Störe ich?

Weckruf am Nachmittag: Muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man mit einem Anruf jemanden aus einem Nickerchen reißt?

»Meine alleinerziehende Tochter schläft oft zu außergewöhnlichen Tagesstunden. Mir ist es nun mehrmals passiert, dass ich sie ahnungslos anrufe und im Schlaf störe. Ich habe sie schon öfter gebeten, doch in dieser Zeit ihr Telefon auszustellen. Das sieht sie aber nicht ein. Dennoch habe ich Schuldgefühle, wenn ich sie wecke. Was denken Sie darüber?« Joachim Z., Hannover     

Das Problem des Anrufs, der stört und dessentwegen man sich entschuldigt, kennt fast jeder. Der Mechanismus der Schuldgefühle ist nur zu nachvollziehbar: Man tut etwas und richtet dabei Schaden an – in diesem Fall sogar relativ großen. Für eine Alleinerziehende ist Schlaf ein sehr wertvolles Gut. Und das rauben Sie ihr. Unwillentlich zwar, aber Sie tun es. Auch unwissentlich? Das kann man so nicht sagen. Sie wissen wohl, dass ein Anruf Ihre Tochter aus dem Schlaf reißen kann. Aber Sie wissen nicht, ob es eintritt. Und da merkt man: Sie tappen mit dem Anruf irgendwie in eine Schuldgefühls-Falle. Sie tun zwar etwas, was Schaden anrichtet, aber das, was Sie tun, ist nichts Vorwerfbares. Im Gegenteil, der zwischenmenschliche Kontakt ist etwas Positives. Zumindest im Allgemeinen. Man muss daher genau zwischen Schuldgefühlen und echter Schuld unterscheiden; und die Schuld sehe ich hier bei Ihnen nicht. Ein Telefon dient dazu, anzurufen. Wer das nicht will, kann den Klingelton abschalten. Die Verantwortung dafür liegt außerhalb von Zeiten der üblichen Nachtruhe voll und ganz beim Telefonbesitzer. Der oder die Anrufende kann nicht wissen, ob es gerade passt. Ein lieber kluger Freund von mir antwortete auf die Frage, ob mein Anruf während der Arbeitszeit gerade störe: »Dann wäre ich nicht rangegangen.« Schon allein für diesen Satz schätze ich ihn ungemein. Jedes Telefon hat einen Stumm-Schalter, eine Taste, um Anrufe abzuweisen und eine Rückruftaste. Wer nicht gerade Notdienst hat, muss nicht rangehen. Und wer ein Anliegen hat, kann es auf der Mailbox hinterlassen. Allerdings wird man das Gefühl nicht los, dass hinter diesem ganzen Eltern-Tochter-Kuddelmudel um Anrufe, Tagesschlaf, Schuldgefühle und Nicht-Einsehen hier mehr steckt als ein läutendes Telefon. Aber auf anderen Gebieten als dem der Moral.

Literatur:

Meistgelesen diese Woche:

Diese Woche zwei Leseempfehlungen:

Der Klassiker um – allerdings berechtigte – Schuldgefühle ist Fjodor M. Dostojewskis unter dem Namen »Schuld und Sühne« bekannt gewordener Roman, der in der neuen Übersetzung von Swetlana Geier aus dem Jahre 1994 nun »Verbrechen und Strafe« heißt.
Als Taschenbuchausgabe 1996 im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main erschienen

Zu den psychoanalytischen Wurzeln des Schuldgefühls aber auch sonst lesenswert:

Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007 oder Reclam Verlag, Stuttgart 2010

Illustration: Serge Bloch

Artikel teilen: