Da ist alles drin

Der Handel mit original Olivenöl aus Italien läuft bestens. Aber die Worte »original«, »Oliven« und »Italien« haben dabei nur selten etwas verloren. Ein Report über die größte Panscherei Europas.

»Die Erträge bei gepanschtem Olivenöl sind ähnlich hoch wie beim Kokainhandel, nur die Risiken sind viel geringer«, sagt ein Ermittler vom Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung, der zwei Jahre lang bei der »Arbeitsgruppe Olivenöl« tätig war. Die Arbeitsgruppe ist aufgelöst, das Problem aber bleibt: Immer noch gilt Olivenöl als das am häufigsten manipulierte landwirtschaftliche Produkt in Europa. Es ist deutlich wertvoller als die meisten anderen Pflanzenöle, seine Herstellung kosten- und zeitintensiv – und es lässt sich überraschend einfach strecken. Besonders häufig kommt es in Italien zu Panschereien, dem weltweit führenden Importeur, Verbraucher und Exporteur von Olivenöl. In den letzten zehn Jahren hat Spanien zwar mehr Öl produziert, doch ein Großteil davon wird nach Italien verschifft und dann legal als italienisches Öl vertrieben.

Fast alle Pflanzenöle werden in einer Raffinerie unter Einsatz von Lösungsmitteln, Hitze und immensem Druck aus Keimen und Nüssen gewonnen; die besten Olivenöle dagegen entstehen mithilfe einer einfachen hydraulischen Presse oder Zentrifuge – sie ähneln eher frisch gepressten Fruchtsäften als industriellen Fetten. Die Oliven werden geerntet, wenn sie ihre Farbe von Grün auf Schwarz wechseln; idealerweise werden sie von Hand gepflückt und innerhalb von Stunden gemahlen, um Oxidation und enzymatische Reaktionen zu minimieren, die dem Öl einen unangenehmen Geschmack und Geruch verleihen. Es gibt etwa 700 Olivensorten oder -kulturpflanzen, die geschmacklich in vorschriftsmäßig hergestellten Ölen so deutlich wahrnehmbar sind wie die jeweilige Traubensorte in einem guten Wein. EU-Recht zufolge darf extranatives Öl ausschließlich auf mechanischem Wege (mittels einer Presse oder Zentrifuge) hergestellt werden und muss dabei 32 chemischen Kriterien entsprechen. So muss es einen »freien Säuregehalt« aufweisen, der 0,8 Prozent nicht übersteigt. (Bei Olivenöl ist der freie Säuregehalt ein Anzeichen für Zersetzung.) Bei nativem Öl, der nächstniedrigen Qualitätsstufe, darf der freie Säuregehalt nicht mehr als zwei Prozent betragen. Öl mit einem höheren Prozentsatz an freier Säure wird als »Lampante«, Lampenöl, eingestuft; dieses Öl darf legal nicht als Lebensmittel verkauft werden, es stammt meist von Oliven, die verdorben vom Baum gefallen sind.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie bereits in der Antike mit Olivenöl betrogen wurde)

Die meisten Betrügereien mit Olivenöl sind durch chemische Tests leicht zu entdecken. Im Februar 2005 zerschlugen die Carabinieri der italienischen Gesundheitspolizei NAS einen Verbrecherring, der in mehreren Regionen Italiens operierte, und beschlagnahmten dabei 100?000 Liter gefälschtes Olivenöl mit einem Marktwert von sechs Millionen Euro. Den Panschern, die ihre Produkte in Norditalien und Deutschland vertrieben haben sollen, wird zur Last gelegt, minderwertiges Soja- und Rapsöl mit industriellem Chlorophyll eingefärbt und mit Betakarotin aromatisiert zu haben. Dann wurde es als extranatives Olivenöl in Kanister und Flaschen abgefüllt, mit Fotos der italienischen Flagge oder des Vesuvs verziert und mit folkloristischen Namen erfundener Hersteller versehen: »das Bauernhaus« oder »der Alte Mühlstein«.

Ausgeklügeltere Methoden laufen für gewöhnlich in Hightech-Raffinerien ab, in denen das Öl mit Substanzen wie Haselnussöl und desodoriertem Lampante-Olivenöl gestreckt wird, die sich in einer chemischen Analyse nur schwer nachweisen lassen. Schon 1991 erließ die EU angesichts der Tatsache, dass viele Manipulationen bei Labortests nicht auffallen, strenge Geschmacks- und Aromavorschriften für jede Olivenöl-Güteklasse.

Außerdem richtete sie Verkostungskommissionen ein, die vom International Olive Oil Council amtlich beglaubigt sind – einer Instanz, die von den Vereinten Nationen eingesetzt wurde. Nach den EU-Richtlinien muss extranatives Öl merklich nach Pfeffer schmecken, deutlich bittere und fruchtige Aromen aufweisen und frei von 16 aufgeführten Mängeln sein, darunter Geschmacksnoten wie »muffig«, »moderig«, »Gurke« und »faulig«. »Ist auch nur ein Manko festzustellen, ist es kein extranatives Olivenöl – basta, Schluss, Ende, Amen«, machte mir Flavio Zaramella klar, der Präsident der Corporazione dei Mastri Oleari in Mailand, einer der angesehensten privaten Vereinigungen von Olivenöl-Produzenten.

Flavio Zaramella, ein 66-jähriger ehemaliger Geschäftsmann, stellt seit 1985 Öl aus den Oliven her, die auf seinem kleinen Gut in Umbrien wachsen. »Der Etikettenschwindel ist so weit verbreitet, dass nur wenige Züchter ihr Geld ehrlich verdienen können«, erzählte er mir. Zaramella trat im Jahr 2000 die Präsidentschaft des Produzentenverbands Mastri Oleari an. Er nennt seinen Kampf für die Qualität von Olivenöl eine »Bürgerpflicht« und handelt im Sinne der vielen kleinen Hersteller, die sich schwertun, sich auf einem Markt zu behaupten, der von billigem, gepanschtem Öl überschwemmt ist – ein Betrug, der schon in der Antike gang und gäbe war.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Tankerladungen voll türkischem Haselnussöl -und eine unfähige Justiz)

Griechen und Römer verwendeten Olivenöl zum Essen, bei der Herstellung von Seifen und Balsamen, als Lampen- und Heizbrennstoff, Basis für Parfums und Mittel gegen Herzerkrankungen, bei Magenschmerzen, Haarausfall und übermäßigem Schwitzen. Der griechische Arzt Galenos berichtet von skrupellosen Ölhändlern, die hochwertiges Olivenöl mit billigeren Substanzen wie Schmalz versetzt hatten, und der römische Feinschmecker Apicius liefert ein Rezept dafür, wie man mithilfe gehackter Kräuter und Wurzeln billiges spanisches Öl in teures Öl aus Istrien verwandelt.

Die alten Römer rechneten also mit Etikettenschwindel und ergriffen damals effektivere Präventionsmaßnahmen, als es die Italiener heute tun. Im April gab der Landwirtschaftsminister Paolo De Castro bekannt, dass die Regierung 787 Olivenölhersteller unter die Lupe nehmen ließ und dabei festgestellt hatte, dass sich 205 davon der Streckung, Falschetikettierung und anderer Vergehen schuldig gemacht hatten. Doch es wird Jahre dauern, bis die Fälle bearbeitet sind und die wenigsten Panscher müssen mit einer empfindlichen Strafe rechnen.

1991 deckte die Guardia di Finanza schon einmal einen großen Betrug auf: Der Hersteller Domenico Ribatti hatte Tankerladungen voll türkischen Haselnussöls als griechisches Olivenöl umetikettiert und mit italienischem Olivenöl gepanscht. Im Verlauf der Untersuchungen gegen Ribatti entdeckten Ermittler der EU-Betrugsbekämpfungsbehörde, dass die Tanker auch geschmuggeltes Olivenöl nach Monopoli in Apulien verschifft hatten. Die Beamten verfolgten das Öl zurück zu einem Bekannten von Ribatti mit Namen Leonardo Marseglia, dem Leitenden Direktor einer Oliven- und Pflanzenölfirma in Monopoli. Diese Firma, Casa Olearia Italiana, stieg zu einem der führenden Olivenölimporteure in Europa auf und betreibt eine der weltweit größten Speiseöl-Raffinerien.

1994 führten 80 Agenten der Guardia di Finanza bei Casa Olearia eine Razzia durch und beschlagnahmten Dokumente, in denen Details über vier illegale Schiffsladungen
Öl aufgeführt waren. Im Juli 1996 wurde gegen Marseglia und 16 Geschäftspartner Haftbefehl erlassen, zu den Anklagepunkten zählten Schmuggel, Steuerhinterziehung und das Betreiben eines kriminellen Netzwerks. Drei Wochen später stellte sich Leonardo Marseglia in Begleitung seines Anwalts den Behörden und wurde inhaftiert. Die Staatsanwaltschaft beschuldigte ihn, tunesisches Olivenöl eingeführt zu haben, das fälschlich als Produkt aus Europa deklariert war, womit er die Zollgebühren umging, die auf nicht-europäische Güter erhoben werden. Dazu soll er illegal EU-Fördergelder für Olivenöl kassiert haben, als er das Öl später verkaufte. Trotzdem gelang es der Staatsanwaltschaft auch nach Jahren nicht, eine Verurteilung zu erzielen; 2004 wurde die Anklage gegen Marseglia und Partner abgewiesen, die Verjährungsfrist war verstrichen.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ein echter Italiener verrät, wie man gutes Olivenöl von schlechtem unterscheidet)

In Monopoli steht die Ölfabrik Casa Olearia: Edelstahlsilos, Bürogebäude, Schornsteine und Lagerhallen liegen in einen Hain riesiger Olivenbäume eingebettet. Seit Marseglia den Komplex 1981 gekauft hat, ist er um das Fünfzehnfache gewachsen; 2005 hat die Firma etwa eine Million Tonnen Oliven- und Pflanzenöle verarbeitet. Die italienische Presse taufte Marseglia den »extranativen Baron«. Marseglia aber gab letztes Jahr das Olivenölgeschäft auf und widmet sich ab
sofort der Herstellung von Biodiesel und Elektrizität. In diesen Geschäftsfeldern, so sagte er mir, haben einen die Behörden »weniger am Sack«.

Marseglia ist 61 und besitzt die kräftige Statur, den Stiernacken und die schweren Lider eines gealterten Preisboxers. Abgesehen von seiner Angewohnheit, von sich selbst in der ersten Person Plural zu sprechen, ist er entwaffnend ungezwungen;
ab und zu knuffte er mich freundschaftlich in den Arm, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Ich fragte ihn, ob er sich irgendeines der Verbrechen schuldig gemacht hatte, derer er angeklagt war. »Bis dato wurden wir noch nie wegen irgendetwas verurteilt«, antwortete er. Er fügte hinzu, dass er sich den Unmut der hiesigen Bauern wegen der Importe ausländischen Olivenöls zugezogen hatte, die aber notwendig seien, wie er betont, nicht nur um die Nachfrage in Italien zu decken, sondern auch um die schäbige Qualität einiger Öle aus Apulien anzuheben. »Man muss 600?000 bis 700?000 Tonnen pro Jahr importieren«, sagte er. »Nachdem wir eine Unmenge Öl importiert hatten, um viele schlechte, übel riechende hiesige Ölsorten durch Mischung zu retten, sahen die Menschen darin einen Affront.« Dass er jemals sein Olivenöl mit anderen Pflanzenölen gestreckt hätte, streitet Marseglia ab.

Marseglia schätzt, dass 90 Prozent des in Italien als extranativ verkauften Öls nicht der obersten Güteklasse zuzurechnen seien. »Das ist alles andere als extranativ, was wir hier haben.« Er schien das nicht für ein Problem zu halten. »Zuallererst wollen wir den Menschen gutes Öl liefern«, meinte er. »Das herausragende Öl – das ganze außergewöhnliche Zeug zu 40 oder 50 Euro der Liter, das sich nur ein paar Idioten auf der Welt leisten können – daran denken wir später.« Seine Familie benutze gewöhnliches Öl.

Beim Mittagessen in der Kantine von Casa Olearia zeigte mir Marseglia, was er unter gutem Öl versteht: »Einen Teller Nudeln zu verkosten ist leicht. Ein Glas Wein zu verkosten ist leicht. Ein Stück Obst zu verkosten ist leicht. Öl zu verkosten auch. Es muss eben einen angenehmen Geschmack haben. Schmeckt es unangenehm, ist es nicht gut – das ist doch ziemlich simpel. Und da heißt es, man brauche eine Menge Erfahrung, um sich auszukennen.« Er langte über den Tisch nach einer Flasche Giusto, der Supermarktware seiner Firma, drehte den Verschluss auf: »Riechen Sie das. Riecht es gut oder stinkt’s?« Es roch gut: ein herber, intensiver, grüner Duft, den ich mit Coratina verband, einer in Apulien weitverbreiteten Olivenkultur. Marseglia setzte die Flasche an die Lippen und gurgelte ein wenig. »Man nimmt es also in den Mund, nicht wahr?«, murmelte er durch das Öl. »Entweder ist es ekelhaft und man spuckt es jemandem ins Gesicht oder es ist gut.« Ein gutes Öl, so
fuhr er fort, erkenne man am gefälligen Geschmack und dem angenehmen Gefühl, das im Mund zurückbleibt, wenn man das Öl geschluckt hat.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: »Öl hat keinen Ausweis. Es fließt einfach.«)

Im Januar wurde Marseglia wegen eines anderen Olivenöl-Verbrechens angeklagt, diesmal ging es um Geschäfte mit den USA. Die Ermittler der Guardia di Finanza werfen ihm vor, seine Firma Casa Olearia habe zwischen 1998 und 2004 durch den illegalen Import von 17?000 Tonnen türkischem und tunesischem Olivenöl mehr als 22 Millionen Euro an EU-Zöllen hinterzogen – offensichtlich unter Mithilfe italienischer Zollbeamter. Das Öl wurde in den Labors von Casa Olearia verarbeitet und dort mit anderen Pflanzenölen gestreckt – zumindest vermuten dies die Ermittler, können es aber nicht beweisen. Einen Teil des Öls kauften italienische Firmen, doch der Löwenanteil wurde an Vertreiber in den USA verschifft, die es als italienisches Olivenöl verkauften.

In den USA werden zirka 1,5 Milliarden Dollar Umsatz mit Olivenöl erzielt; der US-Markt ist der größte außerhalb Europas und wächst jährlich um zehn Prozent.
Im Februar 2006 beschlagnahmten die US-Bundesbehörden in einer Lagerhalle in New Jersey etwa 61?000 Liter vermeintliches extranatives Olivenöl und 26?000 Liter eines Olivenöls minderwertigerer Qualität. Im September mussten sich Marseglia und fünf Geschäftspartner bei einer Anhörung in Apulien für ihre Rolle bei den Geschäften mit den USA erklären. Die Anklage lautet auf Gründung eines kriminellen Netzwerks zum Zwecke des Schmuggelns, aber ein Ermittler, der mit dem Fall vertraut ist, meint, dass Marseglia nicht Gefahr laufe, verurteilt zu werden. »Er genießt Schutz
von allerhöchster Stelle, quer durch das gesamte politische Spektrum.« Marseglia wollte sich in Anbetracht des schwebenden Verfahrens zu den Vorwürfen nicht äußern, meinte jedoch, dass er damit rechne, für unschuldig befunden zu werden – wie in allen früheren Untersuchungen.

Paolo De Castro, der Landwirtschaftsminister, hat ein klares Ziel: »Wichtig ist, dass die Leute sich nicht wie Mafiosi benehmen und dass tunesisches Öl nicht als extranatives Olivenöl aus Apulien deklariert wird.« De Castro fügte hinzu, man könne ziemlich einfach verhindern, dass die Öffentlichkeit hinters Licht geführt wird: »Schön aufs Etikett schreiben, woher das Öl kommt, und es gibt kein Problem«, meint er. Doch Leonardo Marseglia glaubt nicht daran: »Öl hat keinen Ausweis. Es fließt einfach.«

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