Lost in Zeitzone

Wer viel reist, kennt das: Am anderen Ende der Welt angekommen, ist man dann wach, wenn alle anderen schlafen - und umgekehrt. Was tun? Unsere Kolumnistin Andrea Petkovic nutzt diese Zeit gern für skurrile Kinobesuche. 

»Irgendwie fühle ich mich trotzdem realitätssexy«

Foto: Privat

Der Dalai Lama verbringt die erste Nacht an einem anderen Ort immer im Flughafenhotel. Er sagt, seine Seele brauche eine Weile, bis sie nachkommt. Ich glaube, im Westen der Nichtspiritualität nennt man das einfach Jetlag. Die Erklärung des Dalai Lamas trifft trotzdem einen Nerv bei mir, denn die Kombination aus Schlaflosigkeit, Dehydrierung und Scheinrealität auf Langstreckenflügen führt auch bei mir zu seltsamen Wahrnehmungsverzerrungen. Körper und Seele arbeiten da irgendwie nicht ganz im Gleichtakt.

Um mich herum scheint eine riesengroße Seifenblase zu wabern, die Farben außerhalb dieser Blase sind gleichzeitig greller und gedämpfter, Geräusche verschmelzen zu einem monotonen Hintergrundrauschen und meine Gedanken bewegen sich im Zeitlupentempo fort.

Der einzige mir bekannte Film, der genau diese Stimmung einfängt, ist Sofia Coppolas »Lost in Translation«. Ich schaue ihn mir im Jahr mindestens vier- bis zehnmal an, weil ich mich so schön verstanden fühle. Wenn ich dann nachts schlaflos an die Decke starre, denke ich oft an den Film. Aber da ich in meinem echten Leben immer noch Sportlerin bin, kommt es nur bedingt in Frage, dass ich mich an irgendeine Hotelbar setze, das Whiskey-Glas in der einen und die Zigarette in der anderen Hand, um mit vor dem Rauch zusammengekniffenen Augen fremde Menschen zu beobachten.

Ich setze mich dafür oft auf die Fensterbank des Hotelzimmers, sofern es eine gibt, und je höher die Etage meines Zimmers ist, desto besser. Ich sehe dann natürlich nicht so schön und sinnlich aus wie Scarlett Johannson in »Lost in Translation«, mein Haar ist eher wirr, mein Gesicht zieren die Abdrücke des Kissenbezugs und vielleicht hängt sogar ein bisschen Sabber in meinem Mundwinkel. Aber irgendwie fühle ich mich trotzdem realitätssexy. Quasi-verrucht. Ich blicke durch die Scheibe und stelle mir vor, mein Leben wäre ein Film und Einsamkeit ein Teil meiner mysteriösen Ausstrahlung.

»Ich stelle mir vor, mein Leben wäre ein Film und Einsamkeit ein Teil meiner mysteriösen Ausstrahlung«

Wenn ich es auf dem Zimmer nicht mehr aushalte, gehe ich manchmal in Kinovorstellungen, die zu den unmöglichsten Zeiten stattfinden. Um 11.40 Uhr vormittags zum Beispiel. Es sind dann außer mir meistens noch eine Handvoll steinalter Menschen im Kino, die aus der Zeit gefallen zu sein scheinen und ihren besten Sonntagsanzug tragen. Oder ich gehe um 1 Uhr morgens in eines der größten Kinos der Welt (eines der größten Kinos der Welt befindet sich in Seoul, in einer der größten Malls der Welt, die auch einen Freizeitpark beheimatet und »Lotte World« heißt) und schaue mir Blockbuster wie »ES« an. 

Um 1 Uhr morgens möchten nur wenige Südkoreaner amerikanische Horrorfilme sehen, wie ich erfahren durfte. Die Leinwand in der »Lotte World« war so groß wie alle Kinoleinwände Darmstadts übereinander gestapelt, die koreanischen Untertitel waren so groß wie ich und Pennywise, der Clown, sprach zu mir alleine. Obwohl ich das Buch ungefähr zehnmal gelesen habe, erschrak ich bei jedem Schockmoment zu Tode. Das Gute daran: So eine kleine Schockkur ist sehr wohltuend, wenn man einen Jetlag hat, sie führt Kopf und Körper auf die harte Tour wieder zusammen.

Vielleicht sollte ich das dem Dalai Lama mal vorschlagen – denn es gibt wirklich schönere Orte als Flughafenhotels, um auf seine Seele zu warten. Ich weiß, wovon ich spreche.

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