Willkommen im Hogwarts-Express

Body Positivity, Nachhaltigkeit, Mitspracherecht: Die Bahn und Guido Maria Kretschmer scheinen bei ihrer neuen Arbeitsuniform an vieles gedacht zu haben. Nur das Design ist erstaunlich rückwärtsgewandt.

Foto: Deutsche Bahn AG / Patrick Kuschfeld

43.000 MitarbeiterInnen mit einer Arbeitsuniform auszustatten, die körperlich und geschmacklich jedem passt, ist nicht einfach. Die Deutsche Bahn hat sich für diese Aufgabe deshalb Hilfe von Deutschlands Wohlfühl-Modekritiker Nummer Eins geholt: Guido Maria Kretschmer. Kein schlechter Zug, mit Massengeschmack kennt sich der Designer, der Modekollektionen für Otto und Möbel für den Baur Versand entwirft, schließlich aus.

Fast drei Jahre haben Kretschmer und ein »Expertenteam« der Deutschen Bahn nun bis zur Vorstellung der neuen Arbeitskleidung zusammengearbeitet. Dabei ist vieles richtig gelaufen. Einerseits wurden die zukünftigen TrägerInnen in die Entwicklung miteinbezogen. In einem anfänglichen Workshop durften laut Deutscher Bahn 60 operative MitarbeiterInnen ihre Wünsche und Bedürfnisse äußern, zuletzt wurden die neuen Entwürfe in zwei Tragetests über acht Monate von 250 DB-Angestellten geprüft und entsprechend angepasst.

Außerdem soll der Großteil der Kleidungsstücke den »Made in Green by Oeko-Tex«-Standard erfüllen, der schadstofffreie Materialien und eine umweltfreundliche und sozial gerechte Herstellung zertifiziert. Klar, wer mit Nachhaltigkeit als Fundament seiner Konzernstrategie wirbt, sollte diese sowieso selbstverständlich auf allen Ebenen leben – das müsste im Grundkurs Shitstorm-Prävention jeder gelernt haben. Aber da die Bahn es sogar schafft, den Selbstvermarktungs-Elfmeter »Greta Thunberg postet ein Foto von sich in der Deutschen Bahn« nicht für sich zu entscheiden, sei sie an dieser Stelle für seine Textil-Zertifizierung gelobt. Überdies: Die alte DB-Uniform war ganze 17 Jahre lang im Einsatz – würde jeder seine Kleidung so lange tragen, hätte die Umwelt ein riesiges Problem weniger.

Farbgebung und Zugeknöpftheit der Outfits erinnern eher an britische InternatsschülerInnen, auf Twitter wurde deswegen der passende Vergleich zu den Hogwarts-Häusern gezogen.

Und in noch einem Punkt zeigt sich die neue Bahnbekleidung durchaus »aware«: ihrem sehr inklusiven Größenlauf. Die einzelnen Kleidungsstücke sind in bis zu 51 verschiedenen Größen bestellbar, von Größe 32 (XXS) bis 62 (5XL), und in drei verschiedenen Längen. Dazu passend werden die Outfits auf den offiziellen Pressebildern auch von echten MitarbeiterInnen statt Models getragen – auch das ist nicht selbstverständlich, aber eben zeitgemäß.

Nur in einem entscheidenden Punkt scheinen Kretschmers Entwürfe erstaunlich wenig auf der Höhe: dem Design.

Zwar werden für einige Berufsgruppen erstmals so fortschrittliche Kleidungsstücke wie Jeans und Poloshirt angeboten, für das Personal in den Fern- und Nahverkehrszügen bleibt es aber konservativ: Mit Dreiteiler, Kostüm, Krawatte oder tantigem Halstuch. Und auch in der Farbgebung scheint »Bloß nicht auffallen« oberste Prämisse gewesen zu sein. Die 80 Einzelteile der Kollektion sind überwiegend in Weinrot und Blau gehalten – das knallige Rot, also das farbliche Markenkennzeichen der Bahn überhaupt, wurde kurzerhand abgelegt – zugunsten der angeblich »besseren Kombinierbarkeit« eines Burgundy-Tons. Klar, eine Uniform dient immer der äußerlichen Vereinheitlichung einer bestimmten Personengruppe – aber ein gewisser Wiedererkennungswert wäre durchaus von Vorteil.

Das einzige verbleibende Signalrot finden wir offenbar in den roten Käppchen (zumindest auf den Bildern der ersten Tests 2018 noch in der Kollektion), die formmäßg stark an die Hütchen einer Playmobil-Figur erinnern und eher angestrengt »TGV« als »ICE« zu sagen versuchen. Farbgebung und Zugeknöpftheit der Outfits erinnern andererseits eher an britische InternatsschülerInnen, auf Twitter wurde deswegen bereits der passende Vergleich zu den Hogwarts-Häusern der Harry-Potter-Reihe gezogen. 

Ganz neu im DB-Angebot sind übrigens jetzt auch Kleider, und zwar erstmalig – modegeschichtlich auch nicht gerade ein emanzipatorischer Schritt. Wir können nur hoffen, dass diese wenigstens gleichberechtigt auch allen Geschlechtern zur Auswahl gestellt werden.

Foto: Deutsche Bahn AG / Harry Vorsteher

Wird getragen von: InternatsschülerInnen in Hogwarts, Models im Peek & Cloppenburg-Prospekt von 1998, Kirchenchor zur Weihnachtszeit
Wird getragen mit: Kontrollierzange, Kaffeewagen, Verspätungs-Formularen
Nicht verwechseln mit: W-Lan Buddy, FlugbegleiterInnen von German Wings (vor Ende 2018