»Ich kann dich nicht heiraten, du bist kein Muslim«

Selma, eine Frau aus einer algerischen Großstadt. Markus, ein Mann aus einem schwäbischen Dorf. Sie lernen sich in Barcelona kennen, verlieben sich – bis Selma klarstellt: Eine gemeinsame Zukunft wird es niemals für sie geben. Folge 1 unserer Serie »Muslim aus Liebe«.

In Barcelona hat alles begonnen, mehr als ein Jahr später sieht Markus Selma wieder – und denkt sich: »Ich will, dass das hier hält.« Er fängt an, sich zu fragen: »Was muss ich tun, damit das hier hält?«

Selma
Es war ein warmer Sommerabend in Barcelona. Mein erster Abend in Europa überhaupt. Daheim in Algerien hatte ich an der Abendschule Spanisch neben meinem Job als stellvertretende Abteilungsleiterin in einer großen Firma gelernt, nun wollte ich im Urlaub meine Sprachkenntnisse verbessern. Ich war zwar schon 29, aber alleine reisen durfte ich nicht. »Eine unverheiratete Frau ohne Begleitung, was kann da passieren, was sollen die Leute denken«, hatten meine Eltern gesagt. Meine Eltern gehören zur gehobenen Mittelschicht in Algerien, mein Vater ist Ingenieur, meine Mutter war Sekretärin und ist heute Hausfrau. Sie haben uns recht streng erzogen, auch wenn ich, wie die meisten jungen Algerier, meinen Weg gefunden habe, viele ihrer Regeln kreativ zu umgehen. Dass ich mich zu heimlich zu Partys geschlichen habe, hinter ihrem Rücken Männer getroffen habe, wissen sie bis heute nicht. Offiziell war ich die brave Tochter und habe gehorcht, so auch diesmal: Mein Bruder kam einfach mit mir nach Spanien. Ein bisschen Spaß wollten wir aber auch haben, also zogen wir direkt am ersten Abend los. Barcelona, La Rambla, dort sollte was los sein.

Markus
2010 habe ich Maschinenbau in Barcelona studiert. In den Semesterferien arbeitete ich in einer großen Bar direkt auf der Rambla. Mein Job war es, für ein paar Euro am Tag die Touristen auf der Straße anzulabern und reinzuholen. Zwei dieser Touristen waren Selma und ihr Bruder. Ich sprach die beiden an: »Six beers for two Euros!« Selmas Bruder interessierte sich sehr für Deutschland: Fußball, Autos, da sind wir schnell ins Gespräch gekommen. Selma stand erst gelangweilt daneben. Doch irgendwann fragte sie mich, wann meine Schicht beendet sei.

Selma
Ich wollte nur ein bisschen feiern. Ich war ja noch nie in Barcelona gewesen, darum dachte ich, cool, der kennt die Stadt, der kann mir was zeigen. Und darum bin ich um zwei Uhr nachts nochmal in diese Bar gekommen.

Markus
Ich war gerade fertig, da hieß es: »Hier ist jemand für dich.« Sie kam alleine, ohne ihren Bruder. Der Barkeeper hat uns noch einen Cocktail gemischt, sonst war keiner mehr da, es war eine tolle Atmosphäre. Ich war ein einsamer Student, sie ein hübsches Mädchen… Ich hatte nichts dagegen, ein wenig mit ihr herumzuziehen. Eine Woche lang war sie in Barcelona. Rein platonisch blieb die Beziehung zwischen uns nicht, aber es war auch nichts Ernstes. Dass sie Muslima war, spielte für uns damals gar keine Rolle. Sie trank ja auch ordentlich Alkohol…

Selma
Naja, Alkohol habe ich damals schon öfter mal getrunken, ich rauche auch mal, das sollten muslimische Frauen nicht tun. Und ich habe noch nie ein Kopftuch getragen. Dennoch ist die Religion mir schon immer sehr wichtig gewesen: Ich bete zu Allah, den für mich einzigen Gott. Ich esse kein Schweinefleisch und nur Fleisch, das halal ist, also von geschächteten Tieren stammt. Ich halte auch den Ramadan ein: den Fastenmonat, in dem wir von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen und Trinken verzichten. Ich empfinde mich als sehr gläubig, so bin ich auch aufgewachsen. Aber ich habe die Regeln meines Glaubens immer schon so interpretiert, wie ich es für zeitgemäß und für mich persönlich für passend halte.

Nach dieser einen Woche besuchte ich jedenfalls meine Schwester in Paris und kam auf dem Rückweg nochmal für eine Nacht in Barcelona vorbei. Da fing gerade der Ramadan an, also habe ich bei meinem zweiten Besuch keinen Alkohol mehr getrunken. Aber ich wollte Markus treffen, ich hatte ihm eine schicke Hose aus Paris mitgebracht. Bei meinem ersten Besuch war mir aufgefallen: Der Typ besitzt nur zwei Hosen!

Markus
Unsere letzte Nacht in Barcelona war wunderschön, irgendwie magisch. Wir fühlten uns einander sehr nah, aber gleichzeitig war uns beiden klar, dass es nach dieser Nacht vorbei sein würde. Und so war es erstmal auch. Ein paar Monate lang chatteten wir noch sporadisch über Skype, dann war irgendwann Funkstille. Mein Studium war vorbei, ich bin zurück nach Deutschland gegangen. Ich komme aus einem kleinen Ort in Schwaben und habe dort in der Nähe einen Job als Ingenieur angenommen. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben etwas Geld und wollte nach Weihnachten ein bisschen rumtouren.

Markus und Selma mit ihren Kindern Samy (6 Monate) und Fares (4) heißen eigentlich anders. Sie erzählen künftig immer montags von ihrem Eheleben in der schwäbischen Provinz: von Vorurteilen und Toleranz, von muslimischen Festen und warum sie an Weihnachten trotzdem »Stille Nacht« singen. Und wie sie es schaffen, inmitten der Debatten um Integration, Rechtsruck und Feminismus ihren ganz eigenen Weg zu gehen.

Selma
Kurz nach Barcelona habe ich in Algerien einen anderen Mann kennengelernt, mit dem wollte ich Silvester 2012 nach Amsterdam fliegen. Doch kurz vor unserer Reise betrog er mich und ließ mich sitzen. Nach Amsterdam wollte ich trotzdem, nur nicht so gerne allein. Ein paar Wochen vor Silvester war ich mal wieder auf Skype – und Markus war zufällig auch gerade online. Ein ganzes Jahr lang hatten wir uns nicht mehr gehört, aber als wir anfingen zu chatten, war es gleich wieder so schön und vertraut wie zuvor. Ich erzählte ihm von dem anderen Mann und von meinem Amsterdam-Dilemma. Und er meinte spontan: »Ich komme mit.« Außer einer Freundin hatte ich niemandem gesagt, dass ich mich mit einem fremden Deutschen treffen wollte, auch und insbesondere meinen Eltern nicht. Im Grunde kannte ich Markus ja gar nicht richtig! Er wollte mich mit dem Auto an diesem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit am Frankfurter Flughafen abholen. Aber er kam und kam nicht. Da wurde mir schon Angst und Bange, ich, allein in Deutschland, wo ich nicht mal die Sprache verstand. Ich wusste ja nicht, wie verbindlich er das gemeint hatte… Vier Stunden später war er endlich da. Er hatte seinen Ausweis vergessen gehabt und musste nochmal zurück. Er hatte versucht, mich auf dem Handy zu erreichen, aber war irgendwie nicht durchgekommen.

Markus
Eigentlich war das ja alles nicht so geplant gewesen. Ich wollte ursprünglich nach Madrid, jemanden besuchen. Aber dann bin ich erstmal mit Selma durch Deutschland gefahren. Ein Roadtrip durchs Rheintal, Koblenz, Köln, bis hoch nach Amsterdam … Selma war ja zum ersten Mal hier! Wir haben dort geschlafen, wo es uns gerade gefiel. Wir haben uns auf Spanisch unterhalten, sie hat mir von ihren Enttäuschungen mit algerischen Männern erzählt. Und wir haben auch über unsere kulturellen Unterschiede gesprochen.

In einer Nacht in Amsterdam gab es dann diesen Moment, in dem ich merkte: »Das hier könnte mehr sein.« Wir saßen leicht bekifft in einem Coffeeshop, haben uns mal ernsthaft unterhalten, mal herumgealbert und auf einmal schoss mir durch den Kopf: »Diese Frau ist etwas Besonderes.« Auf den ersten Blick erscheint Selma immer so seriös. Das ist sie auch, aber dann bricht urplötzlich dieser derbe, coole Humor heraus. Der haute mich um.

Selma
Ich wusste: Aus Markus und mir konnte ohnehin nichts werden – aus religiösen Gründen. Als muslimische Frau darf ich keinen Andersgläubigen heiraten, das hätte ich bei meinen Eltern nie durchgebracht. Muslimische Männer dürfen das umgekehrt übrigens schon. Aber Markus war in mich verliebt, das spürte ich, und an Silvester in Amsterdam hat er mich gefragt: »Kannst du dir vorstellen, dein Leben mit mir zu verbringen?« Ich habe nur gelacht und gesagt: »Nee, das geht nicht. Ich mag dich, aber unsere Religionen und Kulturen passen nicht zusammen.« Ich wollte fair sein und ihm das direkt deutlich machen. Ich sagte: »Danke für die schöne Zeit.«

Markus
Ich wollte eigentlich nach Spanien weiterreisen, Selma nach Paris zu ihrer Schwester… Wir waren jung und reiselustig, wir hatten endlich mal ein bisschen Geld und tausend Pläne im Kopf. Aber wir wollten auch nicht, dass unsere gemeinsame Zeit zu Ende geht. Darum habe ich sie kurzentschlossen zu meinen Eltern mitgenommen, bei denen ich damals gewohnt habe. Dort war die ganze Familie versammelt, auch mein Bruder war mit Freundin und Kindern aus Italien da. Und auf einmal platzte ich dazwischen, mit dieser schönen algerischen Frau, mit der sich meine Eltern noch nicht mal unterhalten konnten, weil sie kaum Englisch sprechen und Selma kein Deutsch konnte.

Da waren sie erstmal baff. Mein Vater reagierte ganz positiv, meine Mutter meinte sofort: »Oooh, Algerien ist so weit weg, da würden wir unsere Enkelkinder ja gar nicht zu Gesicht kriegen…« Wie Mütter eben so sind. Aber dann kam meine Nichte an, die hatte so ein Singstar-Mikrofon und Selma sang vor der ganzen Mannschaft aus voller Kehle arabische Lieder. Dass sie sich das getraut hat! Danach waren alle hin und weg von ihr. Und ich merkte plötzlich: Ich will, dass das hier hält. Und ich fing an, mich zu fragen: Was muss ich tun, damit das hier hält?