Es fährt kein Zug nach Irgendwo

Bahnfahren war in den letzten Monaten wie eine große Tombola – mit etlichen Nieten im Topf. Kaum zu glauben: In der Bahn-Statistik gelten ausgefallene Züge nicht mal als unpünktlich.

Illustration: Nishant Choksi

Bis Ende August lief bei der Bahn eine Aktion mit dem Titel: »Jede Fahrt ein Los!« Fahrgäste konnten Preise gewinnen, wenn sie Punkte für das Prämienprogramm sammelten. Für mich fühlte es sich allerdings so an, als sei das gesamte Bahnfahren in den letzten Monaten endgültig zum Glücksspiel geworden – mit den sehr seltenen Gewinnen, dass mal ein Zug kam. Dreimal buchte ich für meine kleine Familie – Freundin, Baby, ich – ein Ticket. Dreimal hieß es »Zug fällt aus« oder »Halt entfällt«. Einmal buchte ich zudem für meine betagten Eltern eine Fahrt von Hamburg gen Süden – auch dieser Zug fiel aus. Der eine Stunde später, den ich daraufhin stattdessen online reservieren wollte, war restlos ausgebucht; der übernächste fiel wieder aus. Nur an einem der vier Tage, an denen diese Fahrten ausfielen, lag die Tageshöchsttemperatur über 30 Grad. Unwetter oder Unwetterfolgen gab es auch nicht. Das Wetter kann – wenn man das überhaupt gelten lassen möchte – also allenfalls an einem der Tage als Entschuldigung für den Zugausfall herhalten.

»Je mehr Sie fahren, desto höher die Gewinnchance«, dieser Satz aus den Emails, mit dem die Bahn für ihr Gewinnspiel warb, er klang wie Hohn. »Je mehr Sie fahren, desto mehr Ärger haben Sie«, hätte es heißen müssen. Erst recht verkohlt fühlte ich mich, als ich herausfand, dass die ausgefallenen Züge laut Statistik der Bahn nicht mal als verspätet gelten. Die Bahn zieht diese zunächst von der Gesamtzahl ihrer Züge ab, bevor sie den Anteil der verspäteten Züge bekannt gibt. Sie tut in ihrer Statistik also so, als gäbe es diese Züge überhaupt nicht. Dabei sind zehn Minuten Verspätung nichts gegen den Ärger, den wir Fahrgäste haben, wenn der Zug komplett ausfällt – zum Beispiel wenn man, wie wir, mit Kinderwagen und viel Gepäck an einem verkehrsreichen Tag auf einen ausgebuchten Zug umsteigen muss, dann natürlich ohne Reservierung. Da tröstet mich auch keine Entschädigung, die ohnehin so umständlich zu beantragen ist – Thema einer der nächsten Kolumnen –, dass ich meistens darauf verzichte. Ein ausgefallener Zug müsste mit hundert multipliziert in diese Statistik eingehen!

Wenn die Züge gar nicht erst losfahren, würden sie in der Pünktlichkeitsstatistik auch keine Probleme machen

Ich verstehe aber einiges besser, seitdem ich von dieser irrsinnigen Berechnung weiß. Innerhalb von vier Monaten wollte ich mit meiner Familie also dreimal einen »ICE International« ab Frankfurt nehmen, zweimal den in Richtung Amsterdam, einmal den nach Brüssel. Wie gesagt, fuhr keiner dieser Züge ab Frankfurt Hauptbahnhof. Es gibt laut Fahrplan fünf Züge nach Amsterdam am Tag, vier nach Brüssel, innerhalb von vier Monaten fuhren also neun mal 120 ICE international ab Frankfurt, das sind 1080 Züge. Die Ausfallquote soll laut Bahn im Fernverkehr bei einem Prozent liegen. Das bedeutet, dass es in dieser Zeit elf »ICE International« hätten ausfallen dürfen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir bei dieser Rate bei drei Versuchen drei Ausfälle erwischten, beträgt 0,0001 Prozent. Das ist ungefähr die Fehlerrate bei einem genetischen Vaterschaftstest.

Daraus kann man eigentlich nur schließen, dass es den »ICE International« ab Frankfurt gar nicht gibt. Es würde nach Logik der Bahnstatistik durchaus Sinn ergeben, Züge einfach stehen zu lassen – etwa je einen in Amsterdam, in Brüssel und ihn Frankfurt. Wenn diese gar nicht erst losfahren, würden sie in der Pünktlichkeitsstatistik auch keine Probleme machen. Die teure Antriebstechnik könnte man sich beim IC-Steh auch gleich sparen. Ja, warum nicht gleich den gesamten Betrieb einstellen und damit für immer alle Pünktlichkeitssorgen los sein?

Ich will keine Verschwörungstheorie in die Welt setzen. Es wurden, auch von mir, schon fahrende Züge gesichtet, sogar schon sich bewegende »ICE International«. Aber die Wahrheit, warum ich dreimal keinen Zug vorfand, könnte trotzdem etwas mit dieser Statistik zu tun haben. Denn durch Nachrecherchieren in der Bahn-App und Nachfragen bei Zugbegleitern bekam ich heraus – die scheinbar ausgefallenen »ICE International« fahren häufig doch. Nur starten sie später: in Frankfurt Flughafen oder Köln, um Verspätungen zu vermeiden. Die Fahrgäste, die in Frankfurt Hbf, dem wichtigsten Umsteigebahnhof im Fernverkehr der Deutschen Bahn, zusteigen wollen, können dann zwar nicht mit, sie müssen andere Züge nehmen und beträchtliche Verspätungen erleiden. Aber der Zug ist halbwegs pünktlich, und das ist gut für die Statistik. Auf die konkreten Fälle angesprochen gab mir die Bahn sowohl im Kundendialog, als auch auf Presseanfrage keine weiteren Informationen.

Wie in der Zugfahrt-Tombola hatte ich übrigens auch bei der Verlosung der Bahn für Prämienpunktesammler kein Glück. Aber mir wäre es ohnehin lieber, ich gewänne den Hauptpreis: eine Bahnfahrt mit Familie, bei der der Zug kommt, den ich gebucht habe. Ich versuche nämlich gerade, meine Freundin zu überzeugen, dass wir den nächsten Urlaub komplett mit der Bahn machen - könnte schwierig werden, nach diesen Erfahrungen.

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