Du schuldest deinen Eltern nichts

Jede Woche erklärt Charlotte Roche, wie das Leben sein sollte. Diesmal: Es ist völlig in Ordnung, den Kontakt zur Familie einseitig abzubrechen. Einen Weg zurück gibt es immer. 

Foto: Julia Sellmann

Fährst du auch immer an Weihnachten nach Hause zur Kernfamilie? Und wirst immer kleiner auf dem Weg dahin? Bis du dann da bist und die dich so haben, wie sie dich haben wollen? Darfst du dich auch nicht weiterentwickeln und wirst für immer auf das reduziert, was du mal warst?

Die mit den beiden linken Händen! Schon wieder zugenommen seit letztem Mal! Die Mutter bespricht vor allen das rasante Wachstum deiner Brüste oder erzählt vor versammelter Mannschaft, wie du dir früher beim ersten Mal die Binde falschrum reingeklebt hast. Konnten sie dich auch nicht schützen vor sexuellen Übergriffen des Onkels? Will deine Mutter deine beste Freundin sein und erzählt dir dein ganzes Leben Geschichten, die nicht für deine Kinderohren bestimmt sind?

Ständig wollen sie uns alle an einem Tisch haben, das ist so eine typische Mutterkrankheit: Alle an einen Tisch, biitteee!!! Zur Not mit emotionaler Erpressung. Schon mal drüber nachgedacht, sich davon zu lösen, anstatt dieses Verhalten ständig zu bestätigen, indem man dahin fährt und das macht, was Familie immer von einem will? Wie wär’s, für mehr Freiheit auf das Erbe zu verzichten, mit dem sie ihre Kinder zu sich und zu Gehorsam zwingen? Es dauert zwar ein paar Jahre, Phantomschmerzen an Weihnachten, leichtes Leeregefühl, wenn man nur noch mit der eigenen, kleinen, selbstgegründeten Familie Zeit verbringt, aber nach den paar schwierigen Jahren setzt ein Hochgefühl ein. Versprochen.

Die hohe Lebenserwartung kommt als neues Problem dazu. In den Zeiten der Pest konnte man schon mit zwanzig rum ein echter Erwachsener sein, weil Eltern so um die vierzig gestorben sind. Man ist nämlich erst richtig erwachsen, wenn man keine Eltern mehr hat. Wenn sie noch leben, bleibt man immer irgendwie Kind. Auch weil sie uns dazu machen.

Wenn heutzutage alle 90, 100, 120 Jahre alt werden und wenn zum Pech noch Unglück dazu kommt, überleben sie einen und man stirbt ohne je selbst in den Genuss zu kommen, wie es sich anfühlt ein echter eigener, freier, selbstständiger Erwachsener zu sein. Wenn es also gute Gründe gibt, dass du denkst, deine Eltern haben dich als Kind nicht verdient, dann trenne dich doch schon zu Lebzeiten von deinen Erzeugern. Ich habe das geschafft, ich lebe ohne meine Eltern, obwohl sie beide noch leben. Spart auch viel Geld und Nerven. An Muttertagen zum Beispiel, eh ein Nazitag, wird mir immer gesagt, an jedem Muttertag, von meiner eigenen Tochter.

Und jetzt kommt der schwierige Generationentwist: Nur weil ich finde, meine Eltern waren als Eltern Katastrophe, heißt das nicht, dass sie das auch als Großeltern sind. Ich widerstehe tapfer dem ersten Impuls, ihnen auch die Enkeltochter zu entziehen. Sie geht jeden von ihnen besuchen, schreibt Whatsapp, telefoniert und verschickt normale oldschool-Post, erzählt mir davon und über meine Lippen geht kein böses Wort.

Ich habe irgendwann herausgefunden, warum es mich so schmerzt, wenn meine Mutter schlecht über meinen Vater redet. Weil sie jedes Mal eine Hälfte von mir beleidigt. Wenn ich meiner Tochter jetzt Schlechtes über ihre Oma erzähle, würde ich ja ein Viertel meiner Tochter beleidigen. Ist Mathe, ne?!

Ich liebe meine Tochter, missbrauche sie nicht für meinen Hass, muss sie nicht auf meine Seite ziehen, weil es für sie keine Seiten gibt. Sie darf Beziehungen pflegen, mit wem sie will und ich eben auch. Namaste. Mamas Tee. Auf die Schulter geklopft und alle Oooommm.

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