Pommes für das Rabenmädchen

Durch jahrelange Arbeit in einer Forschungsstation gewann eine österreichische Biologin nach und nach das Vertrauen einiger Raben – und fand dabei heraus, welche Farbe die Vögel hassen und womit sie sich bestechen lassen. 

Das Rabenmädchen »Joey« auf dem Gelände der südlich von Wien gelegenen Forschungsstation Haidlhof. An der von zwei Wiener Universitäten betriebenen Einrichtung wird zur Kognition von Vögeln und Nutztieren geforscht. Die Biologin Martina Schiestl beschäftigte sich dort mit dem Verhalten von Rabenvögeln und entwickelte dabei eine intensive Beziehung zu »Joey«. 

Foto: privat

Ich habe meine Masterarbeit in Biologie gemacht. Danach hat mir Thomas Bugnyar von der Uni Wien einen Job als Trainerin an der neuen Forschungsstation am Haidlhof angeboten. Dort war eines der ersten Dinge, dass wir eine Handaufzucht hatten, von Krähen und von Raben. Wir im Team waren dafür verantwortlich, diese Vögel aufzuziehen und sie – damit sie keine Angst haben vor’m Menschen – quasi ein bissel zu prägen; in erster Linie dadurch, dass sie viel mit uns zusammen waren, dass wir gewissermaßen ihre Eltern waren, die einfach die ganze Zeit alles mit ihnen gemeinsam gemacht haben und sie auch auf die Experimente vorbereitet haben.

Die Schwierigkeit dabei ist, dass Corviden – also Rabenvögel – neophob sind. Das heißt, sie haben Angst vor neuen Dingen – oder sind sich zumindest unsicher, wie sie darauf zugehen sollen. Wenn ich einen Raben mit einem neuen Gegenstand in der Voliere konfrontiere, reagiert er zuerst negativ darauf, weil er das nicht kennt und weil er das nicht mag. Und für uns war’s halt sehr wichtig – für die Arbeit mit den Vögeln später –, dass sie möglichst wenig Neophobie zeigen gegenüber allem. Gegenüber der Voliere; bestimmten Menschentypen gegenüber: Männer, Frauen, Kurzhaar, Langhaar, kein Bart, Bart, Brille, keine Brille, Kapuze hat er auf, Kappe auf, Handschuhe an oder keine Handschuhe an. Und nachdem die Vögel auf dem Haidlhof in sozialen Gruppen leben können, war es für uns auch wichtig, ihnen von Anfang an zu zeigen, dass sie für die individuelle Arbeit kurz aus der Gruppe herausgenommen werden können, ohne dass das für sie Stress bedeutet.

Und das ist halt eine unglaublich intensive Erfahrung, wenn man sechzehn, achtzehn Stunden am Tag mit den Vögeln verbringt; weil man sie am Anfang ja mit der Hand füttern muss. Das geht von sechs in der Früh bis elf, zwölf Uhr nachts. Dann schläft man ein bissel. Meistens schläft man neben dem Nest. Und am nächsten Tag in der Früh geht’s wieder weiter mit’m Füttern. Und mit allen anderen Dingen.

Aber dadurch baut sich natürlich eine Beziehung auf. Man sitzt manchmal da – ich denke jetzt vor allem an Situationen, in denen die Vögel schon größer sind –, hat sie gerade gefüttert; und dann wird der Vogel müde und legt seinen Kopf über deinen Arm drüber und schläft. Da geht einem einfach das Herz auf; weil das ja auch von Vertrauen zeugt.

Und dann kommt eben die Zeit, wo sie anfangen zu fliegen. Wo sie zuerst aus’m Nest raushüpfen und auf’m Boden rumlaufen; und einem hinterherlaufen, weil sie immer die Nähe suchen; entweder die Nähe untereinander oder die Nähe zum Menschen. Und schließlich die nächste Phase: Dass sie plötzlich auf’m Ast oben sitzen – drei, vier Meter von mir entfernt – und sich wundern, dass sie auf einmal so hoch hinaufkönnen. Das heißt natürlich auch: zu dem Zeitpunkt sollte ich schon eine gute Beziehung mit ihnen haben; weil, wenn ein Vogel merkt, dass er fliegen kann, kann er sich oben auf’n Ast setzen und einfach dort bleiben. Aber wenn ich eine Vertrauensbeziehung mit ihm hab, dann kommt er herunter; weil er gern in meiner Nähe ist. Oder – zweite Möglichkeit – ich habe ihm gewisse Dinge antrainiert, wie zum Beispiel, dass ich auf meinen Arm tippe – und wenn er das Zeichen sieht, kommt er herunter. Und wenn er herunterkommt, kriegt er von mir eine Belohnung. Was natürlich alles auch wieder Vertrauenssache ist.

Erst als das funktioniert hat, war für uns klar, dass das Ganze in die richtige Richtung läuft. Dass es – auch wenn wir die Vögel in der großen Voliere drin haben und nicht nur in dem Abteil mit den Nestern, so wie vorher – kein Problem ist für uns, sie jederzeit wieder zu uns herunterzurufen, wenn wir mit ihnen arbeiten wollen.

Aber generell: Alles was wir mit den Vögeln trainiert haben, ist über positive Bestärkung passiert. Das ist einfach die neue Art, wie man mit Tieren arbeitet; indem ich den Vogel bestärke, wenn er was richtig macht, im Verhalten mir gegenüber. Und das ist schon fast das ganze Geheimnis. Man muss den Tieren nicht das Futter vorenthalten, um sie dazu zu bringen, mit einem zu arbeiten. Denn ihre Motivation hat vielfach ganz andere Ursachen. Dass sie nämlich interessiert sind. Dass sie ihr Gehirn verwenden müssen, um gewisse Aufgaben zu lösen. Und dass sie auch daran interessiert sind, mit uns gemeinsam was zu erarbeiten – und deshalb auch gern mit uns mitkommen, wenn wir sie rufen, um ein Experiment zu machen oder um ihnen neue Sachen zu zeigen.

Und wenn du so mit Tieren arbeitest, schälen sich natürlich schnell Individuen heraus. Einer von den Raben – Joey, wobei sie allerdings ein Mädchen war, ein Rabenmädchen – wurde zum Beispiel ursprünglich von einer Frau irgendwo in Österreich handaufgezogen. Ich kenne die Frau auch gar nicht. Ich weiß nur, dass ihr Joey nach einem Jahr zu viel wurde. Einjährige Raben können, wenn sie handaufgezogen sind und keine anderen Raben um sich herum haben, teilweise sehr frech werden; weshalb Thomas gefragt wurde, ob er nicht diesen Raben aufnehmen möchte.

Und somit ist Joey zu uns auf’n Haidlhof übersiedelt. Nun war die Situation natürlich so: Die erste Bezugsperson in ihrem Leben war eine Frau. Von dieser Frau wurde sie verlassen. Und deshalb – von dem Moment an, wo sie beim Haidlhof war, hat sie alle Frauen gehasst. Und zwar wirklich so, dass sie einen attackiert hat. Wenn ich an der Voliere vorbeigegangen bin, ist sie ins Gitter geflogen und hat sich dagegengeschmissen und hat sich aufgeplustert – einfach unglaubliche Aggression gezeigt gegenüber Frauen. Bei Männern war sie zuckersüß. Die haben reingehen können, mit ihr spielen können, auf’n Arm nehmen können – alles! Mit Frauen ist das nicht gegangen.

Nach zwei Monaten hat sie sich das erste Mal auf meinem Arm gesetzt.

Und das war quasi der erste Rabe, mit dem ich mehr gearbeitet habe. Und ich hab’s mir halt zum Ziel gemacht, dass Joey mir irgendwann aus der Hand frisst. Weil, ich wollte ihr Stresslevel reduzieren. Ich wollte ihr zeigen, dass sie nicht jedes Mal, wenn eine Frau in der Nähe ist, aggressiv und gestresst reagieren muss.

Der erste Schritt war, dass ich an der Voliere vorbeigegangen bin. Und während ich vorbeigegangen bin, habe ich ihr Futter zugeschmissen. Der nächste war, dass ich angefangen habe hineinzugehen. Das ist oft für eine Minute gut gegangen, sodass ich ihr ein Stückl Futter hinschmeißen konnte, aber dann ist sie meistens schon auf mich zugekommen und hat angefangen, mich zu attackieren. Also bin ich wieder raus und sie hat sich wieder beruhigt. Dann bin ich wieder rein, hab ihr wieder Futter gegeben ... Das habe ich einen guten Monat lang gemacht. Bis ich gemerkt habe, dass ihre Attacken weniger werden. Und immer wenn sie sich beruhigt hat, habe ich ihr Futter gegeben, um sie dafür zu belohnen, wenn sie ruhiges Verhalten gezeigt hat.

Nach guten anderthalb Monaten war’s soweit, dass ich reingehen konnte, mich auf den Boden setzen konnte – und sie zu mir herkam, vor mir stand und einfach nur am Boden mit irgendwas herumgespielt hat. Dann hat sie ein Stückl Futter gekriegt; dann ist sie wieder ein bissel weitergegangen; dann ist sie wieder nähergekommen. Nach zwei Monaten hat sie sich das erste Mal auf meinem Arm gesetzt. Und ab dann war es möglich für mich, mit ihr ganz unkompliziert alle möglichen Kognitionsexperimente zu machen und zusammenzuarbeiten.

Ein Jahr später ist sie dann in eine größere Gruppe von Raben integriert worden. Auch das hat sie Schritt für Schritt kennenlernen müssen. Zum Beispiel hat sie leider immer Probleme gehabt in der Gruppe, weil sie einfach nicht gut kommunizieren konnte. Weil sie nicht gelernt hat, wie Raben kommunizieren, weil sie ja in ihrem ersten Lebensjahr keinen anderen Raben um sich herum gehabt hat.

Aber das war eben das Schöne an dieser engen Beziehung mit ihr, dass ich mit ihr auf dem Arm in die Voliere gehen konnte und sie bei mir gesessen ist, während ich die anderen gefüttert hab, und dadurch immer mehr gemerkt hat, dass sie bei mir Sicherheit hat. Oft ist sie dann mit den anderen los, hat irgendwas gefressen; und wenn’s wieder ein soziales Problem gegeben hat, ist sie zu mir hergekommen und hat sich zum Beispiel auf meinen Fuß gesetzt.

So haben wir sie langsam integrieren können. Und das war einfach doll – das zu sehen, dass das lange Zeit sehr gut ging. Dann war aber einmal folgende Situation: Es gab da eine bestimmte Gruppe von, glaube ich, sechs oder sieben Raben. Und in dieser Gruppe gab es ein Männchen, an dem Joey plötzlich Interesse gezeigt hat. Und das Männchen hat Interesse an ihr gezeigt. Es gab allerdings noch ein weiteres Weibchen in der Gruppe, das sehr eng mit dem Männchen war. Und alle anderen Vögel waren Geschwister von diesem Weibchen. Und ich weiß nicht, ob Joey durch ihre generelle leichte Fehlkommunikation das Ganze vielleicht etwas ungeschickt angegangen ist; ich hab so was jedenfalls noch nie bei Raben erlebt – aber als Joey dem Männchen einmal zu nahe gekommen ist und angefangen hat, mit ihm anzubandeln, sind die anderen gekommen und haben angefangen, sie zu verprügeln. Gottseidank ist eine Kollegin von mir gerade vorbeigegangen und hat mitbekommen, was passiert. Weil, sonst hätten sie sie vermutlich getötet. Die Kollegin ist dann eben rein und hat die anderen Raben, die alle auf Joey drauf waren, verscheucht und hat mich angerufen.

Dann haben wir sie gleich zusammengepackt und zum Tierarzt gefahren. Das war sehr traumatisch. Für Mensch und Tier. Weil, sowas sieht man auch nicht jeden Tag, dass eine Gruppe von Raben, die man ja auch gut kennt, plötzlich so gezielt negativ auf einen anderen Raben reagiert. Wir waren kurz davor, Joey einschläfern zu müssen. Aber dann haben wir mit unserer Tierärztin gemeinsam gesagt: »Nein, Joey wird nicht eingeschläfert. Das schaffen wir!«

Daraufhin hat sie für zwei Monate bei mir daheim in meiner Wohnung gewohnt; weil sie einmal die Woche am Arm operiert werden musste und immer wieder zum Tierarzt musste. Und ich habe ihr jeden Tag den Verband wechseln und Antibiotikum geben müssen. Aber sie hat sich erholt und wir haben sie durchgebracht. Allerdings haben wir sie – als sie wieder auf’m Haidlhof gewesen ist – zuerst alleine halten müssen; weil sie depressiv war; weil sie das derart schockiert hat, dass sie von anderen Raben attackiert worden ist. Physisch war sie wieder okay. Aber mental war sie, von meinem Gefühl her, ein Vogel, der ein Trauma zu verarbeiten hatte. Es hat einen guten Monat gedauert, bis sie wieder gern hergekommen ist und heruntergekommen ist und  angefangen hat, sich normal zu verhalten.

Aber letztlich ist durch diese Dinge natürlich noch viel mehr Nähe entstanden und ich konnte ganz viele Sachen mit ihr tun. Einmal hat ein amerikanischer Fotograf für ein großes Naturmagazin ein professionelles Foto von einem unserer Vögel machen wollen. Da ging’s um eine Geschichte über intelligente Vögel. Und er hatte eben davor schon alle möglichen intelligenten Vögel – wie Kakadus oder Keas – fotografiert, brauchte aber jetzt noch einen Corviden. Einen Raben oder eine Krähe.

Das Spezielle war nur, dass er dieses Foto unbedingt vor einem schwarzen Hintergrund machen wollte – einem großen schwarzen Tuch. Und ich hab ihm schon davor gesagt: wenn er das machen will, mit dem schwarzen Tuch, habe ich maximal einen Vogel, der davor sitzenbleiben wird. Und das wird Joey sein. Denn alles was schwarz ist, ist für Raben und Krähen ganz schrecklich. Ein weißes Tuch wäre wahrscheinlich auch nicht einfach gewesen – aber ein schwarzes: Nein! Es ist groß, es ist neu, es ist dunkel, es ist – eine Katastrophe!

Wir haben dann diesen schwarzen Hintergrund aufgehängt – und in dem Moment, sind zehn von den elf Raben, die in der Voliere gelebt haben, raus und sind für drei Tage nicht mehr in dieses Abteil der Voliere reingegangen. Außer Joey. Und leider hat sich der Fotograf auch hinterher nicht so verhalten, wie ich‘s ihm gesagt habe, dass er sich verhalten soll – damit Joey sich beruhigt und das macht, was er will. Er hat dann immer so mit Worten nach ihr geschmissen: »Yeah! Come on! Birdie! Do this!« Und: »Do that!« – wie bei einem Model – hat aber gar nicht verstanden, dass sie das nicht mag. Ich hab dann gesagt: Er soll einfach ruhig sein und mich reden lassen, wenn was ist. Und er soll mir sagen, was er möchte. Aber da hat er nicht das Gefühl dafür gehabt.

Und deswegen hat er nicht einen Tag gebraucht, so wie geplant, sondern hat nach drei Tagen immer noch in der Voliere gesessen. Drei Tage lang Warten und Hin und Her ... Am dritten Tag sind wir mittags zum Essen gegangen und er hat gesagt: Er weiß nicht, er weiß nicht; was kann er tun? Da habe ich gesagt, das Letzte was mir einfällt ist: Er soll ihr ein Schnitzel kaufen mit Pommes. Und er soll ihr das Ganze mitbringen und sie damit bestechen. Das hat er gemacht. Hat im Restaurant ein Schnitzel mit Pommes zum Mitnehmen bestellt; und damit sind wir in die Voliere und haben ihr das gezeigt. Und damit hat er sie endlich gekriegt – sodass sie vor diesem Hintergrund sitzengeblieben ist; und als auch das Licht und alle anderen Faktoren ideal waren, hat er endlich ein gutes Foto schießen konnte. Und dann war natürlich alles gut. Joey ist dagesessen mit ihrem Riesenschnitzel und – happy!

Tja, und heute ist sie ein brütender Vogel. In der Voliere. Hat einen anderen Partner gefunden, der auch eher einen schwierigen Auftakt gehabt hat; die zwei ziehen jedes Jahr Jungtiere groß und haben sogar gelernt, besser zu kommunizieren und sich auch mit anderen zu verständigen. Sie werden nie so hundertprozentig integriert wie unsere Gruppenvögel, die von jung an Rabenkontakt gehabt haben, aber sie haben beide lange in einer Gruppe von Raben gelebt, und auch zwischen Joey und mir hat sich die Beziehung über die Jahre gehalten. Ich freu mich jedes Mal wieder, wenn ich sie besuchen kann, und sehen kann, wie sie sich entwickelt hat. Sie sitzt dann meistens bei mir am Schoß, lässt den Kopf hängen, bietet mir also quasi an, dass ich sie jetzt kraulen kann – und das ist einfach immer wieder ein faszinierendes Erlebnis; zu sehen, dass ein früher hochaggressiver Vogel durch positive Arbeit zu einem derart ausgeglichenen Vogel geworden ist.

Die Tiroler Biologin Martina Schiestl arbeitete, nach einer Zeit an der Forschungsstation Haidlhof vor den Toren Wiens, mehrere Jahre mit Geradschnabelkrähen auf Neukaledonien. Neben dem Studium der Veterinärmedizin berät sie jetzt Forschungseinrichtungen in aller Welt zu Fragen über Tierwohl und tiergestütztes Training.

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