Die erste Pause gehört den Lehrern

Der ewige Schülermythos: Was geht hinter der Tür des Lehrerzimmers wirklich ab? ­Grüppchenbildung, Lästereien über Eltern und vielsagende Rückenstreichler? All das. Frau W. gibt Einblick und verrät auch,
warum die erste Pause immer den Lehrern gehört.

Illustration: Jan Buchczik

Es ertönt: der Gong. Pause. Ich gehe mit meiner schweren Ledertasche von der Peripherie des Schulgebäudes, wo ich gerade meine Siebte unterrichtet habe, zum Lehrerzimmer. Treppe hoch, Gang, noch 'ne Treppe. 15 Minuten. Wertvolle Zeit, um einen Kaffee zu stürzen und kurz die Beine hoch zu legen. Ich bin keine Sitzlehrerin, ich laufe lieber rum oder stehe. Aber nach 90 Minuten habe ich ein Zwischentief, ich brauche diese

15 Minuten.

Nun ist nur noch das letzte Hindernis zu bewältigen: der Gang von der Pausenhalle zum Lehrerzimmer. Hier können wertvolle Minute auf der Strecke bleiben, denn es gilt durch ein Spalier an Schülern zu gehen, die darauf warten, einen anzusprechen. Beste Methode: Blick senken und schnellen Schrittes vorbei schlängeln. Zwei schaffen es dann doch: »Hallo Frau W., nur ganz kurz…« Bitten mich, die vergessene Hausaufgabe sowie die überfällige aber von den Eltern unterschriebene Schulaufgabe ins Fach von Herrn H. Und Frau B. zu legen. Kein Problem. Freundlich nicken und rein, Tür zu, der tobende Lärm, das Pausengeschrei bleibt draußen. Durchatmen.

Noch 10 Minuten.

Das Lehrerzimmer ist proppenvoll, bestimmt 50 der 75 Lehrer sind da. Eigentlich soll keiner einen festen Platz haben. In der Realität rotten wir uns zu Grüppchen zusammen und belegen meist nach Fächern sortiert die Tische. Die Referendare immer unter sich. Die Sportlichen am Fenster, immer leicht hibbelig und nahe der Fluchttür, um schnell in die Turnhalle abhauen zu können. Die Geisteswissenschaftler hinter Stapeln von Büchern und die Naturwissenschaftler mit lediglich ein Paar Blättern vor sich, die arbeiten meistens mit nur einem Buch, in der Unterstufe machen viele alles aus dem Kopf: Als jemand, der immer 'zig Zeitungsartikel, die aktuelle Lektüre, Wörterbücher und einen Packen langer Aufsätze mit sich herumschleppt, bin ich da leicht neidisch. An manchen Tagen wünsche ich mir einen Sherpa.

An meinem Platz angelangt, lege ich meine Füße auf den Stuhl von Herrn M. und lasse meinen Blick schweifen. Das Lehrerzimmer, dieser sagenumwobene Raum. Die SchülerInnen denken, hier würden LehrerInnen über ihre Schützlinge lästern, hier würde bestimmt mal die Sau rausgelassen und am kalt gestellten Prosecco in der Lehrerküche geschlürft, hier würde über die Zukunft aller SchülerInnen entschieden, hier knutschen Frau C. und Herr H. wild auf der Sofaecke, es wird bestimmt auch mal ganz hemmungslos geweint, weil die 8c den Referendar an der Tafel bloßgestellt hat…

Es ist genau so. Also fast alles wie in der Siebten, aus der ich gerade komme. Nur ist es auch noch herrlich unaufgeräumt und Geschirr stapelt sich auf der Spülmaschine. Es gibt auch immer die eine Lehrkraft, die zu laut ist und das selbst nicht bemerkt. Sie unterhält sich zu laut, sie schlürft ihren Tee laut und flucht laut, wenn der Drucker, wie immer, nicht funktioniert. Doch wo ist Frau V. heute? Man hört sie gar nicht. Ich entdecke sie, wie sie gerade an einem Referendar hängt und versucht, ihm den Kaffeeautomaten zu erklären. Hinter meinen Büchern versteckt, blicke ich zu meiner Tischkollegin, sie bekommt in diesem Moment einen sanften Rückenstreichler von Herrn H. Aha, die Theorie der Schülerinnen stimmt also.

Noch 6 Minuten.

Es klopft an der Tür. Gekonnt ignorieren wir den penetranten Trommler. Die erste Pause gehört den Lehrern. Das Lehrerzimmer ist für uns der einzige Rückzugsort in unserem öffentlichen Tun, zumindest, wenn man seine Freistunde nicht im fensterlosen Medienraum verbringen möchte. Frau H. erbarmt sich dann doch, sie ist katholische Religionslehrerin, da muss man das offenbar machen. Doch, Surprise! Sie eröffnet dem Schüler, dass er jetzt nicht stören könne. Zustimmendes Klopfen. Tim aus der 5f kennt die wichtige Regel noch nicht und blickt nun etwas ratlos durch den immer kleiner werdenden Schlitz der Tür.

Noch 4 Minuten.

Ich trinke lauwarmen Kaffee und überprüfe nochmal meine Unterlagen für die kommende Doppelstunde. Verdammt, wo sie sind die Arbeitsblätter? Habe Glück und finde sie. Gott sei Dank, ich hasse hektisches Kopieren. Da tippt man mir auf die Schulter. Herr P. steht hinter mir und sagt etwas von Stundentausch und fehlenden Schülern. So ganz verstehe ich ihn nicht, er versucht gleichzeitig ein Brötchen mit 300 g Leberkäse zu verdrücken. P. isst eigentlich ständig und weil das im Unterricht nicht geht, haut er im Lehrerzimmer voll rein. Ich nicke und notiere mir: Herrn P. Zettel mit Fragezeichen ins Fach legen.

Noch 2 Minuten.

Ich sortiere ein bisschen hin und her und höre mit halbem Ohr dem Gespräch neben mir zu. Frau M. flüstert die ganze Zeit schon mit Frau S. - das Stimmengewirr wird leiser, die ersten Referendare gehen  zurück in Richtung Klassenzimmer, auch der Religionstisch ist schon unterwegs. Ich höre Frau S. sagen: »Mir tut Nicolas leid. Seine Eltern haben sich gestern in meiner Sprechstunde angebrüllt, eine krasse Scheidung, ich sag’s dir, der Arme!«

Noch 1 Minute.

Ich nehme meine Tasche, streife Frau C. über den Rücken – genau wie mein Vorgänger bei ihr – und zwinkere ihr verschwörerisch zu, mache mich auf zur Tür, die mir von unserem Schuldirektor geöffnet wird. Er steht gerne mal am Eingang wie ein Coach nach der Halbzeitpause, der immer noch glaubt, wir könnten dieses Spiel gewinnen. Es klingelt und ich stehe wieder auf dem Flur.

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