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Viele Menschen haben nicht genug Trinkwasser. Ist es deshalb unsere moralische Pflicht, Wasser nicht zu verschwenden?

»Trotz Menschenrechts auf sauberes Trinkwasser haben weltweit viele keinen ausreichenden Zugang – mit schlimmen Folgen. Hier in Deutschland gibt es genug Wasser, und man kann es nicht in wasserarme Regionen transportieren. Gibt es dennoch eine moralische Pflicht, auch hierzulande mit Wasser sorgsam umzugehen und es nicht zu verschwenden?« Heike L., Freising

Ihre Frage betrifft mehrere Ebenen. Die erste ist, dass es, jenseits maßlosen Verschwendens, tatsächlich nicht notwendig ist, hierzulande verstärkt Wasser zu sparen. Auch, weil die Leitungssysteme oft größer ausgelegt sind, was zu Problemen führen kann. Das gilt jedoch nur für kaltes Wasser, bei Warmwasser ist ein sparsamer Umgang wegen der Energie fürs Aufheizen sinnvoll. Davon abgesehen ist der indirekte Wasserverbrauch wesentlich höher als der direkte. Der gesamte Wasserfußabdruck, einschließlich des für die Produktion von Waren und Lebensmitteln eingesetzten Wassers, liegt laut dem Umweltbundesamt in Deutschland bei täglich 3900 Litern pro Person, davon sind nur 121 Liter direkter Trinkwasserverbrauch. Es wäre also wesentlich sinnvoller, auf Erdbeeren im Winter oder Gemüse aus wasserarmen Gebieten zu verzichten, sich regional und saisonal mit weniger Fleisch zu ernähren und langlebige Produkte zu kaufen.

Ob man dennoch aus ethischen Gründen Wasser sparen sollte, darüber lässt sich streiten. Einerseits widerstrebt es mir tatsächlich, mit etwas verschwenderisch umzugehen, was andere dringend benötigen, weil darin auch eine Missachtung der Nöte anderer und damit der anderen selbst liegt. Andererseits besteht die konkrete Gefahr, dass man mit dem relativ einfachen Wassersparen sein Gewissen beruhigt und übersieht, dass die Probleme – bei Wasser, Umwelt und Gerechtigkeit – ganz woanders liegen.

Ich würde es über die Ebenen Haltung und Bewusstsein lösen. Die Haltung zu Umwelt und globaler Gerechtigkeit erfordert ein stringentes Handeln, hier auch beim persönlichen Wasserverbrauch, ohne dass es auf den letzten Tropfen ankäme. Dieses Handeln aus Haltung sollte man aber zur laufenden Bewusstseinsbildung und -erhaltung nutzen und keinesfalls zur Gewissensberuhigung.

Literatur:

Umweltbundesamt (Hrsg.)
hintergrund // september 2014
Wassersparen in Privathaushalten: sinnvoll, ausgereizt, übertrieben?
Fakten, Hintergründe, Empfehlungen
Hier online abrufbar

WWF Deutschland (Hrsg.)
Der Wasser-Fußabdruck Deutschlands
Woher stammt das Wasser, das in unseren Lebensmitteln steckt?
WWF Frankfurt am Main 2009
Hier online abrufbar

Maude Barlow
Blaue Zukunft
Das Recht auf Wasser und wie wir es schützen können
Verlag Antje Kunstmann
München 2014
Nina Mazar and Chen-Bo Zhong, Do Green Products Make Us Better People? Psychological Science, 21 (4), 2010, 494-498.
Hier online abrufbar

Anna C. Merritt, Daniel A. Effron, and Benoit Monin
Moral Self-Licensing: When Being Good Frees Us to Be Bad
Social and Personality Psychology Compass 4/5 (2010): 344–357

Uzma Khan and Ravi Dhar
Licensing Effect in Consumer Choice
Journal of Marketing Research Vol. XLIII (May 2006), 259–266

Philipp Wüschner
Eine aristotelische Theorie der Haltung: Hexis und Euexia in der Antike
(Paradeigmata 35)
Felix Meiner Verlag, Hamburg 2016