Wie man mit Opfern von Vergewaltigungen besser umgeht

Die Diskussion um Brett Kavanaugh, den Kandidaten für den Obersten US-Gerichtshof, lenkt den Fokus auf ein riesiges Problem: Nur ein Bruchteil der sexuellen Straftaten wird angezeigt. Dabei ist längst bekannt, wie man den Betroffenen helfen kann.

DemonstrantInnen gehen gegen Brett Kavanaugh auf die Straße. 

Foto: AFP

In dieser Woche wurde der ehemalige Fernsehheilige Bill Cosby in Handschellen abgeführt: Drei bis zehn Jahre wird er wegen der Vergewaltigung der Basketballspielerin Andrea Constand im Gefängnis verbringen. Mehr als 60 Frauen hatten Cosby beschuldigt, bevor das erste Urteil fiel - aber die meisten Anschuldigungen zählen wegen Verjährung nicht mehr vor Gericht. Auch Constand erzählte ihrer Mutter erst ein Jahr nach der Vergewaltigung, was passiert war – und auch erst, nachdem die Mutter von den Albträumen der Tochter mitbekommen und darauf gedrängt hatte, zu erfahren, was los war. »Die Scham war überwältigend. Selbstzweifel und Verwirrung hielten mich davon ab, mich an meine Familie und Freunde zu wenden. Ich fühlte mich völlig allein, unfähig, irgendjemandem zu vertrauen, mich eingeschlossen.«

In der gleichen Woche sahen Millionen von Menschen der Psychologie-Professorin Christine Blasey Ford live dabei zu, wie sie sich vor dem amerikanischen Senat daran erinnerte, mit 15 Jahren knapp einer Vergewaltigung durch den damals 17-jährigen Brett Kavanaugh entkommen zu sein, den heutigen Kandidaten für den Obersten Gerichtshof. »Am schlimmsten war, als er mir den Mund zuhielt. Ich dachte, er würde mich versehentlich umbringen.«

In dieser Woche erfuhren wir auch von der Schauspielerin Padma Lakshmi, dass sie mit 16 Jahren vergewaltigt wurde. 32 Jahre lang hat sie niemandem davon erzählt. Wie sie, schilderten Tausende von Frauen (und einige Männer) unter dem Hashtag #WhyIDidntReport, warum sie Angriffe nicht der Polizei meldeten. Der Tweetsturm war die Antwort auf einen sarkastischen Tweet von Donald Trump: »Wenn es wirklich so schlimm war, wie Dr. Ford behauptet, hätten sie oder ihre liebenden Eltern doch gleich bei den Behörden Anzeige erstattet.«

Mit seinem Tweet hat Trump auf ein riesiges Problem aufmerksam gemacht: Nur ein Bruchteil von Vergewaltigungen und versuchten Vergewaltigungen wird angezeigt. Laut manchen Hochrechnungen wird jedes vierte Mädchen unter 18 Jahren mindestens einmal Opfer eines sexualisierten Angriffs. Alle zwei Minuten wird in Amerika eine Frau vergewaltigt, aber nicht einmal jede Dritte zeigt die Tat an. Sexualisierte Gewalt zählt zu den Straftaten, die am wenigsten geahndet werden. Dabei sind die Gründe dafür, warum Mädchen und Frauen Gewalt nicht anzeigen, und dafür, dass zwischen Tat und ihrer Offenlegung oft viele Jahre oder sogar Jahrzehnte vergehen, inzwischen gut erforscht. Und sie lassen sich bekämpfen.

1. Keine Vorverurteilung, sondern fairer Umgang mit allen Beteiligten

Viele erzählen nicht einmal ihren Eltern oder anderen Erwachsenen davon, weil sie sich selbst eine Mitschuld geben. Blasey Ford etwa sagte vor dem Senat sagte: »Ich wollte nicht, dass meine Eltern erfahren, dass ich auf einer Party war, auf der keine Eltern anwesend waren, und ich ein Bier getrunken habe.« Vor allem aber wissen die Frauen, dass eine Anzeige sie zum Angriffsziel macht. Reflexartig wurde Blasey Ford mit allen üblen Schimpfnamen überschüttet, die das amerikanische Vokabular hergibt. Senatoren erklärten sie für »verwirrt«, ein Fox-Kommentator bezeichnete sie als »lügende Schlampe«, die ihre Beine nicht so oft spreizen sollte. Und auch Trump, der sich bekanntlich selbst seiner sexuellen Übergriffe rühmte, wusste schon vor der Anhörung, die Anschuldigungen seien »alle falsch« und unterstellte Ford und den beiden weiteren Frauen, die Kavanaugh der sexuellen Nötigung beschuldigen, unlautere Absichten: »Leute wollen Ruhm, sie wollen Geld, sie wollen was auch immer.« Noch immer hält sich hartnäckig der Glaube, Mädchen und Frauen würden mit Anschuldigungen oft lügen, um irgendwelche Vorteile zu erreichen. Tatsächlich machen falsche Beschuldigungen je nach Hochrechnung nur etwa zwei bis vier Prozent aus.

Wohlgemerkt: Bisher kennt niemand die Wahrheit. Es gibt Hinweise, die Fords Glaubwürdigkeit stärken (unter anderem, dass sie ihrem Therapeuten und Mann schon Jahre vor Kavanaughs Nominierung davon erzählte sowie ein bestandener Lügendetektortest), aber ohne eine Überprüfung ihrer schwerwiegenden Vorwürfe gibt es keine Gewissheit. Gleichwohl erhielt Blasey Ford so massive Todesdrohungen, dass sie nun mit ihrer Familie versteckt lebt. Die Angriffe kennt fast jede Frau, die einen prominenten oder einflussreichen Mann beschuldigt, und sie werden von vielen als zweite Traumatisierung empfunden. Selbst nach dem eindeutigen Gerichtsurteil ging Cosbys Anwalt noch mit Beschimpfungen auf Andrea Constand los. Einer der neun Frauen, die Roy Moore, den ehemaligen Richter am Obersten Gerichtshof von Alabama, beschuldigten, sie als junges Mädchen belästigt zu haben, wurde gar das Haus niedergebrannt.

Auch deshalb hatte Blasey Ford ursprünglich vermeiden wollen, dass ihr Name publik wurde. Sie meldete die Vorwürfe ihrer Abgeordneten schon vor Monaten, als Kavanaugh noch auf der Shortlist stand, damit die Vorwürfe überprüft werden konnten, bevor der Kandidat nominiert wurde. »Die Art und Weise wie wir mit Opfern umgehen, ist inakzeptabel«, sagte Senator Cory Booker während Fords Aussage. Selbst die von den Republikanern angeheuerte Strafverfolgerin, die Ford an ihrer Stelle befragte, stellte zur Halbzeit fest, die Opferbefragung »in Fünf-Minuten-Intervallen« vor einem Millionenpublikum sei wohl nicht der beste Weg, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Ein Opfer lasse man am besten ohne ständige Unterbrechungen in einer privaten Umgebung erzählen.

Das ist dann vielleicht das positivste an dem ganzen Schlamassel: Dass Amerika lernt, wie viele Frauen unter sexueller Gewalt leiden und wie man dem Problem gerecht werden kann.

2. Anschuldigungen fair, aber ernsthaft überprüfen

Egal, welcher Seite man eher glaubt: Wenn solch schwere Vorwürfe nicht überprüft werden, beschädigen sie alle – die Anklägerin wie den Beschuldigten. Ford und zwei weitere Frauen, die schworen, Kavanaugh habe sie vor vielen Jahren im sturztrunkenen Zustand genötigt, forderten eine FBI-Untersuchung. Man könnte annehmen, auch Kavanaugh selbst würde seinen guten Ruf gerne durch eine FBI-Untersuchung gerettet sehen. Aber sowohl Kavanaugh als auch Trump und der Senat lehnten eine weitere Untersuchung ab. Sie wollten Kavanaughs Bewerbung ohne Überprüfung der offensichtlichen Ungereimtheiten in seiner Aussage zügig durchwinken. 

Natürlich erinnern die Anhörungen alle Amerikaner an Anita Hill. Vor 27 Jahren wurden massive Vorwürfe der sexuellen Nötigung gegen einen Kandidaten für den Obersten Gerichtshof mit einer unwürdigen Anhörung beiseite gewischt. Die Professorin Anita Hill wurde als »nutty« (verrückt) und »slutty« (Schlampe) verunglimpft, und Clarence Thomas stieg auf zum Obersten Richter auf Lebenszeit – obwohl die Belege dafür, dass er gelogen hatte, in der Folgezeit erdrückend wurden.

Auch deshalb demonstrierten diese Woche Tausende in Washington und anderen Städten gegen das rasche Abtun der Vorwürfe. Es brauchte erst den emotionalen Auftritt zweier junger Frauen, Ana Maria Archila und Maria Gallagher, die den einflussreichen Senator Jeff Flake in einem Aufzug konfrontierten, bevor Flake umschwenkte. »Ich wurde sexuell attackiert und keiner hat mir geglaubt«, rief Gallagher unter Tränen. »Sie sagen mir und allen Frauen, dass sie nichts wert sind, dass der Angriff auf mich unwichtig war, dass Frauen den Mund halten sollen, denn wenn sie erzählen, was passiert ist, ignorieren Sie es.« Vier Stunden später meldete Flake überraschend, er könne der Nominierung Kavanaughs nur nach einer FBI-Untersuchung zustimmen.

Das alte Argument »er sagt, sie sagt, wir werden die Wahrheit nie erfahren« zieht in diesem Fall nicht, denn es gibt durchaus Wege, der Wahrheit näher zu kommen. Es gibt Zeugen, die vom FBI zu einer Aussage verpflichtet werden können, unter anderem Kavanaughs bester Freund Mark Judge, und zwei weitere Freunde, die bei der Party dabei waren. Blasey Ford selbst sagte, sie könne dann das Datum und den Ort besser eingrenzen. Eine weitere Frau, Robyn Swirling, konfrontierte Senator Lindsey Graham im Gang. »Ich hörte jedes eklige Wort, das Graham gesagt hatte: Dass Dr. Ford nicht glaubwürdig war, weil sie so lange gewartet hatte, bis sie von dem Vorfall erzählte. Was für mich am schwersten war, war seine Aussage, wir sollten Dr. Ford nicht glauben, weil sie sich an das genaue Datum und Ort des Angriffs nicht erinnern konnte.« Als Graham die Journalisteninterviews beendete, sprach ihn Swirling an. »Ich wurde vergewaltigt, als ich 13 war. Glauben Sie mir das nicht, weil ich mich nicht an das genaue Datum erinnern kann?« Graham sagte ihr, sie solle zur Polizei gehen. »Er versteht ganz offensichtlich nicht, was uns davon abhält, zur Polizei zu gehen«, sagt Swirling. »Überlebende sexueller Gewalt gehen aus vielen Gründen, nicht zur Polizei, auch weil wir jeden Tag sehen, wie die Polizei und die Gerichte darin versagen, Gerechtigkeit für uns zu erreichen.«

In Amerika landen laut dem Rape, Abuse & Incest National Network (RAINN) überhaupt nur acht Prozent der Vergewaltigungen vor Gericht, und nur vier Prozent der Vergewaltiger werden verurteilt. Die Washington Post brachte gerade eine erschütternde Reportage über ein 16-jähriges Mädchen in Texas, das eine Vergewaltigung anzeigte und dafür mit extremer Ächtung und Spott bestraft wurde. Obwohl sie alles richtig machte, die Tat sofort meldete und die medizinischen Spuren ihre Aussagen bestätigten, verhörte die Polizei nicht einmal die Täter. Und kürzlich erst machte ein Richter in Alaska Schlagzeilen, der einen (weißen) Täter freiließ, obwohl der eine 25 Jahre alte indigene Frau entführt, sie bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und auf ihr onaniert hatte. Seine Begründung brachte das Opfer erst recht auf: Die Tat war belegt, doch der Richter sagte, er gebe ihm »einen Freipass«, er solle das aber nicht nochmal machen.

3. Zusammenarbeit mit Opferschutzorganisationen

Eine Lösung dafür ist die Zusammenarbeit der Polizei mit Opferschutzorganisationen. Beispiel Philadelphia: Ein Lokalreporter fand heraus, welchen Spitznamen die Polizisten in Philadelphia der Einheit gaben, die für Sexualverbrechen zuständig war - die »lying bitches unit«, also die Einheit der lügenden Huren. Um die Kriminalstatistik der Stadt aufzubessern, ließen sie Jahrzehnte lang etwa ein Drittel der Vergewaltigungsanzeigen in den Akten verschwinden. Als mit John Timoney ein neuer Polizeikommissar berufen wurde, war der Ruf der Polizei so schlecht, dass er beschloss, alle Anzeigen von Sexualverbrechen überprüfen zu lassen – überzeugt davon, die Polizei hätte gute Arbeit geleistet. Das Ergebnis schockierte ihn: Bei 60 Prozent der ad acta gelegten Anzeigen hatte ein Verbrechen stattgefunden, aber Zeugen waren nicht gehört, Beweise nicht gesichert worden. Wenn die Polizei eine Frau nicht auf Anhieb am Telefon erreichte, wurde die Anklage ins Archiv gelegt. Wenn ein Opfer aus einem armen Stadtteil kam, wurde die Anzeige archiviert – wer würde sich schon darüber beklagen? Wenn ein Opfer Erinnerungslücken aufwies, wurde die Anzeige ad acta gelegt – anstatt zu erkennen, dass lückenhafte Erinnerungen nach Trauma-Erfahrungen typisch sind.

Timoney tat daraufhin den ungewöhnlichen Schritt, Opferschutzorganisationen einzuladen, um von ihnen zu lernen, es besser zu machen. Sie sahen sich Hunderte von Fällen an: Wurden alle Zeugen interviewt? Wurden Beweise gesichert und ins Labor geschickt? Wurde das Opfer fair befragt? Carol Tracy vom Women`s Law Project sagte in der New York Times,  die Zusammenarbeit hatte auch für die Opferschutzorganisation Vorteile: Die Polizisten hatte die Chance zu erklären, warum es notwendig sein kann, harte Fragen zu stellen. Was hatten Sie zur Tatzeit an? Waren Sie betrunken?

Die Zusammenarbeit veränderte die Art und Weise, wie Polizisten Opfer interviewen. Sogenannte Rape kits – die zu Tausenden in Lagerhallen verrotten - werden schneller getestet. Die Polizei stockte ihre Abteilungen für die Aufklärung von Sexualverbrechen mit mehr Personal auf. Und mehr Täter werden zur Rechenschaft gezogen. Seit Philadelphia damit angefangen hat, haben viele andere Städte in Amerika, Kanada und Neuseeland das Modell kopiert, darunter New York und Salt Lake City. »Früher haben sich Opferschutzorganisationen und Polizisten als Feinde betrachtet«, sagt eine der Frauen, die das Modell mitinitiierte. »Inzwischen arbeiten wir gut zusammen.«

»Die ersten Monate haben uns einen Einblick in die Wucht des Problems gegeben«, sagt Tarana Burke, die Aktivistin, die den Begriff MeToo vor zehn Jahren prägte und die bei Fords Anhörung im Publikum saß. »In den Monaten und Jahren, die vor uns liegen, müssen wir uns auf Lösungen fokussieren.«

Nächste Woche Teil 2: Wie ein zwölfstündiges Trainingsprogramm die Vergewaltigungsrate an Universitäten halbiert.

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