Koffein, bitte!

Axel Hacke philosophiert über Lebensziele, Halluzinationen und die Unerlässlichkeit des Kaffeetrinkens.

Illustration: Dirk Schmidt

Zu jenen Menschen, die ohne Kaffee nichts führen konnten, das man ein Leben hätte nennen können, ja, die überhaupt erst durch den Genuss von Kaffee zu ihrer wahren und großen Lebensform aufliefen, gehörte der Wiener Rechtsanwalt Hugo Sperber (1885–1938), der von Friedrich Torberg in der Tante Jolesch gebührend gewürdigt wurde. Einmal, schrieb Torberg, habe Sperber einen Einbrecher verteidigt, dem der Staatsanwalt besondere Dreistigkeit vorwarf, weil er seine Tat bei Tageslicht begangen habe. Als nun dieser Ankläger in einem zweiten Prozess denselben Angeklagten der Heimtücke bezichtigte, weil er diesmal im Schutze der Nacht eingebrochen hatte, rief der Rechtsanwalt: »Herr Staatsanwalt, wann soll mein Klient eigentlich einbrechen?« Sperber übrigens, so Torberg, träumte von einem Werbeplakat für seine Kanzlei, auf dem stehen sollte: »Räuber, Mörder, Kindsver­derber / gehen nur zu Doktor Sperber!«

Dieser Mann nun pflegte sich auf anstrengende Prozesse im Wiener »Café Herrenhof« durch Einnahme einer nach ihm benannten Spezialität vorzubereiten, des Sperbertürken, eines doppelten, mit Würfelzucker aufgekochten türkischen Kaffees, der ebenso zu den Besonderheiten dieses Kaffeehauses gehörte wie der überstürzte Neumann, benannt nach einem anderen Stammgast: In diesem Fall wurde Schlagobers nicht auf dem bereits fertigen Kaffee platziert, sondern im Gegenteil zuerst der Schlagobers in die Tasse getan, dann der Kaffee darüber gestürzt.

Ja, so etwas liest man heute als Kaffeetrinker und träumt davon, es auch einmal zu erreichen, dass ein Kaffee nach einem benannt würde, man würde also ins Café gehen und einen Hacke macchiato bestellen, das wäre ein heißer Espresso mit kaltem Milchschaum, gibt es das an Sommertagen irgendwo außerhalb meines Büros? Wahrscheinlich schon, aber es heißt halt anders. Na, man hat so seine Ziele …

Vor längerer Zeit las ich eine Studie der La Trobe University in Melbourne, wonach Menschen, die viel Stress hätten und dazu fünf oder mehr Tassen Kaffee pro Tag trünken (o, trünken ist schön, was?), zu Halluzinationen neigten: Man spielte ihnen zum Beispiel ein weißes Rauschen vom Tonband vor und bat sie, sich zu melden, wenn White Christmas von Bing Crobsy erklönge (ja, erklönge!). Wer Stress und einen hohen Koffeinspiegel hatte, hob sehr viel häufiger den Finger – und das, obwohl der Song überhaupt nie gespielt worden war.

Die Untersuchung bestätigte damals das allgemeine Vorurteil, man solle mit dem Kaffeekonsum besser vorsichtig sein. Nun aber erfahren wir durch die British Heart Foundation, selbst 25 Tassen Kaffee am Tag hätten keine Auswirkungen auf die Blutge­fäße, was jene Annahmen widerlege, wonach zu viel Koffein die Arterien verkalken lasse und so den Druck aufs Herz erhöhe. 25 Tassen Kaffee! Das ist eine Menge, die mancher kaum im Tagesablauf unterzubringen wüsste, der Arbeitstag müsste in Kaffeetag um­benannt werden, die Kaffeepause in Arbeitspause. Balzac soll während der Arbeit an der Comédie humaine fünfzig Tassen täglich getrunken haben. Er wurde auch nur 51 Jahre alt und war ab dem 44. Jahr eigentlich immerzu krank. Dafür jedoch hat sich eine Kaffee­firma nach ihm benannt, er hat’s geschafft.

War es Torberg oder Alfred Polgar, der sinngemäß gesagt hat: Gesundheit hin oder her, ohne Kaffee könne er nun mal nicht schreiben, und er lebe aber vom Schreiben, also … Ich warte jetzt auf eine Studie amerikanischer Wissenschaftler, wonach ein Auto, das 25 Liter Benzin auf hundert Kilometer verbrauche, dem Klima in keiner Weise schade. Außerdem wäre es schön, wenn am Ende jedes Textes verzeichnet wäre, wie viele Tassen Kaffee (oder andere Elixiere) der Autor beim Verfassen genossen habe.

Und wenn jetzt jemand White Christmas leiser stellen könnte, bitte …?