Schreiduell in Wagen 7

Der Kampf um die Plätze entzündet sich in vollen Zügen oft an den für Vielfahrer reservierten Sitzen im Bahn-Comfort-Bereich. Wer darf dort Platz nehmen und wann muss man befürchten, vertrieben zu werden?

Illustration: Nishant Choksi

Es kommt nicht oft vor, dass Menschen sich im ICE anschreien, aber wenn man eine solche Szene miterlebt, dann befindet man sich mit hoher Wahrscheinlichkeit im Bahn-Comfort-Bereich, also dem Teil des Zuges, der für Vielfahrer reserviert ist. Bahn-Comfort-Kunde wird man automatisch, wenn man eine Bahncard 100 hat. Man kann aber auch mit einer anderen Bahncard am Prämien-Programm »BahnBonus« teilnehmen und innerhalb von zwölf Monaten Tickets für mindestens 2000 Euro kaufen – dann bekommt man eine neue, silberne Bahncard zugeschickt, die den Comfort-Status anzeigt. Als solcherart legitimierter Vielfahrer ist man berechtigt, ohne spezielle Reservierung einen Sitz im Bahn-Comfort-Bereich einzunehmen. Wenn genug Platz ist, dürfen dort natürlich auch Normalreisende sitzen, sobald es eng wird, müssen diese allerdings den Bahn-Comfort-Kunden weichen. Soweit zumindest die Theorie.

An einem Herbstsonntag sitze ich im ICE Richtung Zürich. Der Zug ist so stark ausgelastet, dass man diese Verbindung nicht mehr im Internet buchen oder einen Platz reservieren konnte. Ich bin seit Hamburg im Zug, habe einen Platz im Comfort-Bereich gefunden und nun die Unvorsichtigkeit begangen, aufs Klo zu gehen. Als ich zurück komme, sind die Fahrgäste aus Hannover gerade zugestiegen. Eine Frau rennt zu dem Platz vor mir und wirft, während sie sich hinsetzt, noch schnell ihren Schal auf den Sitz hinter ihr – meinen. »Tut mir leid, da sitze ich schon«, sage ich, gebe ihr den Schal zurück und zeige auf meinen auf dem Boden stehenden Rucksack. »Mist«, raunt sie, »das war jetzt blöd.« Es zeigt sich, dass sie Plätze für ihren Partner und die gemeinsame, etwa 18-jährige Tochter freihalten wollte. Ihr Partner setzt sich neben sie, die Tochter findet auch noch einen Platz im Comfort-Bereich.

Nur wenige Fahrgäste sind wie der Schwabe und sprechen andere Fahrgäste direkt an. Und falls alle stur behaupten, sie hätten den Comfort-Status, sichert einem ein solches Verhalten auch keinen Platz.

So weit, so gut. Allerdings stehen etliche Menschen im Gang, die alle noch keinen Platz haben – und jetzt beginnt der Ärger.

Ein Herr Mitte 50 fragt mit schwäbischem Einschlag reihum die Reisenden: »Sind Sie Bahn Comfort-Kunde?« »Ja, klar«, bellt einer zurück. Der Schwabe glaubt ihm nicht. »Dann zeigen Sie doch Ihre Bahncard! Wir können das auch gerne den Schaffner klären lassen«, ruft er. Das ist der Moment, an dem ich mich frage, ob der Schwabe wirklich Vielfahrer mit Bahn-Comfort-Status sein kann – noch nie habe ich erlebt, dass ein Zugbegleiter dies kontrolliert hätte! Als ich einmal keinen Platz hatte, fragte ich einen Zugbegleiter, was ich als Bahn-Comfort-Kunde machen könne, um zu einem Sitz zu kommen. »Ich kontrolliere das jedenfalls nicht«, sagt er mir. Zahlreiche Leser-Zuschriften zeigen mir, dass dies generell so gehandhabt wird. Auch wenn die Bahn-Pressestelle mir auf Anfrage schreibt: »Findet ein Bahn-Comfort-Kunde keinen freien Platz mehr und möchte er seine Mitreisenden nicht selbst ansprechen, sollte er sich an unsere Kolleginnen und Kollegen im Zug wenden. Diese helfen ihm dann gern bei der Sitzplatzsuche.« Aber vielleicht ist das eine neue Dienstanweisung, die von nun an getestet werden sollte. Bis jetzt hat der Vielfahrer jedenfalls nur eine Möglichkeit, um zu seinem Platz zu kommen: Er muss die anderen Fahrgäste selbst kontrollieren – wozu er natürlich nicht berechtigt ist.

»Sie dürfen hier nicht die Bahncards kontrollieren!«, schreit der Mann auf dem Sitz vor mir den Schwaben an, denn der hat inzwischen die 18-jährige Tochter vertrieben. »Aber ich habe doch keinen Comfort-Status«, zischt sie ihrem Vater zu und stellt sich, ohne zu protestieren, in den Gang. Ob ihre Eltern den Status haben? Die anderen Passagiere in diesem Waggon? Keiner weiß es. Nur wenige Fahrgäste sind wie der Schwabe und sprechen andere Fahrgäste direkt an. Und falls alle stur behaupten, sie hätten den Comfort-Status, sichert einem ein solches Verhalten auch keinen Platz. Außerdem wirkt es – auch wenn der Schwabe Recht hat – doch ein bisschen garstig. Die meisten Comfort-Kunden versuchen stattdessen, früher in Züge einzusteigen als andere oder reservieren eben trotz ihres Status’. Den kindischen Streit um Plätze sparen wir uns lieber – auf die naheliegende Lösung, uns Comfort-Kunden Reservierungsgutscheine zu spendieren, ist die Bahn leider noch nicht gekommen. Aber genervt sind wir trotzdem, dass unsere Plätze von Reisenden belegt werden, denen sie nicht zustehen.

Stehen sie uns zu? Unter den Comfort-Kunden sind viele Bahnpendler, die fünf Tage die Woche im Zug sitzen – wenn diese Menschen für ihre Fahrten auch noch Reservierungen kaufen müssten, wären das locker nochmal 2500 Euro im Jahr. Selbst wenn man nicht pendelt: Bei den vielen Fahrten, die man als Comfort-Kunde zwangsläufig macht, erlebt man in der Regel so viel Unerfreuliches – Verspätungen, Zugausfälle etc. –, dass der Gnadenplatz meines Erachtens berechtigt ist. Wer, wenn nicht wir so genannten Comfort-Kunden, weiß wirklich, wie unkomfortabel Bahnreisen sein kann! Wir sind also keine Fieslinge – sondern höchstens arme Schweine.