»Füße auf dem Couchtisch, Bier in der Hand – da krieg' ich schlechte Laune«

Markus ehrt den für Muslime wichtigsten Tag der Woche auf seine Art, Selma hat Probleme mit dem deutschen Konjunktiv – und anfangs auch damit, wie liberal Markus über Themen wie Homosexualität denkt. Doch hier zu leben, verändert auch ihre Sichtweise. Folge 5 von »Muslim aus Liebe«.

Markus findet, Selma könne schlecht Schuld eingestehen. Selma findet das nicht, sie habe nur seltener Grund dazu.

Selma
Markus ist Muslim und Schwabe. Und manchmal habe ich das Gefühl, seine schwäbische Seite ist immer noch ausgeprägter als die muslimische. Im Islam ist der wichtigste Tag der Woche der Freitag. Das ist so ähnlich wie der Sonntag im Christentum. An diesem Tag wird nicht gearbeitet, man sollte beten, in die Moschee gehen, sich besinnen … Was man dagegen laut Islam eigentlich ohnehin nicht machen sollte und an einem Freitag schon überhaupt nicht: Bier trinken.

Markus
Ich ehre den Freitag eben auf meine Weise. Für mich ist der Freitag ebenfalls der wichtigste Tag der Woche, nämlich der, an dem ich endlich Wochenende habe. Und wenn ich von der Arbeit heimkomme, gehört das Feierabendbierchen dazu.

Selma
So ist er das gewohnt, sein Vater ploppt freitags auch erstmal ein Bier auf. Ich kann das einerseits verstehen, andererseits stört es mich eben auch. Markus ist jetzt nun mal Muslim – da sollte er sich wenigstens ein bisschen an unsere Regeln halten! Und vielleicht bis zum Samstag warten mit dem Alkohol. Ich habe ja generell nichts gegen Alkohol und trinke auch selbst mal gerne, aber es wäre schön, wenn Markus den im Islam so heiligen Freitag ein wenig mehr respektieren würde. Wenn ich sehe, wie er heimkommt, sich die Schuhe auszieht, Füße auf den Couchtisch und Bierflasche in der Hand, da krieg ich schlechte Laune. Und dann werfe ich ihm alles an den Kopf, was mich sonst noch stört. Zum Beispiel, dass er freitags nie in die Moschee geht, das will er nicht, weil er sich als nicht gläubig genug empfindet.

Meistgelesen diese Woche:

Markus
Ich fühle mich dabei einfach als Scharlatan, ich habe das Gefühl, unter den strenggläubigen Menschen kein Recht zu haben, dort zu sein, gemeinsam mit ihnen zu beten.

Selma
Für uns ist es oft schwierig, konstruktiv miteinander zu streiten, weil wir das sehr unterschiedlich tun. Mich nervt es unglaublich, dass Markus in Diskussionen immer so schnell klein beigibt.

Markus
Mich nervt es, dass Selma niemals zugeben kann, dass sie Unrecht hat. Ein arabischer Kollege hat mir das mal erklärt: Er sagt, dass in dieser Kultur ein Schuldeingeständnis einen großen Gesichtsverlust bedeutet. Darum würde man niemals sagen: »Das war meine Schuld.«

Selma
Ich entschuldige mich schon – wenn es wirklich meine Schuld war! Aber das kommt eben nicht so oft vor.

Markus
Es klingt klischeebehaftet, aber Selma hat viel mehr Temperament als ich. Und das Wort »Temperament« hat für uns Deutsche immer so eine positive, aufregend-attraktive Konnotation. Dabei kann das auch einfach sehr anstrengend sein.

Selma
Diese übertriebene Zurückhaltung und Höflichkeit in Deutschland finde ich total heuchlerisch. Die Deutschen bleiben höflich, selbst wenn sie es gar nicht so meinen. So bin ich nicht erzogen worden. In Algerien sagt man selten »bitte«. Man bittet nicht um etwas, man sagt oder man fragt. Wenn ich beim Abendessen das Brot haben will, sage ich zu Markus: »Gib mir das Brot.« Das finde ich völlig normal. Markus fühlt sich dann herumkommandiert. Dabei könnte er denselben Ton bei mir wählen: »Gib mir das, mach das, ich will das.« Ein bisschen mehr Befehlston würde mich gar nicht stören.

Markus
Aber mich stört das! Selma spricht fast perfekt Deutsch. Nur den Konjunktiv, den hat sie nie gelernt.

Selma
Ich sage: »Du musst…« Aber das ist gar nicht böse gemeint. So würde ich es auf Französisch auch sagen.

Markus
Bei anderen Leuten weiß sie sehr wohl, sich höflich auszudrücken. Zu Gästen würde sie niemals sagen: »Räum deine Sachen weg!« Und zu ihren Eltern ist sie immer sehr freundlich und zuvorkommend. Auch das ist eben Teil der Kultur, älteren Menschen gegenüber zeigt man sich ehrerbietig und respektvoll. Wer es dann stattdessen abkriegt, das sind Selmas Bruder und ich.

Selma
Ich glaube nicht, dass Markus und ich uns weniger streiten würden, wenn wir aus derselben Kultur kämen. Ich glaube aber, dass wir uns anders streiten würden – und über andere Dinge. Wir diskutieren zum Beispiel darüber, ob es in Ordnung ist, wenn Cousins und Cousinen heiraten. Das kommt bei uns in Algerien sehr häufig vor. Und in Deutschland ist es ja durchaus auch legal.

Markus
Vielleicht liegt das an der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Früher war das im ländlichen Raum ebenfalls an der Tagesordnung. Aber ich habe aus unserem Nachbarsdorf oft Gerüchte gehört, dass da ein Kind mit Behinderung geboren wurde, weil die Eltern verwandt miteinander gewesen sein sollen. Ich finde, es hat schon seine Gründe, dass das in Deutschland gesellschaftlich nicht so anerkannt ist.

Markus und Selma mit ihren Kindern Samy (6 Monate) und Fares (4) heißen eigentlich anders. In einer neuen Serie erzählen sie von ihrem Eheleben in der schwäbischen Provinz: von Vorurteilen und Toleranz, von muslimischen Festen und warum sie an Weihnachten trotzdem »Stille Nacht« singen. Und wie sie es schaffen, inmitten der Debatten um Integration, Rechtsruck und Feminismus ihren ganz eigenen Weg zu gehen. Hier geht es zu allen bisherigen Folgen.

Selma
Ein anderes Thema, bei dem wir uns anfangs gar nicht einig waren, ist die Homosexualität. Natürlich, auch in Algerien haben sich inzwischen viele Homosexuelle geoutet, Sänger und Schauspieler zum Beispiel. Bei denen ist das heute irgendwie akzeptiert, nach dem Motto: Künstler sind eben ein bisschen exzentrisch. Aber erzogen wird man in Algerien mit der Auffassung: Das ist von Gott nicht so gewollt.

Sollte einer meiner Söhne schwul sein, wäre das für mich wahrscheinlich schwerer zu akzeptieren als für Markus. Einfach, weil ich weiß, wie schwer Homosexuelle es in Algerien haben. Dort dürfen sich noch nicht mal ein Mann und eine Frau händchenhaltend in der Öffentlichkeit zeigen. Wenn Menschen desselben Geschlechts das tun würden, die Leute würden durchdrehen. Und in Deutschland küssen sich zwei Männer einfach mitten auf der Straße, ehrlich, daran habe ich mich immer noch nicht so ganz gewöhnt. Dabei habe ich in Algerien sowohl eine Freundin, die lesbisch ist, als auch einen Freund, der schwul ist. Wir sprechen aber nicht groß darüber, sondern ich denke mir nur: »Es ist einfach so, und sie können ja nichts dafür.«

Markus
Selma würde sich niemals offen ablehnend gegenüber Homosexuellen zeigen, aber ich weiß natürlich, wie befremdet sie manchmal ist. Für mich war Homosexualität immer völlig normal. Zu Beginn unserer Beziehung habe ich Selmas Einstellung überhaupt nicht nachvollziehen können und wir haben oft darüber gestritten. Heute ist klar, wir haben da einfach unsere jeweiligen Standpunkte, die kulturell begründet und tief verwurzelt in unserer Erziehung sind.

Selma
Durch das, was ich hier im Alltag erlebe, ändern sich allmählich auch meine Wertvorstellungen. Schwul sein, lesbisch sein, das gilt in der breiten algerischen Bevölkerung noch immer als verpönt, damit bin ich eben aufgewachsen. Hier im liberalen Deutschland habe ich Homosexuelle als ganz normale Menschen kennengelernt und natürlich macht das etwas mit mir. Hier wird die sexuelle Orientierung nicht großartig thematisiert und so fällt es mir wiederum selbst leichter, sie gedanklich nicht zu einem so großen Thema zu machen. Als ich kürzlich den Bruder einer Freundin kennengelernt habe, wurden er und sein Mann mir mit den Worten vorgestellt: »Das ist mein Schwager – und das ist mein Schwager.« Zuerst war ich verwirrt und wusste nicht, wie ich reagieren soll. Aber dann war es irgendwie ganz normal … und nett!

Nur – was ich nicht verstehe in Deutschland: Hier wird alles akzeptiert und toleriert, egal, ob jemand homosexuell ist, ob jemand nackt ist, ob jemand Piercings oder Tattoos trägt, was im Islam ebenfalls verboten ist. Alles kein Problem, alles ganz normal für die Deutschen. Aber wenn eine Frau ein Kopftuch trägt, dann gilt sie gleich als unterdrückte Fromme, die keine eigene Meinung hat – und wird sofort in eine Schublade einsortiert. Wie passt das denn mit der angeblichen Toleranz zusammen? Ich finde, da sind Markus und ich einfach schon einen Schritt weiter. Wir mussten beide viel Toleranz lernen, je enger unsere Beziehung wurde, mussten uns beide auf fremde Welten, auf fremde Werte einlassen.

Bevor ich Markus kennengelernt habe, hatte ich ja überhaupt keine Vorstellung von Deutschland. Heute bin ich froh, dass ich einen deutschen Mann habe. Wir haben uns gegenseitig neue Horizonte eröffnet und viel voneinander gelernt. Und ich mag es, dass Markus in vielerlei Hinsicht typisch deutsch ist: pünktlich, höflich, fleißig. Er kümmert sich auch viel um unsere Kinder, das machen algerische Männer selten. Mein Schwager hat zum Beispiel noch nie seine Tochter gewickelt.

Und trotzdem: Als Markus festgestellt hat, wie algerische Frauen wirklich sind, da war er ganz schön überrascht.

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