Kram zu wühlen, sämtliche Investigateure der Welt würden im Internet versacken, auf der Suche nach ein paar Stecknadeln in einem unübersehbaren Heuhaufen. Ist nur ein Tipp von mir, aber ein guter, glaube ich.

Illustration: Dirk Schmidt

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