Gift im Strampelanzug

Darf man geschenkte Kinderkleidung weitergeben, die das eigene Kind aus ethischen Gründen nicht tragen soll?

»Zur Geburt unseres Kindes haben wir allerlei Kleidung geschenkt bekommen - leider auch von Firmen, deren Qualität und Produktionsbedingungen ich nicht in Ordnung finde. Darf ich die Kleidung spenden, obwohl ich sie aus diesen Gründen dem eigenen Kind nicht anziehen möchte?« Kathleen C., Hamburg

Kleidung, die man den eigenen Kindern nicht anziehen möchte, weil sie bestimmte Mindeststandards nicht erfüllt, für andere Kinder zu spenden, bedeutet, dass man Kinder mit zweierlei Maß misst, den anderen Kindern also weniger Wert zumisst. Das ist moralisch nicht zu vertreten. Zudem ist es pharisäerhaft, weil man unterschiedliche Standards bei sich und anderen anwendet.

Andererseits: Neue Kinderkleidung aus prinzipiellen Gründen wegzuwerfen, statt sie anderen zukommen zu lassen, die sie dringend brauchen und, wenn sie welche kaufen würden, vermutlich zu genau diesen Produkten griffen, ist widersinnig. Man stellt das Prinzip über den Menschen. Zudem ist es bevormundend, weil man seine eigenen Standards anderen überstülpt.

Das Interessante nun ist: Beide Aussagen sind richtig. Sie stehen sich gewissermaßen als zwei feste Außenpfosten der Überlegung gegenüber. Ihr Widerspruch lässt sich nicht wegdiskutieren; gleich wie man sich verhält, man handelt gegen eine der beiden Aussagen. Es gilt deshalb abzuwägen, welcher der beiden im konkreten Fall mehr Gewicht zukommt, weil der Fall eher auf deren Seite liegt.

Wenn Ihre Bedenken lediglich die Materialqualität betreffen, also etwa ein Pullover stärker fusselt oder nicht so lange hält, tritt die Bedürftigkeit anderer, die dringend etwas brauchen, in den Vordergrund. Nicht jedoch, wenn Sie erfahren haben, dass er Giftstoffe absondert oder leicht entflammbar ist. Ihn weiterzugeben, würde dann den Empfängern weniger Wert zuschreiben. Und die Produktionsbedingungen sollte man beim Kauf berücksichtigen, weil man über die Nachfrage Einfluss nehmen kann. Bereits gekaufte Kleidung deswegen wegzuwerfen, mag dem eigenen moralischen Gefühl guttun, hilft jedoch nicht mehr am Produktionsort, sondern sorgt im Gegenteil dort eher für zusätzliche Nachfrage.

Leseempfehlungen:

Zur Universalität als Voraussetzung eines moralischen Gebots siehe:

Norbert Hoerster, Was ist Moral? Eine philosophische Einführung, insbesondere das Kapitel VI. Muss die Moral alle gleichbehandeln? Reclam Verlag, Stuttgart 2008

John Leslie Mackie, Ethik, dort das Kapitel 4 Universalisierung, Reclam Verlag, Stuttgart 1981

Zum Prinzip:

P. Aubenque, G. Wieland, H, Holzhey, P. Schaber, Prinzip, in: Joachim Ritter und Karlfried Gründer (Hrsg.) Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 7, Schwabe & Co, Basel 1989, Spalte 1336 – 1373

Friedrich Kambartel, Prinzip, in: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.) Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 1995/2004 Band 3, S. 341 f.

Odo Marquard, Abschied vom Prinzipiellen, Reclam Verlag, Stuttgart 1986

Illustration: Serge Bloch

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