Warum Bierdeckel alles andere als harmlos sind

Eigentlich wollte unser Autor eine Hymne auf das Stück Pappe am Tresen schreiben, auf das schon sein Vater und Großvater ihr Bier gestellt haben. Doch dann hat er recherchiert – und enttäuschende Dinge erfahren.

Foto: Maurizio Di Iorio

Eigentlich sollte dieser Text ein Loblied auf den Bierdeckel werden. Es ist nämlich so, dass ich mich jedes Mal, wenn ich in einem Wirtshaus sitze und mein Bier auf so ein Stück getrockneten Holzbrei stelle, für zwei Sekunden freue.

Weil schon mein Vater und mein Großvater ihr Bier auf einen Bierdeckel gestellt haben. Weil sich manche Dinge erfolgreich gegen ihre Optimierung wehren. Weil offenbar noch nichts Besseres erfunden worden ist, um Bierschaum möglichst erfolgreich davon abzuhalten, sich in die frisch gestärkte Tischdecke zu mogeln. Weil so ein Bierdeckel also nicht nur charmant und irgendwie poetisch ist, sondern auch eine zu Ende gedachte Idee, ein Meisterwerk der
Präzi­sion, ein Symbol der Vielfalt, weil es ihn weltweit und in sämtlichen Farben und Formen, also rund, quadratisch, sechs- oder achteckig gibt. In sentimentalen Momenten kommt mir der Bierdeckel so unbefleckt von den Zumutungen der Spätmoderne vor, dass er mich an dieses gallische Dorf erinnert, das sich seit Jahren erfolgreich gegen die römische Besatzungsmacht wehrt. Dann kann ich es kaum fassen, dass noch kein Student von der Uni Witten-Herdecke einen digitalen Bierdeckel mit integriertem Alkomat erfunden und den im Slimfit-Anzug in Die Höhle der Löwen auf Vox präsentiert hat. Das also war mein Plan, eine Hymne, nicht ganz ernst gemeint, aber ein bisschen eben doch – und dann habe ich recherchiert und grausame Dinge erfahren:

Nicht nur dass Friedrich Merz den Bierdeckel schon vor Jahren mit seiner Idee für ein einfaches Steuersystem besudelt hat, nein, viele weitere Gauner haben sich an ihm vergriffen, haben ihn instrumentalisiert, hintergangen und für ihre Zwecke missbraucht: Die Rugendorfer Feuerwehr hat ihn mit einem Aufnahmeantrag bedruckt. Ein Unternehmen stellt Bierdeckel her, die nach Apfel oder Schokolade riechen. Es gibt ihn mit politischen Slogans bedruckt, die irgendwas mit Demokratie oder Nachhaltigkeit zu tun haben, es gibt ihn als Augmented-Reality-Bierdeckel, der einen, wenn man sein Handy dagegenhält, zum nächsten Gewinnspiel lotst. Es gibt Bierdeckel mit Kreuzworträtsel, Rubbelfeld, Bibel- und Flirt­sprüchen (»Du bist die wahre Ursache der Erderwärmung«), ein Bier­deckel vom Hofbräuhaus Traunstein hat vor Jahren sogar mal einen Sexismus-Skandal ausgelöst, weil wieder mal ein pfiffiger Entscheider seine erste Idee schon genial fand und zwei üppig eingeschenkte Bierkrüge vor einem üppigen Dirndl-Dekolleté draufgedruckt hat.

Der Bierdeckel ist nicht unbefleckt, sondern im Gegenteil: warenförmig, selbstentfremdet

Ich habe mich getäuscht. Der Bierdeckel ist nicht unbefleckt, sondern im Gegenteil: warenförmig, selbstentfremdet, ein Symbol des Spätkapitalismus, der nichts, aber auch gar nichts in Frieden vor sich hin existieren lassen kann. Vor ein paar Jahren erfanden fünf Studenten den »Freunzl« – das Wort setzt sich zusammen aus »Freund« und »Fuizl«, was auf Bairisch »Filz« meint. Der »Freunzl« ist ein Bierdeckel aus Kork mit einer Aussparung an der Seite. Stellt man sein Glas darauf, kippt es um, es sei denn, man legt sein Handy drunter. Die Idee dahinter: Man kommt nicht mehr an sein Smartphone ran, das Glas steht gerade und im Wirtshaus schaut keiner mehr aufs Handy, sondern tut, was man in einem Wirtshaus tun sollte: reden, schweigen, trinken, nicken, streiten, sich versöhnen. »Weniger tippen, mehr reden!« lautete das Motto. Eine hübsche Idee war das, der Bayerische Rundfunk sendete damals sogar ein Interview mit den Gründern. Traurig nur, dass ich noch nie einen »Freunzl« gesehen habe. Sie etwa? Wieder mal haben die Falschen gewonnen.