Der Herr der ostdeutschen Seelen

In Ostdeutschland lesen mehr Menschen die SUPERillu* als Spiegel, Stern, Focus und Bunte** zusammen. Also muss einer die ostdeutsche Seele besonders gut kennen: ihr Chefredakteur Jochen Wolff.

Wohnen

In meinen ersten Wochen als Chefredakteur habe ich einen großen Fehler gemacht, weil ich folgenden Satz im Heft stehen ließ: »Sie wuchs in einem tristen Plattenbau auf.« Am nächsten Tag lagen Dutzende von empörten Leserbriefen auf meinem Schreibtisch. Die Menschen im Osten liebten ihre Plattenbauten und empfanden sie nicht als trist. Im Gegenteil, wer in einem Plattenbau wohnte, genoss sogar ein gewisses soziales Prestige, der hatte eine Heizung und ein Bad. Und wenn einer aus dem Westen das abwertet, sind sie gekränkt.

In den Wohnungen haben die Menschen es gern kuschelig, ein großer Flachbildschirmfernseher muss sein, für den Blick in die weite Welt, dazu eine riesige Couch. Ein eigenes Haus können sich nach wie vor viele nicht leisten, deshalb spielt die »Muskelhypothek« eine viel größere Rolle als im Westen. Die Menschen bauen wesentliche Teile der Immobilie selbst, Bausparkassen und Banken akzeptieren das inzwischen als Quasi-Eigenanteil.

Bewundern

Die SUPERillu verleiht jedes Jahr einen ostdeutschen Medienpreis, die »Goldene Henne«. Bei dieser Veranstaltung zeigt sich immer wieder, dass unsere Leser Prominente bewundern, die bescheiden geblieben sind. Das Schlimmste, was ein Unternehmer oder Schauspieler tun kann, ist abheben. Der Schauspieler Wolfgang Stumph ist das Paradebeispiel: Der war schon vor und ist auch jetzt nach der Wende erfolgreich und wohnt mit seiner Frau immer noch in der gleichen Wohnung in Dresden. So was lieben die Menschen.

Unbeliebt dagegen sind Stars, deren Alltag unsere Leser nicht mehr nachvollziehen können, Michael Schumacher oder Boris Becker, die sind zu affektiert, zu weit weg. Günther Jauch ist es gelungen, einer der wenigen gesamtdeutschen Stars zu werden. Auf keinen Fall vergessen darf man die Ost-Stars, die im Westen fast keiner kennt: Herbert Köfer (Schauspieler) oder Dagmar Frederic (Sängerin, Moderatorin), Gerd Christian (Schlagersänger) oder Wolfgang Ziegler, das Gegenstück zu Roland Kaiser. Wenn die Älteren an ihren ersten Kuss zurückdenken, verbinden sie dieses Erlebnis nicht mit den Beatles, sondern mit Frank Schöbel oder den Puhdys.

Reisen

In Sachen Urlaub haben die Ostdeutschen großen Nachholbedarf: Zu DDR-Zeiten verbrachten die meisten – mehr als vier Millionen im Jahr – ihre Ferien in der CSSR. Oft übernachteten sie in Zelten und brachten den Proviant von zu Hause mit, alles andere war zu teuer. Viele ließen sich den Urlaub von der Gewerkschaft organisieren: zwei Wochen Ostsee für die ganze Familie im FDGB-Heim für 250 DDR-Mark. Heute fliegen die Menschen in die Türkei und nach Tunesien, beliebt sind All-inclusive-Angebote, die geben den Menschen das Gefühl, nicht übers Ohr gehauen zu werden.

Die Traumziele schlechthin bleiben Deutschland und Österreich. Einmal die Alpen sehen, das ist nach wie vor ein großer Wunsch der Ostdeutschen. Deswegen organisieren wir jedes Jahr eine große Leserreise: Vor ein paar Jahren waren wir mit 40 Bussen und 2000 Lesern in Wörgl und Ellmau am Wilden Kaiser. Am Abend spielte eine Trachtenkapelle, die Ost-Stars Gerd Christian und Dagmar Frederic sangen. Die Menschen waren selig.

Essen und Trinken

Ostdeutsche mögen keinen trockenen Wein und keinen Fisch. Zwar gab es in den größeren DDR-Städten die Restaurants »Gastmahl des Meeres«, aber auf dem Land kam höchstens mal eine Makrele auf den Tisch – dabei hatte die DDR eine der größten Fischfangflotten der Welt.

Die Menschen scheuen sich vor exotischen Produkten, Ingwer oder Mangos sind in Neuruppin nichts Selbstverständliches. Bei den Rezeptseiten der SUPERillu müssen wir deswegen darauf achten, unsere Leser nicht mit Obst- oder Gemüsesorten zu überfordern, die sie nicht kennen. Ich werde nie vergessen, wie meine Frau (sie stammt aus der DDR und war 1986 legal ausgereist) immer vom selbst gemachten Kartoffelsalat ihrer Mutter geschwärmt hat. Und dann waren wir nach der Wende am Gorinsee in der Nähe von Berlin, und was packt die Mutter aus? Einen Eimer Kartoffelsalat aus dem Supermarkt. Für mich war das absurd, aber die Familie meiner Frau war stolz darauf: Auf einmal gab es Kartoffelsalat im Supermarkt, und das Beste: Man konnte ihn sich sogar leisten.

* 3 Millionen
** 2,4 Millionen

(Wie man in Ostdeutschland liest, heiratet und wählt, lesen Sie auf der nächsten Seite.)

Lesen

Die Ostdeutschen sind stolz darauf, dass sie mehr Bücher lesen als die Menschen im Westen. Es hieß »Leseland DDR«. Bücher erschienen nur in kleinen Auflagen, waren aber ein begehrtes Kultur- und Tauschgut, eine Ausgabe von Böll zum Beispiel war ein richtiger Schatz. Es gab Kultbücher wie Die Aula von Hermann Kant oder Spur der Steine von Erik Neutsch, trotzdem kippte der Buchhandel nach der Wende seine Bestände in den Tagebau, um Raum für die neuen Autoren aus dem Westen zu gewinnen.

Westdeutsche Magazine wie Stern, Spiegel und Bunte werden kaum gelesen, sie bilden zu wenig die Lebenswelt der Ostdeutschen ab. Am Kiosk verkaufen die drei
Hefte zusammen zwischen 15 000 und 35 000 Hefte, die SUPERillu rund 300 000. Man kann es auch anders ausdrücken: Die SUPERillu hat in Ostdeutschland mit knapp drei Millionen Lesern 600 000 mehr Leser als Spiegel, Stern, Bunte und Focus zusammen.

Heiraten

»Frauen im Osten suchen einen Partner, Frauen im Westen einen Versorger«, hat die Schauspielerin Simone Thomalla mal gesagt. Da ist was dran: Nach der Wende kamen viele Westmänner mit Ostfrauen zusammen. Die gelten als herzlicher und unkomplizierter, sind Kumpel und Geliebte gleichzeitig und setzen die Männer nicht so unter Druck, bestimmten äußerlichen oder finanziellen Forderungen genügen zu müssen. Umgekehrt sind ostdeutsche Männer bei Frauen aus dem Westen nicht begehrt: Der Ostmann strahlt oft keine Aura von Erfolg aus, und Berichte über Arbeitslosigkeit im Osten tragen nicht dazu bei, dieses Image aufzubessern. Ich glaube, Frauen aus dem Osten sind unabhängiger, weniger berechnend und wollen mehr als nur ein hübsches Anhängsel für den Mann sein.

Vergessen

Viele Menschen verdrängen die Stasi, weil sie ihre DDR nicht auf den Spitzelstaat reduziert sehen wollen. Manche haben Angst, dass ihre Jugend nachträglich schlechtgemacht wird. Als 1992 die Gauck-Archive geöffnet wurden, gelangten im Minutentakt explosive Akten an die Öffentlichkeit, ein Jahr lang begann fast jede Tagesschau mit der Meldung, dass wieder ein Spitzel überführt worden war. Irgendwann konnten es die Leute nicht mehr hören. Wenn heute auf einem unserer Titelbilder das Wort »Stasi« steht, verkauft sich das Heft garantiert unterdurchschnittlich.

Allgemein kann man sagen: Die Probleme der DDR werden verharmlost, Entbehrungen nachträglich romantisiert. Dafür werden die wenigen positiven Errungenschaften, wie die Polikliniken, in den Himmel gehoben. Die waren gut, trotzdem waren die Zustände in den meisten Krankenhäusern erbärmlich, oft standen sieben oder acht Betten in einem Zimmer, und in den Altenheimen ging es nicht sehr viel anders zu.

Wählen

Im Westen wird oft gewählt, was die Eltern gewählt haben. Im Osten ist das anders: Die Menschen sind nicht in politischen Milieus groß geworden nach dem Motto: hier das Arbeiterkind, dort das Söhnchen, hier die SPD, dort die FDP. Nach der Wende mussten die Wähler erst lernen, mit der Parteienvielfalt umzugehen, deswegen gibt es im Osten mehr Wechselwähler, die Menschen sind ideologisch weniger an eine Partei gebunden. Kein Wunder – damit haben sie schlechte Erfahrungen gemacht. Die denken sich: Jetzt leben wir endlich in einer Demokratie, dann wählen wir auch, und zwar jedes Mal neu.

Dass in den Neuen Ländern mehr Leute extrem rechts und links wählen, ist Ausdruck eines Protestverhaltens. Die Menschen fühlen sich dem System ausgeliefert und wollen durch ihre Wahl klarmachen, dass sie sich nicht alles gefallen lassen. Trotzdem muss man diese Extreme relativieren: Wenn man die Wahlbeteiligung berücksichtigt, wählen weniger als 15 Prozent der Ostdeutschen extrem links oder rechts. Von sechs Landeschefs sind drei von der CDU und drei von der SPD.

(Was Jochen Wolff über das Liebesleben und den Glauben der Ostdeutschen zu erzählen hat, lesen Sie auf der nächsten Seite.)

Der Bayer Jochen Wolff, 62, ist seit 20 Jahren Chefredakteur der SUPERillu. "Nach der Wende", sagt er, "wollte ich endlich über echte Menschen und nicht mehr über Lady Di berichten."
Lieben

Beim Flirten und beim Sex haben die Ostdeutschen sicher keinen Nachholbedarf, dafür aber bei Sexspielzeug und Pornoheften. In der DDR gab es keine Beate-Uhse-Shops, wo man in der Mittagspause reinspazierte und mit ein bisschen Spielzeug wieder rauskam. Ich weiß noch, als nach der Wende der erste Beate-Uhse-Laden im Ostteil Berlins eröffnete. Das war ein Riesenereignis und die Schlange war 200 Meter lang.

Ein Trend, der definitiv vom Osten ausging: sich beim Sex zu fotografieren und zu filmen. Die Menschen hier sind sehr unbefangen, die drehen Privatpornos, laden Freunde ein und zeigen sich gegenseitig ihre Filmchen. Auch im Playboy finden Sie jetzt immer öfter Mädchen aus Dresden und Leipzig statt aus München oder Hamburg. Wir hatten vor ein paar Jahren die Serie »Girl von nebenan« im Heft. Damals schickten uns viele Tausende von Eltern und Männern Schnappschüsse der Tochter oder der Freundin, mit der Bitte, sie doch mal erotisch in Szene zu setzen.

Glauben

Der SUPERillu-Titel, der sich in den letzten 20 Jahren am schlechtesten verkauft hat, war: »Der Bayerische Papst«. Für die Menschen im Osten ist die katholische
Kirche ein Karnevalsverein. Das merke ich auch in der Redaktion. Nach einem Erdbeben titelte mal ein Redakteur: »Oh Gott, was ist passiert?« Nach einer Stunde kam ein Kollege aus dem Osten zu mir und fragte, ob sich das »Oh Gott« nicht ersetzen ließe.

Karriere machen

Für mich ist es erstaunlich, wie sehr junge Menschen im Osten noch immer davon ausgehen, dass der Staat sich um alles kümmert. Von der Geburt bis zur Rente in den Händen des Staates, das haben die Menschen hier verinnerlicht. War in der DDR ein Arbeiter krank, kam nach zwei Tagen eine Abordnung aus dem Betrieb vorbei und hat sich erkundigt, wie es geht; die Menschen lebten in einem fortwährenden Zustand der Fürsorge. Dass man als Bürger auch selbst mit anpacken und was wagen muss, diese Mentalität sickert nur allmählich in die Gesellschaft ein.

Im Osten reden immer alle vom Staat. Der Staat soll es richten, dabei wissen die meisten gar nicht, was das ist, der Staat. Dass das keine abstrakte Macht ist, sondern dass sie selbst der Staat sind. Was mir in der Redaktion auffällt: Die Menschen im Osten streiten nicht gern. Vergleichen Sie mal die Art, wie Guido Westerwelle und wie Angela Merkel Politik machen, da kann man das schön sehen.

Angst haben

Nach der Wende war die größte Angst der Menschen, die Miete nicht mehr bezahlen zu können und obdachlos zu werden. Die Mieten sprangen damals über Nacht von 50 auf 250 Mark, das war ein Plus von 400 Prozent.
Die Menschen sind ängstlicher, haben aber auch ein Kämpferherz. Viele sagen sich: Wir haben in den letzten 20 Jahren so viel erlebt, das zwingt uns nicht in die Knie, das macht uns stärker.

Sollten durch die Krise soziale Umwälzungen auf Deutschland zukommen, könnten die Menschen im Osten leicht im Vorteil sein. Denken Sie an den Kampf um Opel und Quelle, so was haben die Menschen hier dutzendfach erlebt. Große Firmen mit 20 000 Arbeitsplätzen sind von heute auf morgen runter auf 200 Beschäftigte. Anfang der Neunziger wurden im Lausitzer Braunkohlerevier 40 000 Kumpel entlassen, im Westen hat man das gar nicht mitbekommen.

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Jochen Wolff, 62, seit wenigen Tagen Träger des Bundesverdienstordens, empfiehlt allen Deutschen, diesen Sommer einmal nicht an den Gardasee, sondern an die Müritzer Seenplatte zu fahren. Sein Lieblingshotel dort heißt »Ich weiß ein Haus am See …« und hat den ersten Michelin-Stern Mecklenburg-Vorpommerns bekommen (www.hausamsee.de).

Illustration: cyan, Foto: Detlef Fiedler

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