Die Gewissensfrage

Muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man auf Facebook Freundschaftsanfragen von Menschen ablehnt, die man im realen Leben nicht zu seinen Freunden zählt?

»Ich erhalte auf Facebook immer wieder Freundschaftsanfragen von Menschen, die ich im realen Leben zwar flüchtig kenne (Arbeitskollegen, Nachbarn), mit denen mich aber nichts Freundschaftliches verbindet. Wie soll ich antworten? Wenn ich ablehne oder nicht reagiere, habe ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich diesen Menschen im Büro oder auf der Straße begegne.« Anke B., Köln 

Warum kennt fast jeder dieses Problem aus sozialen Netzwerken, aber kaum aus dem realen Leben? Weil es dort leichter fällt, eine Freundschaftsanfrage abzulehnen? Vermutlich eher, weil es offline »Freundschaftsanfragen« in dieser konkreten Art kaum gibt, höchstens etwas pathetisch in der Kindheit oder in der Literatur, in Schillers Bürgschaft zum Beispiel: »Ich sei, gewährt mir die Bitte, / In eurem Bunde der Dritte.« Zudem könnte man sie ohne echte Konsequenzen annehmen, denn Freundschaft entsteht außerhalb des Computers nicht durch eine Erklärung, sondern muss gelebt werden. Wenn ein Kollege oder Nachbar im realen Leben die Freundschaft sucht, man aber nicht freundschaftlich verbunden sein will, kann man sich einfach rar machen, dann verläuft sich das meist – ohne explizite Ablehnung und mit allenfalls leichter Verstimmung. Das ist der große Unterschied zwischen analog und digital: Während analog sämtliche Zwischenstufen und -töne kennt, gibt es im Digitalen nur Ja oder Nein.

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Dabei haben digitales und analoges Leben in Bezug auf Freunde mehr gemeinsam, als man meinen möchte: Die amerikanischen Wissenschaftler Nicholas Christakis und James Fowler untersuchten Facebook-Freundschaften näher und stellten fest, dass dort – obwohl die Nutzer damals im Schnitt mehr als 100 »Freunde« hatten – nur bei 6,6 Kontakten Kriterien erfüllt waren, die auf eine wirkliche Freundschaft schließen ließen. Eine Zahl, die sich erstaunlich gut mit den Freundschaften in der realen Welt deckt. Das Problem ist meines Erachtens vor allem eines der Benennung: In Wirklichkeit handelt es sich bei Facebook-»Freunden« nicht um »Freunde«, sondern um »Bekannte«.

Das haben inzwischen auch die Betreiber der sozialen Netzwerke erkannt und bieten – analog-ähnliche – Abstufungen inder Verwaltung der eigenen »Freunde« an. Man kann Kategorien einrichten, zum Beispiel »Kenn ich nur vom Wegsehen« und den dort Gelisteten den Zugriff auf alle persönlichen Informationen verweigern – wie flüchtigen Bekannten im täglichen Leben. Ansonsten muss man es leider aushalten: entweder mit jemandem auf Facebook befreundet zu sein, mit dem man es nicht will, oder das schlechte Gefühl, jemanden brüskiert zu haben. Denn: Auch eine legitime Zurückweisung ist eine Zurückweisung.

Quellen:

Nicholas A. Christakis, James H. Fowler, "Connected! Die Macht sozialer Netzwerke und warum Glück anstrengend ist". S. Fischer Verlag, Fankfurt am Main 2010; unter dem Titel „Die Macht sozialer Netzwerke: Wer uns wirklich beeinflusst und warum Glück ansteckend ist“ als Taschenbuch erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2011. Erhältlich im SZ-Shop.

Friedrich Schiller, Die Bürgschaft, hier online abrufbar

Illustration: Serge Bloch

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