Kleiner Lauschangriff

Wenn ich als Ausstellungsbesucher in eine Museumsführung gerate – darf ich dann zuhören, obwohl ich nicht dafür bezahlt habe? Die Gewissensfrage.

»In einer Ausstellung wurde ich beim Betrachten eines Exponats unversehens von einer Besuchergruppe mit einer sehr fachkundigen Führerin umzingelt. Ich lauschte interessiert und folgte dann der Gruppe, bis mich jemand streng zur Rede stellte, dass es sich um eine bezahlte Führung handle. Ist es falsch zuzuhören, wenn man keinen stört oder niemandem etwas ›weghört‹?« Karl G., Passau

Ihr Fall beinhaltet ein klassisches moralisches Problem in einer interessanten Variante. Der Klassiker ist das Trittbrettfahrerproblem. In der Tat hören Sie niemandem etwas weg. Nur gäbe es das, was Sie hören, nicht, würden nicht andere dafür bezahlen. Das ist die typische Situation der Free Rider oder eben Trittbrettfahrer: Wenn jemand ein öffentliches oder öffentlich zugängliches Gut – und das ist eine Führung, wenn sie in normalen Ausstellungsräumen stattfindet, sodass jeder Anwesende sie hören kann – nutzt, ohne sich an den Kosten dafür zu beteiligen. Das Ganze funktioniert nur, weil und solange genügend andere bezahlen – und dadurch für Sie mit bezahlen. Der US-Philosoph John Rawls begründet die Pflicht, sich zu beteiligen, auch wenn keine Vereinbarung getroffen wurde, mit Fairness, weil es falsch sei, »die Früchte fremder Anstrengung in Anspruch [zu] nehmen, ohne selbst seinen fairen Teil beizutragen«.

Nun ist es beim typischen Trittbrettfahren, dem Schwarzfahren, ziemlich klar, ob man ohne Bezahlung mitfahren darf oder nicht. Bei Ihnen in der Ausstellung ist das nicht so einfach, da sind die Übergänge fließend. Wenn Sie vor einem Bild stehen, und es baut sich neben Ihnen die Gruppe mit der Führerin auf, müssen Sie weder Ohropax zücken noch fluchtartig den Saal verlassen. Dass Umstehende unwillkürlich mithören, gehört gewissermaßen zum Berufsrisiko einer Führung. Die mehr oder weniger zufällige Inanspruchnahme allein reicht noch nicht, um eine Beteiligungspflicht zu begründen. Das ändert sich jedoch, wenn man das öffentlich zugängliche Gut bewusst und gewollt nutzt und damit ausnutzt. Und das ist spätestens dann der Fall, wenn Sie der Führung nicht mehr nur zufällig begegnen, sondern ihr absichtlich folgen – örtlich wie inhaltlich.

Meistgelesen diese Woche:

Literatur:

Hardin, Russell, "The Free Rider Problem", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Spring 2013 Edition), Edward N. Zalta (ed.), hier abrufbar

John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1979, insbesondere S. 133, zu öffentlichen Gütern S. 299ff.

H. L. A. Hart, Are There Any Natural Rights? The Philosophical Review Vol. 64, No. 2 (Apr., 1955), pp. 175-191

Garrett Cullity, Moral Free Riding, Philosophy & Public Affairs, Vol. 24, No. 1 (Winter, 1995), pp. 3-34

Richard J. Arneson, The Principle of Fairness and Free-Rider Problems, Ethics, Vol. 92, No. 4. (Jul., 1982), pp. 616-633

Illustration: Serge Bloch

Artikel teilen: