Nie wieder Pinterest

Küchenfronten zu streichen, ist doch super leicht. Also angeblich. Eine Abrechnung mit den Versprechungen der Selbstmach-Plattform.

In der Theorie sieht Heimwerken immer nett aus – aber das Erbebnis würden oft die wenigsten fotografieren.

Foto: dlinca/istock

Früher habe ich gerne Theater und Gitarre gespielt. Heute habe ich leider ein weniger aktives Hobby: Ich schaue mir Fotos von hübschen Wohnungen an, während ich auf dem Sofa liege. Nichts entspannt mich mehr, als durch einen endlosen Strom schöner Wohnungen zu scrollen. Sie folgen alle dem gleichen Muster: Altbauten mit breiten Dielen, vielen Pflanzen und weiten Flügeltüren.

Ich finde das Futter für meine Hübschewohnungssucht bei Instagram oder Pinterest. Aber je länger ich auf diesen Plattformen unterwegs bin, desto mehr absolut nicht fototaugliche Ecken entdecke ich in meiner eigenen Wohnung: die leicht angelaufenen Fronten meiner Ikea-Küche, die komisch leere Ecke neben dem Wäschekorb im Badezimmer. Und dann wird Pinterest mir gefährlich. Denn dort sind die Wohnungsbilder verbunden mit Anleitungen, wie auch die eigene Wohnung herzeigbarer werden könnte. Die Plattform besteht vor allem aus Anleitungen zum Kochen oder Selbermachen.

»Ikea Hacks. Schönes Zuhause für wenig Geld!«

»Diese 10 Tipps lassen deine Räume größer wirken«

»18 geniale Tricks, die dein Bad verschönern«

All die Artikel eint: Es gibt keinen Singular, nur Listen. Warum ein Salatrezept, wenn man auch Rezepte für »30 lazy summer dinners« anbieten kann? Außerdem versprechen die Anleitungen immer, dass es »einfach«, »günstig« oder »schnell« geht. Wer sich einmal getraut hat, eine der Pinterest-Anleitungen umzusetzen, weiß: Das ist Hohn.

Es gibt einen Heimwerk-Trend in Deutschland. Seit 2015 steigen die Umsätze der großen Bau- und Heimwerkermärkte. Bei einer Studie, die YouGov und Statista zwischen 2014 und 2017 durchführten, gab ein Viertel der befragten Personen zwischen 30 und 39 an, im vergangenen Monat etwas durch Handarbeit hergestellt zu haben.

Aber all die wahren Heimwerker wissen auch: Nichts an dem Vorgang ist einfach. Es geht um die Rückschläge. Darum, dass Sachen schieflaufen, Farbe verschmiert, Schrauben wieder herausgedreht und Löcher wieder zugespachtelt werden müssen. Das ist die wahre Heimwerkerfahrung.

Sie steht im krassen Gegensatz zu den Einfach-Günstig-Schnell-Versprechungen von Pinterest. Es gibt dort zwar viele Anleitungen, bei denen einem das von Anfang an klar ist. Dass ein Schuhregal aus Plastikrohren oder eine Wanddeko aus Klopapierrollen auf einem Profi-Foto gut aussieht, aber im echten Leben eher nicht so, kann ich auch als Laie einschätzen.  Aber ich schreibe diese Zeilen mit mintfarbenen Flecken auf meinen Armen und Beinen. Denn ich bin auf Pinterest hereingefallen, mal wieder. Ich bin bei einem Artikel hängengeblieben, der erklärte, wie super »einfach« es sei, seine Küchenschränke zu lackieren. Die Schränke leicht anschleifen, lackieren, schöne Griffe dranschrauben, schon sieht die ganze Küche anders aus. Mit hässlichem Vorher- und wunderschönem Nachher-Bild.

Ich fuhr am nächsten Tag gut gelaunt in den Baumarkt, kaufte Schleifpapier, einen mintfarbenen Lack (in der Überzeugung, dass in dieser Farbe sowieso alles immer gut aussieht), eine Wanne für die Farbe und einen Roller, um den Lack gleichmäßig aufzutragen. An der Kasse freute ich mich: Wow, die Küche umgestalten für unter 50 Euro. Bei Pinterest würde es heißen: »super cheap«.

Mittlerweile war ich drei Mal im Baumarkt und zwischendrin kurz davor, meine Küche einfach herauszureißen. Denn zehn Minuten nach der ersten Lackschicht war es mit meiner Freude vorbei: Auf der Oberfläche bildeten sich feine Luftblasen. Ich fuhr noch einmal mit dem Roller darüber. Es machte alles noch viel schlimmer: Die Luftblasen waren immer noch da, und der Rest des Lacks war auf einmal nicht mehr glatt, sondern rau, weil ich noch einmal über die angetrocknete Farbe gerollt hatte.

Jetzt nach der vierten Schicht Farbe sehen die Küchenschränke ok aus, im Sinne von: Wer unter einer Minute in meiner Küche steht, könnte sie schön finden. Und wenn man sie bei gutem Licht fotografieren würde, könnte ich sie auf Pinterest stellen.

Aber wenn ich jemals noch mal auf die Idee kommen sollte, in meiner Wohnung irgendetwas selbst zu machen, werde ich garantiert nicht mehr auf Pinterest nachschauen, sondern so lange nach Internet-Blogs suchen, bis ich die Anleitung eines Hobby-Heimwerkers finde. Der hat auf seinem Blog zwar vielleicht keine Vorher-Nachher-Bilder, aber schreibt die Wahrheit über Luftblasen.

Artikel teilen: