»Dieser Gott, den gibt es jetzt und das ist jetzt mein Gott«

Selma ist gläubige Muslima, Markus nicht-praktizierender Christ. Sie lieben sich, aber Selma darf nur einen Muslim heiraten. Kann Markus eine Religion annehmen, die nicht seine ist? Und kann er überhaupt lernen zu glauben? Folge 2 von »Muslim aus Liebe«.

Im Grunde hatte Markus keinen eigenen Glauben, bis Selma in sein Leben trat. Als er in der Moschee das Glaubensbekenntnis des Islams, die Shahada, spricht, fühlt er sich wie ein Scharlatan: Denken nicht alle Anwesenden, dass er all das nur für Selma tut?

Markus
Nachdem Selma mich in Deutschland besucht hatte und wir diese wunderschönen zehn Tage zusammen verbracht hatten, spürte ich: Diese Frau will ich nicht mehr loslassen. Aber Selma hatte mir von Anfang an klargemacht, dass der Mann, mit dem sie ihr Leben teilen wird, eine unumstößliche Bedingung zu erfüllen hat: Er muss Muslim sein.

Ich bin evangelisch getauft. Ich komme aus einem schwäbischen Dorf, in dem alle evangelisch sind. Meine Eltern haben abends mit mir gebetet. Ich wurde konfirmiert, ich habe den Religionsunterricht besucht. So bin ich aufgewachsen, aber als Erwachsener hat Religion keine große Rolle mehr für mich gespielt. Im Grunde hatte ich keinen eigenen Glauben – bis Selma in mein Leben trat. Ihretwegen musste mich nicht nur entscheiden: Will ich Muslim sein? Sondern auch: Will ich überhaupt religiös sein?

Als sie wieder nach Algerien flog, wusste ich nicht, wann ich sie das nächste Mal sehen würde. Und ich begann, über vieles nachzudenken. Ich hatte ja gar keine Verbindung zum Islam. Ich kannte nur das Vorurteil, wonach viele junge muslimische Männer tendenziell Machos seien, die hemmungslos baggern, aber wehe, wenn die eigene Schwester dasselbe tut…

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Einen einzigen muslimischen Freund hatte ich, Mirza, der aus Indien stammt. Er wurde mein wichtigster Islam-Erklärer: Ich stellte ihm so viele Fragen, wollte wissen, was es auf sich hat mit dieser Religion, die Selma so wichtig war. Mirza war auch immer auf allen Partys dabei, zu denen ich ging. Alle Frauen fanden ihn toll und fragten mich: »Wer ist dieser lustige besoffene Inder?« Dabei hat er nie einen Tropfen Alkohol getrunken! Ich wusste von Mirza auch, dass er einmal eine Jungfrau heiraten und selbst bis zur Hochzeit keinen Sex haben wollte. Sein unverrückbarer Glaube beeindruckte mich. Andererseits konnte ich mir noch nicht so recht vorstellen, dass der Glaube – wie in Selmas und meinem Fall – über Sein oder Nicht-Sein unserer Liebe entscheiden sollte.

Ein halbes Jahr später kam Selma mich wieder in Deutschland besuchen. Ich hatte mir das alles schon im Kopf zurechtgelegt. Ich wollte sie ganz direkt fragen: »Heiratest du mich, ohne dass ich konvertiere?« Und wenn sie Nein sagen würde, wollte ich diese Geschichte mit ihr lassen. Ich fragte sie also – und sie sagte nein. Aber dann wollte ich mich doch nicht von ihr trennen. Ich konnte es einfach nicht. Meine Liebe war zu stark.

Sie flog nachhause und irgendwann schrieb ich ihr: »Kannst du mir einen Koran auf Deutsch schicken?« Ich wusste nicht genau, wo ich hier einen deutschsprachigen Koran herkriegen sollte, darum habe ich aus Bequemlichkeit Selma gefragt, um mich mal ein wenig einlesen zu können. Für mich war das alles so unbegreiflich. Über den Islam wusste ich nichts, und was man so hörte, war ja oft auch gar nicht so Positives. Buddhismus hingegen, das war eine Religion, die mich schon immer interessiert hatte.

Ich nahm mir ein Jahr Zeit, den Koran zu lesen. Ich fand viele Antworten auf meine Fragen, aber es gab auch Passagen, bei denen ich erstmal schlucken musste. »Und tötet sie – die Ungläubigen –, wo immer ihr auf sie trefft…« Manchmal bat ich Selma, mir bestimmte Aussagen zu erklären, doch damit stieß ich an Grenzen: Denn für sie war vieles so selbstverständlich, dass sie es noch nie hinterfragt hatte. Mirza, mein indischer Freund, hatte sich auf theoretischer Ebene intensiver mit dem Islam auseinandergesetzt, er konnte mir besser helfen. Er sagte mir: »Das stammt ja aus einer anderen Zeit, das darf man heute nicht so wörtlich verstehen.« Im Grunde ist das wie mit der Bibel. Beides sind uralte Bücher, damals hat man die Welt und das Zusammenleben der Menschen noch anders beschrieben. Und ganz ehrlich: Im Koran steht auch nichts Schlimmeres als in der Bibel.

Ein Jahr lang waren wir einander treu, wir waren ein Paar, aber ohne Zukunft. Und nach einem Jahr fragte ich Selma: »Kann ich dich besuchen kommen?« Ich war ja noch nie in Algerien gewesen. Ich hatte auch ein wenig Respekt davor: Wie ist das in einem muslimischen Land? Gibt es da überall strenge Regeln? Sie sagte: »Ja, du darfst kommen, aber meine Eltern darfst du nicht treffen.« Die wussten ja gar nicht, dass es mich gibt.

Wir haben uns ein Haus am Meer gemietet, in derselben Stadt, in der Selma mit ihren Eltern lebte. Sie hat ihnen erzählt, sie sei auf Geschäftsreise – diese Lügen und Heimlichkeiten, die für junge Algerier wie Selma normal waren, waren mir gar nicht recht, aber ich wusste auch, dass es nicht anders ging. Drei Wochen lang war ich dort, zwei Wochen davon haben wir erstmal nur Party gemacht. Ich lernte Selmas Freunde kennen, sie haben mich sofort akzeptiert. Und ich habe gesehen, wie unterschiedlich die religiösen Ansichten auch unter den jungen Leuten in Algerien sind, in einem Land, das zu 99 Prozent aus Muslimen besteht. Manche sind strenggläubig. Andere wiederum sind im Grunde Atheisten und praktizieren den Glauben, in den sie hineingeboren wurden, im Alltag nicht. Mein Eindruck war: Alle tolerieren die Ansichten des anderen.

Markus und Selma mit ihren Kindern Samy (6 Monate) und Fares (4) heißen eigentlich anders. In einer neuen Serie erzählen sie von ihrem Eheleben in der schwäbischen Provinz: von Vorurteilen und Toleranz, von muslimischen Festen und warum sie an Weihnachten trotzdem »Stille Nacht« singen. Und wie sie es schaffen, inmitten der Debatten um Integration, Rechtsruck und Feminismus ihren ganz eigenen Weg zu gehen. Hier geht es zu Folge 1.

Aber Selma fragte mich immer wieder: »Willst du mir keinen Heiratsantrag machen? Wann willst du mich denn heiraten?« Die eigentliche Frage lautete natürlich: Willst du nicht doch konvertieren? Romantisch fand ich das ehrlich gesagt nicht. Am Ende der zweiten Woche habe ich gesagt: »Na gut.« Und dann ging alles ganz schnell.

Innerhalb von drei Tagen hatte Selma alles organisiert: meinen Übertritt zum Islam und unsere Hochzeit. Und ich hatte nur drei Tage Zeit, alles Notwendige zu lernen und mich damit auseinanderzusetzen. In diesen Tagen beschloss ich zu glauben. Ich habe mich einfach fallengelassen, mich darauf eingelassen und mich nicht mehr dagegen gewehrt. Ich habe mir gesagt: »Dieser Gott, den gibt es jetzt und das ist mein Gott.« Und auf einmal fühlte sich das ziemlich gut an. Auf einmal war alles so gesetzt und geordnet und das machte meine Welt einfacher und schöner.

Und dann war es soweit. Selmas Freunde haben mich mit zur Moschee genommen. Erst kam der Imam, ein super Typ mit einer tollen, sympathischen Ausstrahlung. Dann kam ihr Vater, mein Schwiegervater, den ich noch nie gesehen hatte. Auch er war sehr nett und offen, Selma hatte ihm kurz vorher von mir erzählt. Und er hatte offenbar schon in der Stadt geprahlt: »Meine Tochter heiratet einen Deutschen.« Er konnte etwas Englisch und sogar ein paar Brocken Deutsch und freute sich riesig, mich kennenzulernen. Besonders beeindruckt von dem, was ich da für seine Tochter, für seine Familie tun wollte, war er allerdings nicht. Das kränkt mich bis heute etwas: Sowohl Selma als auch ihre Eltern haben es als völlig selbstverständlich akzeptiert, dass ich ihretwegen einen fremden Glauben annehme. Für mich aber war es aber ein großer Schritt.

Der Imam hat mir vor dem Gottesdienst ein paar prüfende Fragen gestellt. Sowas wie: »Wer ist Jesus?« Hätte ich gesagt »Gottes Sohn«, hätte er sich die Sache vielleicht anders überlegt. Ich sagte: »Das ist ein Prophet.« Das zu sagen, fühlte sich für mich nicht komisch an, ich hatte ja zuvor kaum eine Verbindung zur christlichen Lehre. Während des Gottesdienstes saß ich in der ersten Reihe. Ich trug über meinen Jeans eine Abaya, ein traditionelles islamisches Gewand. Ich habe kein Wort verstanden, was der Imam da erzählte, aber er hat wohl gesagt: »Wir haben heute jemanden zum Konvertieren hier, der kommt aus Deutschland.« Selmas Bruder saß neben mir und hat mich rechtzeitig gestupst, damit ich nach vorne gehe und das Glaubensbekenntnis spreche, die Shahada. Die ist zum Glück sehr kurz: »La ilaha illa Allah wa Muhammad rasul Allah.« Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet. Ich hatte das auswendig gelernt, aber als ich dran kam, war ich unglaublich nervös. Ich stand da vor dreihundert Leuten und kam mir vor wie ein Scharlatan, weil ich wusste, die denken alle: Ich mache das nur wegen einer Frau.

Als ich das Bekenntnis gesprochen hatte, ging ein Raunen durch die Moschee. Nach dem Gottesdienst kam jeder einzelne dieser dreihundert Männer und hat mich in den Arm genommen. Das war ein wahnsinnig schöner Moment. Ein ganz lieber alter Mann hat mich umarmt und gefragt, ob ich die Verbundenheit mit Allah gespürt habe. Ich wollte nicht lügen, ich habe geantwortet: »Ja, aber ich denke, mit der Zeit wird sie sicher noch stärker.«

Danach dachte ich einfach nur: »Geschafft. Und den Rest schaff ich auch noch.« Wir sind zu Selmas Eltern gefahren, dort hat sie auf uns gewartet. Und ich erfuhr, sie hatte alles aus der Moschee mitgekriegt! Ihr Bruder hatte während des Gottesdienstes heimlich sein Handy mitlaufen lassen, so dass die Frauen hören konnten, wie ich das Bekenntnis gesprochen habe.

Am nächsten Tag fand unsere Hochzeit statt. Selmas Eltern hatten ein berühmtes Lokal gemietet, überall hingen Fotos von Promis aus dem Land. Meine Frau saß mit den anderen Frauen im Nebenraum. Der Imam kam zu Selmas Vater und fragte ihn: »Darf der deine Tochter heiraten?« Selmas Vater sagte: »Ja.« Dann wurde noch irgendwas ausgehandelt – es ist üblich, dass der Mann der Frau eine Art finanzielle Sicherheit gibt, falls er sie verlässt, Schmuck oder ein paar tausend Euro. Das war in meinem Fall zum Glück nicht so, Selmas Vater meinte, das sei schon geklärt. Dann hat der Imam uns verheiratet und die Frauen haben an der Tür gelauscht und laut gejubelt. Weil mehrere Imame zum Essen da waren, mussten die Frauen während der gesamten Feier nebenan bleiben. Für Selma war das ganz normal, sie kannte das ja schon von Hochzeiten aus dem Freundes- und Familienkreis. Aber für mich war das schon ein seltsames Gefühl: Da hatte ich nun gerade geheiratet und habe meine Frau überhaupt nicht gesehen!

Am Tag danach musste ich zurückfliegen und auch das war seltsam und traurig: Wir waren frisch verheiratet – und trotzdem schon wieder getrennt. Wir wussten auch nicht, wann wir uns wiedersehen würden. Und wie es überhaupt weitergehen sollte. Wo würden wir leben? Ich saß am Flughafen in Algier, in der Hand einen Kaffee, und dachte: Jetzt bist du Muslim und Ehemann – hast du wirklich zu Ende gedacht, was das jetzt beides bedeuten wird, wie sehr sich dein Leben durch die Beziehung zu einer Frau aus einem anderen Kulturkreis wirklich ändern wird? Und was werden meine Eltern sagen, wenn sie erfahren, dass ich nun Muslim war? Muslim aus Liebe.

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