»Zwei Finger an der linken Hand waren sofort ab«

Der Zimmerer Benno Thalhammer baut das erste Mal ein Bierzelt für das Münchner Oktoberfest auf. Der Bau fordert ihn körperlich und mental wie bisher kein anderer.

Wenn etwas ruckelt, fasst man als Zimmerer oft reflexartig hin, sagt Benno Thalhammer. Beim Oktoberfest-Aufbau ist das nicht immer von Vorteil.

Illustration: Lina Müller

SZ-Magazin: Wie ist es, als Zimmerer das Oktoberfest mit aufzubauen?
Benno Thalhammer: Die Baustelle auf der Theresienwiese ist einzigartig, ich bin jetzt zum ersten Mal dabei. Als Zimmerer bin ich für die Zeltkonstruktion zuständig. Wir befestigen alle Binder – das sind Bauteile eines Dachstuhls – und stellen die Wände auf. Bodenverlegung, Elektrizitäts- und Sanitärinstallationen übernehmen andere. Ich arbeite hier in Höhen von bis zu 27 Metern. Bei den Wohnhäusern, an deren Bau ich sonst beteiligt bin, sind es höchstens sechs bis sieben Meter. Beim Zeltaufbau ist eben alles größer und höher. Es gibt täglich neue Herausforderungen – manche gefährlich, manche weniger gefährlich.

Was macht die Arbeit gefährlich?
Die riesigen Dimensionen erhöhen die Verletzungsgefahr. Wenn hier etwas abreißt und runterfällt, ist das anders als auf dem Dach eines Carports. Wenn ich mir dort die Finger zwischen zwei Holzbalken einzwicke, schmerzt es zwar, aber wenn mir das hier passiert, sind sie direkt ab.

Ist schon etwas passiert?
In der zweiten Arbeitswoche hat ein Mitarbeiter einen Stahlbalkon aufgestellt und ist dafür mit der Hebebühne gefahren. Anscheinend hatte er die Finger auf dem Geländer und ist gegen einen Stahlträger gekommen – zwei Finger an der linken Hand waren sofort ab. Der Finger ist in solchen Situationen das weichste Glied der Kette.

Wo waren Sie zu diesem Zeitpunkt?
Ich stand mit seinem Chef 20 Meter weiter. Er hat immer wieder nach dem Chef geschrien. Wir haben sofort einen Krankenwagen gerufen und die Hand verbunden. Die Finger waren leider nicht mehr zu retten.

Was hat der Unfall mit Ihnen gemacht?
Es wird einem immer eingebläut: Hände nicht aufs Geländer, Hände nicht in irgendwelche Löcher, immer wissen, wo die Hände sind – und immer einen Fluchtweg zurechtlegen, falls etwas umfällt. Ich rufe mir das oft ins Gedächtnis: »Hände weg, sonst passiert dir das auch!« Aber wenn etwas ruckelt, fasst man oft reflexartig trotzdem hin.

Ändert der Vorfall die Sichtweise auf Ihren Beruf?
Dieser Vorfall war keine große Ausnahme. Solche Geschichten habe ich in der Berufsschule oft gehört. Zimmerer haben sich die Schulter ausgekugelt, sich alles in der Schulter gerissen, sich mit der Kreissäge ins Bein gesägt oder sich den Fuß auf dem Dach festgenagelt. Einmal war jemand von der Berufsgenossenschaft da. Er meinte, dass statistisch gesehen jeder Zimmerer zwei schwere Arbeitsunfälle im Berufsleben hat.

»Ich habe schon Leute getroffen, die fünfmal nachgedacht haben, anstatt es einmal zu probieren«

Wie hoch ist der Druck auf der Baustelle?
Sehr hoch, vor allem der zeitliche Druck. Es gibt eine Frist, und die ist jedem bekannt: der Beginn des Oktoberfests. Außerdem tragen wir eine große Verantwortung: Später darf nichts einstürzen oder herunterfallen. Bei solchen riesigen Menschenmassen spürt man die Verantwortung, die man ja immer hat, noch stärker. Ich will das schaffen und vor allem alle Finger behalten!

Was unterscheidet die Oktoberfest-Baustelle von anderen Baustellen?
Das öffentliche Interesse ist riesig. Hier auf der Wiesn ist ständig die Presse unterwegs, was sonst nicht der Fall ist. Eine Herausforderung sind auch die langen Arbeitszeiten – und wir sind auf Montage: Das bedeutet, dass wir auswärtig arbeiten und in festen Teams. Beim Bau von Wohnhäusern waren es meistens Zweier-Teams, hier sind es Gruppen mit bis zu sieben Leuten. Das ist einfach eine andere Größenordnung – das Oktoberfest, weltbekannt!

Was macht einen guten Zimmerer aus?
Man muss anpacken können. Das klingt vielleicht ein bisschen blöd, aber ich habe schon Leute getroffen, die fünfmal nachgedacht haben, anstatt es einmal zu probieren. Als Zimmerer sollte man pragmatisch denken. Am Ende ist es eine Knochenarbeit, auf die man Lust haben muss.

Und die haben Sie?
Ich habe Lust, ja.

Bald wird das Zelt stehen und die Besucher strömen herein. Was wird das für ein Gefühl sein?
Niemand geht in ein Bierzelt und verschwendet einen Gedanken daran, wer es eigentlich aufgebaut hat. Also, ich habe das als Besucher zumindest nie gemacht. Jetzt fände ich es fast unfair, wenn man nicht an uns Zimmerer denkt. Aber klar, wen interessiert schon der Bau, wenn das Zelt einmal steht?

Sie würden am liebsten jedem Bierzeltbesucher sagen, dass Sie das Zelt mit aufgebaut haben?
Das nicht. Aber es passieren zum Beispiel kleinere Pannen. Man fährt einmal mit dem Stapler aus Versehen irgendwo dagegen – und das sieht man im Anschluss auch. Man kann später im Zelt sitzen und sagen: »Schaut, der abstehende Splitter bei dem Holzbalken, da bin ich mit dem Stapler dagegen gefahren.« Ich finde, das gibt dem Zelt sehr viel Persönlichkeit.

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