Als ich wusste, wir sind Freunde für immer

In welchem Moment manifestiert sich eine Freundschaft? Wenn der Freund mit einem am Grab steht, um einem beizustehen? Wenn er Hunderte Kilometer für einen fährt, nur damit man sich kurz sieht? »SZ«-Autoren erzählen von ihrem #freundschaftsmoment.

    »Lean on me when you're not strong«: Nicht nur Bill Withers hat die Freundschaft besungen

    Foto: photocase.de / davidpereiras

    Wenn Paartherapeuten ein Liebespaar, das sich auseinandergelebt hat, wieder zu dem geistigen Ort führen wollen, wo alles begann, fragen sie oft nach dem Gründungsmythos: Wie war das, als Sie beide sich zum ersten Mal sahen, sich kennenlernten? Was ließ Sie für den anderen Feuer fangen? Kann man als Nicht-Paartherapeut ausprobieren, man wird feststellen: Den Leuten huscht unweigerlich ein Strahlen übers Gesicht und im Raum breitet sich eine ungeahnte Wärme aus.

    Freundschaften unterscheiden sich von Liebesbeziehungen. Sie beginnen nur selten mit einem Urknall, auf den sich beide einigen können. Sie fangen unspektakulär in Sandkästen an, in Klassenzimmern, in Volleyballmannschaften. Sie schleichen sich ein wie eine Gewohnheit, die schönste vielleicht, die es gibt. Und mit der Zeit, wenn man schon eine Weile mit dieser Gewohnheit lebt, weiß man plötzlich um ihren Wert. Da ist diese Schatzkiste voller Erinnerungen, die man miteinander teilt, und je mehr sie enthält, desto fester ist die Freundschaft. Oder geht es gar nicht um die schiere Anzahl der Erinnerungen, sondern um deren Qualität, ihren Tiefgang? Wir haben herumgefragt und gesammelt: Wann wusstest du, diesen Freund willst du für immer behalten? Die Geschichten, die wir zurückbekamen, handeln von Ehrlichkeit, Treue, Beistand und blindem Verständnis. Was ist Ihre Geschichte? Schicken Sie sie uns an online@sz-magazin.de oder teilen Sie sie in den sozialen Netzwerken mit dem Hashtag #freundschaftsmoment.

    Kai und ich waren schon lange enge Freunde, als diese Geschichte passierte, so eng, dass wir einander Brüder nannten, nicht mit Ghetto-Faust, sondern von Herzen. Trotzdem hat unsere Freundschaft für mich seit dieser Geschichte eine andere Dimension. Die Geschichte ist kurz. Wir telefonierten, es ging um einen Abend mit ihm und mir und anderen, den ich organisieren sollte, er war in irgendwas anderer Meinung als ich, und ich sagte: »Fuck you.« Es vergingen zwei Sekunden, dann sagte er: »Oh Mann, dir geht’s ja wirklich nicht gut.« Er hätte zurückschnauzen, schweigen, auflegen können, stattdessen tröstete er mich. Er hatte natürlich Recht. Ich sage sonst nicht »Fuck you«, egal zu wem. Ich platzte, weil es mir sehr schlecht ging, schlecht mit meiner damaligen Freundin, schlecht mit mir selbst. Ich hatte Kai vorher schon vertraut. Aber jetzt merkte ich: Er vertraute mir so sehr, dass ich ihn sogar beleidigen durfte. Seitdem vertraue ich ihm noch viel mehr, nämlich blind.
    Marc Schürmann

    Als ich von meinem Freund erst betrogen und dann verlassen wurde, endete ich nachts betrunken und heulend am Fluss. Ich habe von dort aus meinen besten Freund angerufen, der mich trotz unzusammenhängender Aussagen meinerseits sofort gesucht, gefunden und abgeholt hat – und dann durfte ich neben ihm und seiner Freundin im Bett schlafen, um nicht alleine sein zu müssen.
    Valerie Dewitt

    Wir waren in Lissabon shoppen und kamen beide gleichzeitig aus der Umkleidekabine, im gleichen Oberteil. Wir lachten, und plötzlich wurde sie ernst und sagte: »Nimm du es. Dir steht's besser.«
    Danijela Pilic

    Ich hatte mal ein Problem. Erkläre Philip breit und umständlich, um was es geht, frage nach seinem Rat. Er sagt: Schwierig, muss mal überlegen. Vier Wochen später, das Problem hatte sich längst von selbst erledigt, spricht er mich an: Du, Lars, du hast mich doch neulich um meine Meinung gefragt, ich hab mir dazu folgendes überlegt: …
    Lars Reichardt

    Neulich war mein bester Kumpel auf der Durchreise in der Stadt, für ein, zwei Stunden trafen wir uns auf ein Bier in einem Café. Irgendwann sagte er ernst: »Ich glaube, ich bin Alkoholiker.« Da wusste ich, was ich für ihn bin und immer sein werde: der einzige, zu dem man so ehrlich sein kann, wie zu diesem winzigen Teil tief in sich selbst.
    Stephan D.

    Jörg kenne ich, seit wir 18 waren. Das sind bald 40 Jahre. Er lebt wieder in unserer Heimatstadt am Niederrhein, um die Ecke von meiner Mutter. Wir sind richtig gute Freunde, auch wenn wir uns manchmal nur einmal im Jahr sehen. Wir können zusammen albern sein wie früher. Als ich das letzte Mal bei meiner Mutter war, wollten Jörg und ich uns vormittags zum Kaffee treffen. Nachmittags musste ich zurück nach München. Im Lauf des Vormittags wurde mir klar, ich schaffe das mit dem Kaffee nicht. Ich rief Jörg an und sagte ihm das. Er war nicht beleidigt, sondern meinte, ich bring dich mit dem Auto nach Düsseldorf, dann sparst du dir einmal Umsteigen und wir haben eine Stunde miteinander. Dafür saß er zwei Stunden im Auto.
    Gabriela Herpell

    Als ich um die 40 war, hatten zwei meiner besten Freundinnen gerade Kinder bekommen. Die Dritte war immer sehr freiheitsliebend gewesen, die meiste Zeit war sie single, »nicht so der Muttertyp«, sagte sie immer. Am ersten Abend unseres jährlichen Wellness-Wochenendes verkündete sie, sie sei frisch verliebt und in der elften Woche schwanger. Zu diesem Zeitpunkt versuchte ich seit Jahren, mit meinem Mann ein Kind zu bekommen. Ich hatte bereits eine teure und psychisch belastende Kinderwunsch-Behandlung angefangen, zwei Fehlgeburten hinter mir, meine Beziehung kriselte. Simone, meine älteste Freundin aus der Viererrunde, wusste von all dem. Sie sah wie ich angesichts der Neuigkeit um Fassung rang, lenkte nach den üblichen Glückwünschen gefühlvoll das Thema auf etwas anderes. Und nahm unter dem Tisch ganz kurz meine Hand.
    Susanne K.

    Ich studiere Regie an der Filmakademie in Wien. Mein größter Traum ist es, Regisseur zu werden. Vor einigen Jahren habe ich meinem besten Freund Patrick einen meiner ersten Kurzfilme, den ich auf der Filmakademie gedreht habe, gezeigt. Seine Reaktion war: »Özgür, der ist nicht gut.« Von da an wusste ich, Patrick ist ein echter Freund. Ihm war bewusst, dass sein Urteil mich ins Mark treffen würde – aber er wusste auch, dass mir nichts auf der Welt so wichtig war, wie beim Film besser zu werden. Er hatte beides abgewogen, seine Ehrlichkeit war letztlich ein Freundschaftsbeweis.
    Özgür Anil

    Es gibt keinen Menschen außerhalb meiner Familie, der mich länger und besser kennt als Christoph. Seit dem sprichwörtlichen Sandkasten, in dem wir uns zum ersten Mal trafen. Wir waren nämlich Nachbarskinder, gingen dann zur gleichen Schule, wohnten später in einer WG, bis sich unsere Lebenswege trennten. Auch wenn wir uns nur noch sporadisch sehen, wird er immer mein bester Freund bleiben. Er hat es mir so oft bewiesen, am meisten aber als ich zur Beerdigung meiner Ex-Freundin, mit der ich zehn Jahre zusammen gewesen war, musste und nicht wusste, wie ich diesen Tag überstehen soll. Was ich all diesen Menschen sagen soll, die mich so mitleidig ansahen, als ich eine Blume in ihr Grab warf. Christoph sagte gar nichts, weil es nichts zu sagen gab, sondern tat etwas, was er noch nie getan hatte: Er nahm mich einfach sehr fest und sehr lange in den Arm.
    Thomas Bärnthaler

    Meine Mitbewohnerin und ich wollen nach meinem Studium ein paar Monate gemeinsam verreisen. Aber wir haben nie Geld. Deswegen haben wir vor Kurzem beschlossen, in ein Zimmer zu ziehen und das zweite in unserer Wohnung unterzuvermieten. Das gesparte Geld reicht dann schonmal für den Flug.
    Sabrina Zeltner

    Dass ich mit Caro gut befreundet bin, wusste ich, als sie mir mit 20 mal verzieh, dass ich ihr die Haare völlig verschnitten hatte. Dass es wahre Freundschaft ist, wurde mir aber erst vor etwa drei Jahren so richtig klar. Caro lebt mittlerweile in Kenia, wir sehen uns nur selten, und sie wollte gern mit mir Urlaub machen. Ich wollte auch, natürlich, aber ich war zu dieser Zeit ziemlich verliebt – und führte mit meinem Freund eine Fernbeziehung. Ich hatte deshalb das Gefühl, jede freie Minute mit ihm verbringen zu müssen, den Urlaub erst recht. Weil Caro das verstand, schlug sie vor, einfach mit uns zusammen zu verreisen, zu dritt, sie und ein verliebtes Pärchen. Obwohl ihr eigener Beziehungsstatus gerade kompliziert war. Wir flogen gemeinsam nach Buenos Aires und Montevideo, teilten uns ein Hostelzimmer, riesige Steaks und viele Flaschen Rotwein. Für mich war es toll, mit zwei geliebten Menschen gleichzeitig unterwegs zu sein, aber für Caro? Als ich sie einige Zeit später fragte, warum sie das gemacht habe, sagte sie nur: »Du bist meine Freundin. Darum.«
    Sara Peschke

    Eine gute Freundin hat mir mal ein Bayern-Trikot geschenkt, ich liebe diesen Verein. Sie selbst ist krasser BVB-Fan. DAS ist wahre Freundschaft.
    Florian Gabrielian

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