»Mit Milch verbinden wir keine Schmerzen, keine Schlachtung«

Wie kommt die Kuhmilch in den Tetrapack? Die Fotografin Manuela Braunmüller hat den Weg dieses alltäglichen Nahrungsmittels von der Besamung der Kuh bis zu ihrer Tötung begleitet. Grüne Wiesen kommen dabei nicht vor.

Name: Manuela Braunmüller
Geboren: 29.03.1993 in Rosenheim
Wohnort: München
Ausbildung: Fotodesign an der Hochschule München Website: www.kuhmilch.org

SZ–Magazin: Ihre Bachelorarbeit haben Sie der Kuhmilch gewidmet. Ein Jahr haben Sie recherchiert und fotografiert. Warum haben Sie sich für dieses Thema entschieden?
Manuela Braunmüller: Ich habe mich am Anfang ganz allgemein für Viehwirtschaft in Deutschland interessiert, weil sich dahinter sehr komplexe Prozesse verbergen. Tierische Produkte herzustellen, also ein Tier in die Welt zu setzen, ist energetisch sehr aufwendig und die Kuhmilch hat sich als repräsentatives Produkt angeboten. 

Inwiefern?
Ich wollte den ganzen Prozess darstellen, zeigen, wie durchgeplant dieser ist. In unserer Gesellschaft wird Kuhmilch als eine natürliche Flüssigkeit, als Nahrungsmittel angesehen. So wie Wasser aus dem Hahn kommt, wird Milch aus dem Tetrapack getrunken. Wie die Herstellung tatsächlich aussieht, das wissen die wenigsten. Und dieses Paradoxon zwischen dem natürlichen Produkt und dem aufwendigen Herstellungsprozess wollte ich abbilden.  

Ihre Arbeit haben Sie in sieben Kapitel unterteilt: Besamungsstation, Labor, Künstliche Besamung, Kalb, Melken und Schlachten ...
... weil ich den kompletten Lebenslauf einer Milchkuh darstellen wolte. Die steht in meiner Arbeit im Zentrum, deshalb habe ich das Projekt bewusst »Kuhmilch« genannt und nicht »Milchkuh«. Das Produkt konsumieren wir jeden Tag, aber nicht jeden Tag streicheln wir eine Kuh. Wenn es um das Thema Kuhmilch geht, dann kann man sich schnell in verschiedenen Unterpunkten verlieren: die Krise der Landwirtschaft, das Sterben der Bauernhöfe, der Druck, unter dem Milchbauern stehen durch das Preisdumping der Supermärkte, oder die Verschickung von Milchpulver in afrikanische Länder, was dort den Milchmarkt total zerstört. 

Welches Kapitel war für Sie die größte Herausforderung?
In eine Molkerei hineinzukommen, weil die Hygienevorschriften bei der Lebensmittelherstellung sehr streng sind. Ich habe bestimmt sechzig Molkereien angeschrieben, aber bis auf eine nur Absagen bekommen. Aber die größte emotionale Herausforderung war natürlich die Schlachtung. Das war schon extrem. Davor habe ich mir Videos von Schlachtungen angeschaut, aber ich war bis dahin noch nie live bei einer dabei gewesen. Ich kannte den kompletten Ablauf, wusste, wie alles theoretisch funktioniert. Aber das Blut zu riechen und die Angst des Tieres zu spüren, das ist etwas anderes. Das Blut riecht nach Eisen, ein extremer Geruch – für mich hat es nach Tod gerochen. Darauf war ich nicht vorbereitet. Plötzlich liegt da ein gehäuteter Rinderkopf vor dir, wo wenige Minuten zuvor noch ein lebendes Tier gestanden hatte.  

In Ihrer Arbeit zeigen Sie ein Bild von einem abgeschnittenen Euter. Warum haben Sie dieses Motiv gewählt?
Das Töten einer Kuh geht mit Gewalt einher. Das Tier wird mit einem Bolzenschuss betäubt und an einem Bein aufgehängt, dann wird ihr die Kehle aufgeschnitten, damit sie ausblutet und zerlegt werden kann. Kopf und Euter werden abgetrennt. Das war ein Bild, von dem ich schon vorher wusste, dass ich es machen will. Es ist nicht so bekannt, dass Milchkühe geschlachtet werden, denn wir unterscheiden zwischen Fleisch und Milch. Mit Milch verbinden wir keine Schmerzen, keine Schlachtung. Aber es gibt keine schlachtungsfreie Viehhaltung. Eine Milchkuh könnte etwa zwanzig Jahre alt werden, aber normalerweise wird sie nach etwa fünf Jahren geschlachtet.

Hat sich etwas an Ihrem eigenen Milchkonsum geändert?
Ja, ich trinke keine Milch mehr. Ernährung ist ja ein emotionales Thema. Aber es ging mir nicht darum, irgendjemand abzuschrecken. Sondern allein darum, die Kuhmilchherstellung in industrialisierten Ländern zu zeigen. Das Bild vom Bauern, der bei Sonnenaufgang eine Kuh mit der Hand melkt, ist einfach veraltet. Durch unseren massenhaften Konsum hat sich das so verändert. Bei Kuhmilch geht es primär um wirtschaftlichen Profit.

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