Das Beste aus meinem Leben

Es naht die Fußball-Weltmeisterschaft, jeden Tag rückt sie näher, wir alle bereiten uns intensiv darauf vor, auch der Luis, der nämlich Mitglied im Fußballverein geworden ist und jede Woche trainiert, auch jetzt im Winter. So intensiv trainiert er, dass auf seinem Ballack-Trikot schon einige Buchstaben seinem Eifer und der häufigen Wäsche zum Opfer gefallen sind, »lack« ist ab und das erste a auch, im Grund steht nur noch »B l« da. Luis will ein neues Trikot, aber den ganzen Winter lang habe ich ihn hingehalten mit dem Argument, man wisse ja nicht, wo Ballack künftig spiele, ob bei Bayern oder Real oder sonst wo, und das müsse man beim Trikoterwerb auch berücksichtigen.Eines Abends im Januar hat er dann seine Ballack-Gliederpuppe betrachtet, die immer schweigend neben seinem Bett sitzt und ein Bayern-Trikot trägt, und er hat gesagt: »Und was mache ich mit der hier, wenn er zu Real geht? Die kann ich doch dann wegwerfen, oder?« Ob Ballack das bei seinen Überlegungen je berücksichtigt hat? Dass tausende kleiner Buben sein Abbild mit müder Gebärde in den Müll…Was ich aber eigentlich erzählen wollte: dass ich nun das Trainer-Gefühl kennen lerne – jenes Empfinden totaler Ohnmacht, das den beherrscht, der seine Leute aufs Spiel vorbereitet hat, dann aber machtlos zusehen muss, wie sie nicht tun, was er ihnen gesagt hat.Ich sage zum Luis vor dem Spiel: Geh aggressiver in die Zweikämpfe! Zieh dir nicht immer gleich mitten im Spiel die Stutzen hoch, wenn sie dir mal verrutscht sind! Lauf mehr!Und was tut Luis? Geht nicht aggressiv genug in die Zweikämpfe.Zupft sich mitten im Spiel die Stutzen zurecht. Läuft zu wenig.Und man sieht einen Vater unter Vätern am Spielfeldrand oder auf der Hallentribüne, brüllend und gestikulierend, lauter Männer, die sich viel erhofft hatten von dem, was ihren Lenden einst entspross und die nun manchmal müde sind Vater diese Spieler und einfach fertig haben.Kürzlich aber, beim letzten Hallenturnier, stand ich neben einem Herrn von der Gegenmannschaft, der mit rotem Kopf immer wieder ein Wort aufs Feld hinunter schrie: »Zirkolino! Zirkolino!«Zirkolino?, dachte ich, was für ein seltsamer Name für ein Kind! Ein Italiener? Was ist mir da im Italienisch-Kurs entgangen, nie hörte ich diesen Namen. Oder ist es ein Brasilianer, der sich schon in diesem zarten Alter neben seinem Normalnamen einen Kampfnamen zugelegt hat, wie es die Brasilianer ja zu tun pflegen. Ailton. Ronaldo. Ronaldinho.»Zirkolino…«, sagte ich zu Paola, die an diesem Tag neben mir stand und zusah, »hast du je den Namen ›Zirkolino‹ gehört?«Paola, die im Gegensatz zu mir in München aufwuchs, lauschte nun auch unserem Nebenmann bei seinen Rufen. Dann sagte sie, dass der Herr nicht »Zirkolino« rufe, sondern etwas anderes. Sein Sohn heiße nämlich »Linus« und er feuere ihn an, immer wieder feuere er ihn an mit: »Ziag o, Linus!« (Das heißt: Zieh an, Linus! Lauf, Linus!)Vielleicht sollte ich meinen Italienisch-Kurs zugunsten wöchentlicher Mundart-Lektionen verlassen, dachte ich, bevor das Spiel zu Ende war und ich meinem Zirkoluis den Kopf frottierte sowie ihm einige Anweisungen für die kommenden Begegnungen gab.

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