Schön wie vor 50 Jahren

Unsere Autorin hat auf dem Küchenschrank ihrer Mutter einen Haushaltsratgeber von 1966 gefunden. Der verspricht die besten - und günstigsten - Mittelchen gegen Augenringe, Schweißfüße und Sommersprossen. Funktioniert das wirklich? Ein Selbstversuch.

Machen Eier, Zwiebeln und Kastanien wirklich schöner?

Fotos: Lena Appel

1123 schlaue Ratschläge listet das rote Büchlein mit dem Titel »Die rechte Hand der Hausfrau«. Sie sollten sparsamen Männern und Frauen in der Rezession nach den goldenen Fünfzigerjahren dabei helfen, die Nahrungsmittel, den Hausrat, die Gesundheit und die Schönheit ohne große finanzielle Mittel vor dem Verderb zu schützen. »Die beste Waffe in diesem Kampf ist das Wissen der Hausfrau« – so steht es zumindest im Vorwort. Aber kann das wirklich stimmen, wo uns die Kosmetikindustrie doch ständig erzählt, wie wichtig es ist, viel Geld für teure Produkte auszugeben?

Als Angehörige der Generation Y muss ich das herausfinden, und das geht natürlich nur, indem ich ein paar der Hausfrauen-Ratschläge am eigenen Körper ausprobiere. Also lese ich mich in Kapitel wie »Körper-, Gesundheits- und Schönheitspflege«, »Koch-Winke«, »Ungeziefervertilgung« oder »Erste Hilfe bei Vergiftung« ein. Die Weisheiten der letzten Kategorie studiere ich besonders aufmerksam, denn je mehr ich mich in das Büchlein vertiefe, desto klarer wird mir: Diese Tipps könnten nach dem Genuss der selbstgebrauten Schönheitselixiere hilfreich werden. 

Ein Gesetz der Forschung will ich bei meinem Selbsttest nicht außer Acht lassen: Würde ich meine Ergebnisse an einem einzigen Erfahrungswert festmachen, wäre meine Schönheitsstudie weder repräsentativ noch aussagekräftig. Weil ich nicht alle Mitarbeiter der Redaktion als Versuchspersonen missbrauchen will, bitte ich Thomas Gassenmeier um Hilfe, einen Professor für Kosmetik und Waschmitteltechnologie von der Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Er bewertet die Hausmittelchen aus wissenschaftlicher Sicht und schätzt ihre Erfolgschancen ein. 

Rat 795 gegen Augenringe: Ein zuverlässiger Schlafvermittler ist der rohe Saft von 1-2 Zwiebeln. Man sollte ihn jeden Abend trinken.

Wie stellt man den Saft her? Ich frage zur Sicherheit meine Mutter und Google. Die unkomplizierteste Methode liefert eine Seite namens »netmoms«. Die Internetmütter raten, man solle frische Zwiebeln in Stücke schneiden, in eine Schüssel mit Wasser legen und mehrere Esslöffel Zucker oder Honig unterrühren. Weiter schreiben sie: »Decke die Schüssel ab und stelle sie zwei Tage in den Kühlschrank. Danach gießt du die Masse durch ein Sieb und fertig ist der Zwiebelsaft.« Seit ich die Brühe getrunken habe, löst der scharfe Geruch nach Zwiebeln einen Brechreiz in mir aus. Der zwei Tage alte Zwiebelsaft vermittelt keinen Schlaf, sondern wühlt mich innerlich auf. Nach dem Verzehr eines halben Glases kaue ich wie ein nervöser Hamster Kaugummis und reinige meine Mundhöhle ausgiebig mit der Extrafrisch-Zahnpasta. Nachts kommen mir die Zwiebeln immer wieder hoch – küssen will mich niemand mehr. Eigentlich will ich das Experiment eine Woche durchführen. Ich muss es vorzeitig abbrechen.
Das sagt der Wissenschaftler: Aus pharmakologischer Sicht ist die Methode unwirksam. Mir ist keine entsprechende Literatur bekannt.

Rat 823: Reine Haut erzielt man, wenn man geschälte Rosskastanien reibt und dem Wasser zusetzt.

Ich hobele an zwei Abenden Kastanien in das Waschwasser und stelle fest, dass diverse Eiterbläschen verschwunden sind. Vielleicht hätte eine Seife aus dem Drogeriemarkt dasselbe bewirkt, aber das ist in diesem Fall irrelevant. Ich sehe in meinem selbstgemachten Produkt große Vorteile: Es enthält keine künstlichen Zusätze, es kostet nur Leitungswasser sowie die Suche nach Kastanien. Und ich belege mit dem erfolgreichen Versuchsaufbau eine Hausfrauenweisheit.
Das sagt der Wissenschaftler: Rosskastanien enthalten Saponine, die eine leicht seifenartige Wirkung aufweisen und die Haut reinigen und entfetten können.

Rat 830: Sommersprossen können mit folgender Lösung unsichtbar gemacht werden: Der Saft einer frischen Zitrone wird mit einem Löffel Kölnisch Wasser, einem Teelöffel Salz und 1 ¼ Eiweiß vermischt. Dieses Mittel wird abends auf die betreffenden Stellen gestrichen.

Ich habe meinen Sommer nicht mit Kopftuch im Gartenbeet verbracht, wie es vielleicht viele Hausfrauen in den Sechzigerjahren gemacht haben. Ich faulenzte im Urlaub an der Algarve. Die Sonne hat meine Haut aber genauso braun und fleckig gemacht wie die einer Frau, die im Freien arbeitet. Meine Nasenspitze, die Ellbogen, die Schienbeine, Teile meines Körpers sind seither übersät mit winzigen Sommersprossen. Ich finde das nicht schlimm. Heutzutage lassen sich Models braune Punkte ins Gesicht tätowieren, um noch schöner zu sein. Vor rund 50 Jahren galten die Pigmentflecken aber als hässliche Hautstörung. Also probiere ich die angeblich punktetötende Tinktur aus. Nach dem Verrühren aller Zutaten hängt ein angenehmer Geruch nach Zitrone, Bergamotte, Lavendel und einer Note Rosmarin in der Küche. Optimistisch creme ich die duftende Paste auf meine Wangen und Schienbeine. Sie zieht schnell ein und hinterlässt eine weiße Salzkruste wie nach einem langen Bad im Meerwasser. Meinen Fleckenentferner benutze ich vier Abende in Folge und schieße jeden Morgen Vergleichsfotos. Ich habe keine einzige Sommersprosse weniger.
Das sagt der Wissenschaftler: Das Gemisch dürfte auf der Haut brennen. Zitronensäure führt zu einem niedrigen pH-Wert, das Salz wirkt in dieser Konzentration hautreizend und das Eiweiß klebt. Das alkoholhaltige Kölnisch Wasser macht das Gemisch haltbar und wohlriechend. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Rezeptur gegen Sommersprossen hilft – es sind keine Stoffe zur Hautaufhellung vorhanden.

Rat 873: Haare bekommen einen schönen Glanz, wenn man sie in Regenwasser wäscht.

Ich hänge mit meinem Kopf in dem orangefarbenen Wäschekorb, der seit einigen Tagen auf meinem Balkon steht. Etwa sechs Liter Regenwasser sind über Nacht in den Behälter gefallen. Ich bin glücklich über den gesammelten Niederschlag, denn er soll mein Haar weich und glänzend machen. Einziger Wermutstropfen: Im Wasser schwimmen Mikropartikel schwarzen Drecks. Für ein wohligeres Gefühl träufele ich einen Teelöffel Shampoo auf meinen Kopf. Nach der Wäsche ist mein Haar strähnig, vermutlich verunreinigt und schwer zu bändigen – aber es glänzt.
Das sagt der Wissenschaftler: Als man sich die Haare noch mit Seife wusch, bildeten sich durch das harte Leitungswasser »Kalkseifen«, die als Rückstände auf dem Haar verblieben und den Glanz reduzierten. Regenwasser enthält keine Kalzium-Ionen. Folglich verursacht es keine Ablagerungen und verleiht dem Haar mehr Glanz. Die modernen Shampoos enthalten aber keine Seife, sondern Tenside, die keine größere Wasserhärteempfindlichkeit aufweisen und keine Kalkseifen bilden. Daher bekommt man heute auch mit Leitungswasser einen schönen Glanz.

Rat 1059: Einfüllen frischer oder im Schatten getrockneter Eichen- oder Weidenblätter in die Schuhe beseitigt Schweißfüße ohne jeden Schaden.

Es knackt leise, als ich mit dem rechten Fuß in meinen Turnschuh steige. Die getrockneten Eichenblätter fühlen sich rau unter meiner nackten Ferse an. Ich habe sie wenige Tage zuvor von einem Baum gerupft und mir dabei Schürfwunden an den Händen zugezogen. Ein Trost ist, dass das Hausmittelchen tatsächlich wirkt. Die Eichenblätter passen sich nach kurzer Zeit meinem Schuh an und tragen mich unbemerkt durch den Tag. Der anschließende Geruchstest ergibt, dass der rechte Fuß ein eher blumiges Waldaroma verströmte, während der Linke nach altem Schweiß mieft.
Das sagt der Wissenschaftler: Eichenblätter enthalten Gerbstoffe, die die Schweißbildung geringfügig reduzieren. Wichtig: keine Socken anziehen!

Fazit: Meine Versuche waren umständlich, teils abstoßend und nicht besonders wirksam. Wirklich schöner bin ich also nicht geworden. Dafür habe ich kaum Geld für die Kosmetika ausgegeben, habe Natur hautnah erlebt und fast vergessene Hausmittelchen wertgeschätzt. Ganz bodenständig und mit vollem Körpereinsatz. Auch das kann befriedigend sein. Ein Aufruf zum Nachmachen ist das trotzdem nicht.