Knitterkunst

Falten in Kleidung gelten häufig als Fehler. Was für ein Irrtum! Warum drehen wir den Spieß nicht einfach mal um?

Man will ja keine Falten in der Kleidung, zum Beispiel nicht, wenn man reist: Von Online-Tipps, wie man faltenfrei packt, überheizen ganze Serverfarmen. Auch die absichtliche Kleidungsfalte kommt auf Dauer nie so richtig gut weg – von periodischen Revivals abgesehen, ist der Faltenrock ein Sinnbild rückständiger Mädchenschulen, und die Bundfaltenhose ein Sinnbild angepasster Männlichkeit. Ganz zu schweigen von der Bügelfalte in der Jeans, Ausdruck tiefster Verzweiflung und Ratlosigkeit.

Und dann kommt die Künstlerin Jule Waibel und bügelt Falten hin, wo keine sein sollen. In kurze Hosen, Krawatten, Trenchcoats und auf halbe Hemden. Und wie gerade aufgewacht denkt man: Warum ist Kleidung nicht immer Bügel-Origami, warum wünschen wir uns die meiste Kleidung glatt, und ist glatt nicht einfach nur flach und platt?

Waibel, Designerin aus Stuttgart, die in London und Berlin arbeitet, legt alles in Falten – Mode, Möbel, Innenarchitektur. Sie nennt das paradoxerweise »unfolded universe«, also »ent­faltetes Universum«. Denn erst durch die Falten zeigen die Dinge ihr wahres Gesicht. Waibels Kunst ist, der materiellen Welt Mimikfalten zu schenken.

Entfalten ist was Wunderbares. Man entfaltet Zettel, auf dem »Willst du mit mir gehen? Ja / Nein / Vielleicht« steht. Oder eine Persönlichkeit. Oder den Geldschein, den man als letzte Reserve in die Handyhülle geschoben hatte. Und das Paradox, wenn eine Faltkünstlerin ihre Kniffe »Entfalten« nennt, ist im Grunde das Grundparadox der ganzen Tätigkeit. Falten ist eine anspruchsvolle, strenge Tätigkeit. Das wissen alle, die schon mal in mühevoller Fingerschufterei einen Fröbelstern gemacht ­haben. Oder die sich an Origami versucht haben, dem klassischen Kranich – das Origami-Papier war wunderschön, aber der ­Kranich am Ende krumm und schief. Damit etwas Leichtes, Verspieltes herauskommt, brauchen Falter oder Falterin ein fast absurdes Ausmaß an Disziplin. Weil sie daran erinnert, wie schwer das Leichte ist, bekommt jede gelungene Faltkunst was Erhabenes. Und etwas Magisches: Das war ein starres Blatt Papier, nun ist es ein Kranich. Das war ein Hemd, nun ist es ein Kunstwerk zum Anziehen.

Reisende geben einander Tipps, wie man die Kleidung glatt hält unterwegs: indem man große Stücke um kleine rollt und nicht legt, indem man sie nach der Ankunft im Bad aufhängt, während man heiß duscht. Das klingt oft besser, als es funktioniert. Vielleicht sollte man stattdessen nach der Ankunft das Bügelbrett ausklappen und die Kleiderfalten, die die Reise verursacht hat, mit dem Bügeleisen weiterziehen zu Mustern und eigenen Welten. Zum Zeichen, dass die Lebenskunst nicht darin besteht, dass alles glattgeht, sondern darin, dass man aus den Unebenheiten das Beste macht.

Fotos: Jana Gerberding/Klaus Stiegemeyer Photographers; Model: Soulemane Tounkara/16MEN; Casting: Roxande Dia; Grooming: Gregor Makris; Stylingassistenz: Valerie Epping