Freiluftkino

Unter freiem Himmel verschwindet alles, was das Vergnügen am Kino ausmacht. Trotzdem ist es beliebt.

Die Nutzung des städtischen Raums wird im Sommer von der Sehnsucht nach einer Verwischung der Grenzen dominiert. Im Zentrum werden Sandstrände aufgeschüttet und Beach-Bars errichtet; Parks oder große Plätze verwandeln sich in Kinos. Der Unterschied von Stadt und Küste, von Drinnen und Draußen soll eliminiert werden.

Freiluftkinos möchten ein sommerliches Gemeinschaftserlebnis stiften. Ein Besuch dort soll sich zum gewöhnlichen Kinoabend so verhalten wie ein Konzert in der Halle zum Open Air. Die Menschen kommen mit Picknickkörben in den Park, breiten ihre Decken und Schlafsäcke aus, und jeder hofft darauf, dass sich in der Menge ein Hauch von Festivalatmosphäre einstellen könnte. Doch tilgt dieses Spektakel nicht genau jenes Körpergefühl, welches das Vergnügen am Kinobesuch erst ausmacht? In der Dunkelheit des Saals, mit den ersten Werbespots und Filmvorschauen, stellt sich im Zuschauer eine angenehme Trägheit ein, eine Schwere des eigenen Körpers, die ihn von den Menschen um sich herum abgrenzt.

Das Kino, im Gegensatz zum Rock- oder Popkonzert, reizt gerade nicht zur Verschmelzung mit den anderen, sondern stärkt das Aufgehobensein in sich selbst. Nicht umsonst sind die Plätze in den Kinosälen (bis auf die kuriose Erfindung der »Pärchensitze«) so klar voneinander abgesetzt, durch auffällig breite, nicht hochklappbare Lehnen zwischen den Stühlen.

Es gibt einen kleinen Text von Roland Barthes, Beim Verlassen des Kinos, der von nichts anderem handelt als von diesem Körpergefühl, dem »kinematografischen Kokon«, der sich um jeden Besucher spinnt. Barthes beschreibt das leicht benommene Heraustreten auf die Straße nach der Vorführung, das fast wie das Erwachen aus einer Hypnose sei.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Vermutlich geht es den Freiluftkinos aber ohnehin weniger um den Film.)

Und vielleicht spüren auch deshalb so viele Menschen den Unwillen, sich draußen sofort über den Film zu unterhalten: Sie wollen noch eine Weile diesen schlaftrunkenen, ganz von den Bildern des Films bestimmten Zwischenzustand auskosten, bevor sie wieder vollends zu sich kommen.

Es ist ersichtlich, wie konsequent das Freiluftkino all diese Erfahrungen durchkreuzt; auf den Wiesen, inmitten der Decken und Schlafsäcke, gibt es keine Grenze mehr zwischen den Besuchern. Das elegische Motto der ältesten Münchner Freiluftkino-Veranstal-tung lautet »Kino, Mond & Sterne« und in dieser Aufzählung sind die prekären Begleitumstände des Formats schon enthalten: die Ausdehnung der Leinwand über ihre Ränder, bis hinauf in den Himmel, die Vermischung von Film und Umgebung.

Doch genau diese Formlosigkeit, dieses Ineinanderübergehen widerspricht dem Gedanken des Kinos, der Konzentration auf jenes Rechteck, dessen Welt zwei Stunden lang ganz die des Zuschauers ist. Vermutlich geht es den Freiluftkinos aber ohnehin weniger um den Film.

Dieser Verdacht wird dadurch bestärkt, dass sie fast alle das immergleiche Programm aus Blockbustern der letzten Jahre präsentieren, niemals Neuvorführungen. Das Geschehen auf der Leinwand ist also eher ein wohlerprobtes Stimulanzmittel zur Erzeugung von Gemeinschaftsgefühl.

Insofern könnte man den Erfolg des Konzepts auch als Indiz jener neuen Sehnsucht nach »Public Viewing« und Kollektiverlebnissen verstehen, die in Deutschland spätestens seit der Weltmeisterschaft 2006 zu beobachten ist und die mittlerweile dafür sorgt, dass auch beschämende Fußballspiele oder Reden ungewählter Präsidentschaftskandidaten von Hunderttausenden Menschen gefeiert werden.

Kinogeschichtlich hat das Freiluftkino seinen Vorläufer, das Autokino, verdrängt. Mitte der Neunzigerjahre, als das eine Format in Deutschland seinen Siegeszug antrat, musste das andere fast alle Spielorte schließen. Beide Schauplätze ähneln sich darin, dass der gezeigte Film Nebensache ist, doch aus ganz unterschiedlichem Grund: Die Liebespaare im Autokino waren mit sich selbst beschäftigt und schätzten die große Distanz zu den restlichen Besuchern, die Anhänger der Freiluftkinos kommen in erster Linie, um in der Menge aufzugehen.

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