Die Gewissensfrage

Wenn man keine Oliven auf der Pizza mag - soll man diese beim Kellner abbestellen oder lieber übrig lassen?

»Bei meinem Lieblingsitaliener bestelle ich immer die gleiche Pizza, die alles hat, was ich mag, aber auch Oliven, die ich nicht mag. Lasse ich sie liegen, werden Lebensmittel verschwendet, bestelle ich sie ab, kann der Pizzabäcker die Oliven noch einmal verkaufen und verdient doppelt, was ich ihm aber nicht so gönne. Welches Verhalten wäre hier ethisch richtig?« Thomas R., Frankfurt

Ha, endlich mal eine einfache Frage. Natürlich ist es sinnvoller, die Oliven abzubestellen, als sie sich servieren und liegen zu lassen, damit sie dann weggeworfen werden. Alles klar? Ich hoffe, Sie stoßen sich nicht daran, dass ich »sinnvoller« schreibe und nicht »ethisch richtig«, denn wenn ich mich dezidiert dazu äußern soll, wird es haarig.

Zu den bekanntesten Zitaten der neueren Philosophiegeschichte gehört sicherlich Theodor W. Adornos »Es gibt kein richtiges Leben im falschen«. Über Adornos ursprüngliche Intention wird viel diskutiert, deshalb formuliere ich für unsere Überlegungen hier absichtlich anders und neu: »Es gibt kein richtiges Handeln im falschen.« Und damit sind wir bei Ihrer Frage, welches Verhalten hier ethisch richtig wäre: keines von beiden. Denn beide Alternativen gründen darauf, dass Sie sich über den merkantilen Wert von ein paar Oliven im Centbereich Gedanken machen und vor allem dass Sie Ihrem Pizzabäcker diesen Gegenwert oder die Oliven nicht gönnen. Schlicht und einfach Missgunst, noch dazu bei etwas, was Sie nicht mögen. Das ist das Falsche im Sinne des Zitats, und in diesem Falschen können Sie Oliven abbestellen oder auch nicht, ethisch richtig wird dort nichts mehr.

Was soll das alles wegen der paar Oliven, höre ich schon manchen sagen. Ja, vollkommen richtig: Die Oliven sind unwichtig, aber sie zeigen die zugrunde-liegende Haltung auf. Und um die geht es. Die einzig angebrachte Überlegung ist doch: Bekommen Sie gute Pizza bei nettem Service zu einem vernünftigen Preis? Wenn ja, ist alles in Ordnung. Wenn nein, gehen Sie woanders hin. Und wenn Ihnen überall derartige Kleinigkeiten Ungemach bereiten, bleiben Sie vielleicht am besten zu Hause. Das könnte dann womöglich in Bezug auf die Umgebung das ethisch richtige Verhalten sein.

Literatur:  

Das berühmte Zitat von Theodor W. Adorno entstammt seinem Buch Minima Moralia aus dem Jahr 1951, erschienen und seither immer wieder neu aufgelegt im Suhrkamp Verlag, damals Frankfurt am Main, heute Berlin.  
Das Zitat findet sich als Schlusssatz der Miniatur 18 „Asyl für Obdachlose“, das sich mit dem privaten Wohnen und dem Privateigentum beschäftigt.  

Wie Martin Mittelmeier in seinem Aufsatz „Es gibt kein richtiges Sich-Ausstrecken in der falschen Badewanne“ (Recherche. Zeitung für Wissenschaft 4/2009, online abrufbar) ausführt, lautete der Satz in den Typoskripten im Theodor W. Adorno Archiv ursprünglich „Es läßt sich privat nicht mehr richtig leben.“ Zur Einordnung des Zitats ist Mittelmeiers Aufsatz sehr zu empfehlen.  

Lesenswert nicht nur zu diesem Zitat ist auch die Besprechung der Minima Moralia anlässlich der Neuauflage zum 50. Jahrestags ihres Erscheinens im Jahr 2001 durch den Philosophen Martin Seel in der Zeit Nr. 19 / 2001 vom 3.5.2001, online abrufbar

Allgemein zu den Minima Moralia lesenswert: Andreas Bernard und Ulrich Raulff (Hrsg.). Theodor W. Adorno, Minima Moralia neu gelesen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003

Zum Thema Missgunst und teilweise ihr Verhältnis zum Neid:  

Christoph Demmerling, Hilge Landweer, Philosophie der Gefühle, J.B. Metzler Verlag Stuttgart 2007, S. 195-217.  

John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1979, S. 575 ff.  

Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten, Zweiter Teil. Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre, I. Ethische Elementarlehre § 36, Reclam Verlag Stuttgart 1990, S. 349, Akademie Ausgabe S. 458.  

Zur Kulturgeschichte des Neides aus vor allem psychologischer und psychoanalytischer Sicht:  

Rolf Haubl, Neidisch sind immer nur die anderen. Über die Unzufriedenheit, zufrieden zu sein, Verlag C.H. Beck, München, 2009


Illustration: Serge Bloch