So viel bringt Spicken wirklich

Was früher der Spickzettel war, ist heute das deponierte Smartphone auf dem Schülerklo: Frau W. erzählt von den dreistesten Versuchen, sie hinters Licht zu führen – und verrät, von welcher Stelle im Klassenzimmer die Lehrkraft wirklich alles sehen kann.

Illustration: Jan Buchczik

»Puh, darf ich das jetzt wirklich sagen?« meine Kollegin schaute verstohlen in ihren Salat. »Ok, ihr wisst von nichts, aber Paul hat mir verraten, dass gestern in der Klausur bei Kollegin K. systematisch gespickt worden ist.« Paul war der Sohn der Kollegin, er geht auf unsere Schule. Wir linsten rüber zu Frau K., die an einem anderen Tisch in der Mensa saß. »Paul meinte, dass sowohl im Mädchenklo als auch bei den Jungs jeweils ein Smartphone versteckt worden war und dass die halbe Klasse abwechselnd zur Toilette gegangen ist, um Sachen nachzuschauen.« Während auf diese Enthüllung hin einige am Tisch nun entrüstet von ihrem Essen aufsahen, sagte ich: »Äh, natürlich machen die das!«

Wenn Lehrer hinsichtlich des Spickens der SchülerInnen überrascht tun, dann wollen sie es meiner Meinung nach übersehen. Man merkt es nämlich immer: die wiederholten Toilettengänge, die nervöse Unruhe, die etwas zu sehr übers Blatt gebeugte Kopfhaltung, das Zettelgeknülle und Gewühle im Mäppchen, was meistens auf Spuren hindeutet, die beseitigt werden müssen…

Um den Schülern die größte Versuchung abzunehmen, lasse ich mir vor einer Klausur zumindest alle Smartphones geben. Die liegen dann bei mir auf dem Pult und bimmeln ab und zu, weil es immer welche gibt, die vergessen haben, ihr Gerät auszuschalten. Zur Strafe und Belustigung fast aller, lese ich mit Ton ankommende Nachrichten laut vor, das passiert dann im Schuljahr immer nur einmal. Früher waren es eben die Zettelchen, die durchgereicht worden sind und die der Lehrer kassiert hat, heute sind es digitale Nachrichten. Und auch wenn ich durch das Abnehmen der Handys das heimliche Unter-der-Bank-Googlen zu unterbinden versuche, bin ich mir im Klaren darüber, dass die Wahrscheinlichkeit, dass trotzdem gespickt wird, noch immer sehr hoch ist. Auf die Toiletten habe ich zugegeben noch nie geschaut. Und könnte ich dann sicher sein? Vielleicht haben manche ja auch zwei Smartphones und geben nur eines ab. Ich traue denen alles zu.

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Überrascht sind die SchülerInnen immer, wenn ich sie freundlich darauf hinweise, dass die Tische übrigens keine Verblendungen haben und ich sehr wohl sehe, wenn sie auf ihren Beinen in einem Buch blättern oder beginnen, einen Spickzettel zu entfalten. Dann drucksen sie rum und bekommen rote Backen. Winden sich wie Aale und schreiben vor lauter Aufregung ganz viel Mist. Deswegen sage ich dann manchmal eben doch nichts. Weil ich durch jahrelange Feldstudien weiß, dass die Leistung durch ein oder zwei Mal Abgucken noch lange nicht besser wird.

Das warf ich in die Runde ein und alle stimmten mir zu. Der schlechte Schüler bleibt schlecht und der gute Schüler wird nicht besser. »Woran das wohl liegt?«, fragte nun ein Kollege am Tisch und Frau L. war sich sicher: »Naja, auch wenn dir eine Jahreszahl wieder ›einfällt‹«, sie malte die Anführungszeichen in die Luft, »richtig ausgedrückt und ordentlich formuliert ist dann noch lange nichts.«

Wobei, ich tue jetzt so liberal. Im Referendariat musste ich einmal die Erfahrung machen, dass offensichtliches Spicken auch eine  Beleidigung für den Lehrer sein kann, ein tiefer Schlag in die Magengrube. Weil ich von meinem Seminarlehrer beigebracht bekommen hatte, wo ich mich im Raum am besten hinstellen soll, um jeden Unterschleif, wie es so schön heißt, zu bemerken (frontal-diagonal zur Klasse, dann sieht man nämlich alles und jeden), erwischte ich Julian: Der drehte sich um, zückte Zettel und Stift und kritzelte etwas von seinem Hintermann ab. Dann drehte er sich wieder nach vorne, sah mich unumwunden an, grinste dreist und ließ das Papierchen in seinem Mund verschwinden. Es folgte langsames Kauen und Schlucken. Ich war davon so perplex, dass ich erstmal wegsah. Überlegte mir die restlichen zehn Minuten, wie ich auf dieses Verhalten reagieren soll. Sprach ihn im Rausgehen an und wurde mit einem: »Ach, Frau W., falls Sie ein Problem haben, wenden Sie sich an meinen Vater, der ist Anwalt!« abgetan. Mein Ohnmachtsgefühl war heftig, ich war jung und mir meiner Autorität noch nicht so sicher wie heute. Mein Gedanke als junge Referendarin: Ich hatte ja keine Beweise – und die brauche ich, wenn der Anwalt eingeschaltet wird. In der Seminarsitzung riet man mir damals, beim nächsten Mal hart durchzugreifen. Es sollte jedoch nicht mehr dazu kommen, ich wechselte zum Halbjahr turnusgemäß die Schule. Heute denke ich natürlich, dass ich den Fall hätte ahnden müssen.

Im Gegensatz zu der Geschichte mit Julian gibt es aber auch SchülerInnen, die einfach viel zu süß sind bei ihren Versuchen, mich hinters Licht zu führen. Sie spielen, als würden sie nachdenken, wenn ich sie dabei erwische, wie ihre Augen gerade zum Nebensitzer wandern. »Gegen Abschreiber würden doch zwei verschiedene Aufgabenblätter helfen, probier das doch mal!«, meinte nun eine weitere Kollegin am Tisch, die immer alles richtig machen will. »Ja, stimmt«, sagte ich und dachte genervt: »Das geht aber nicht immer und manchmal habe ich einfach auch keine Zeit, alles doppelt vorzubereiten.«

Mit dem Spicken ist es wie mit allem in der Schule, es gibt da Graubereiche. Ich habe Menschen vor mir sitzen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen spicken wollen oder müssen. Und vor ihnen steht eben auch nur ein Mensch, der mal so und mal so drauf ist und mal ahndet und mal eben nicht. Und falls alle mitlesenden SchülerInnen jetzt noch auf den ultimativen Spicktipp gewartet haben, ja gut, hier ist er: Der beste Platz in der Klasse ist nicht hinten, niemals. Da schaut man als LehrerIn immer zuerst hin. Wer bescheißen will, sitzt vorne in der ersten Reihe ganz außen, außerhalb Blickfeldes. Woher ich das weiß? Ich saß da mal.

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