Chice Frisur, Frollein!

Unser Leser würde ihm bekannten Frauen gern mehr Komplimente machen – seine Partnerin sagt aber, das sei Anmache. Wer hat Recht?

Illustration: Serge Bloch

»Wenn man einer Frau, die man näher kennt (Sport­kameradin, Kollegin), ein Kompliment macht: Oh, neue Frisur/neue Brille, sieht chic aus, dann ist dies aus meiner Sicht eine Anerkennung ohne Hintergedanken. Voraus­gesetzt, man kennt die Person länger und kann es einschätzen. Aber meine Frau meint, derartige Komplimente seien ›Anmache‹, das sagt ›man‹ einer Frau nicht. Teilen Sie meine Auffassung, dass es auf den Unterschied bekannte oder unbekannte Person ankommt? (Ich denke, die Frage gilt auch, wenn eine Dame einem Mann gegenüber Ähnliches äußert.)« Rainer H., Braunschweig

Ich würde Ihnen wahnsinnig gerne recht geben, allein schon deshalb, weil mich Ihre Schreibweise des Wortes schick so für Sie einnimmt. Chic! Sehr elegant. In Ihrer Frage verraten Sie Ihr Alter nicht, aber ich würde annehmen, dass Sie in den 1980er-Jahren schon in Ihren Vierzigern waren, einfach dieser Schreibweise wegen, und möchte Ihnen deshalb zuallererst mal ein Kompliment machen. Sie sind nicht stehen geblieben, beharren nicht auf Ihren Meinungen von gestern, sondern wissen, dass Zeiten sich ändern, und sind offen für die schwierige Einsicht, sich im Lichte neuer Erkenntnisse eventuell zu ­irren. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich und wirklich toll.

Ich bin aber leider nicht Ihrer Meinung. Allerdings, falls das ein Trost sein sollte, auch nicht der Ihrer Frau. Ich glaube, ganz so einfach ist es zwischen Frauen, Männern oder überhaupt Menschen nicht, als dass einem starr binäre Regeln da weiterhelfen könnten. Weder muss es zwangsläufig verkehrt sein, einer fremden Person ein Kompliment zu machen, noch ist es generell die beste Idee, einer Kollegin zur neuen, was weiß ich, Haarfarbe zu gratulieren. Kommt immer darauf an. Worauf? Tja. Das ist es ja. Es gibt keine Regeln, und genau das macht die Sache reizvoll – oder eben, je nachdem, ob einem Improvisieren liegt oder nicht, kompliziert. Es hängt immer von der Situation ab, von der Absicht, dem Tonfall, der Formulierung. Passt es gerade – oder nicht?

Sollten Sie unsicher sein, ob etwas missverstanden werden könnte, würde ich Ihnen dazu raten, das Kompliment lieber für sich zu behalten, getreu dem schönen Motto: When in doubt, stand still. Ansonsten gilt, was der Trompeter Wynton Marsalis mal über Improvisation im Jazz sagte: »Es gibt kein Richtig oder Falsch, nur manche Entscheidungen, die besser sind als andere.« Ob man die Mitspielenden nun kennt oder nicht.