Andere Länder, anderer Humor

Als Tennisprofi lernt unsere Kolumnistin Andrea Petkovic viele fremde Kulturen und deren Eigenarten kennen. Meistens versucht sie, nicht aufzufallen - doch das funktioniert nicht immer.

»Da bin ich machtlos.«

Foto: Privat

Wenn man wie ich etwa 40 Wochen im Jahr auf der Welt unterwegs und höchstwahrscheinlich mitverantwortlich für den Klimawandel ist (ich bin nicht stolz darauf!), wird man zwangsläufig sensibel für andere Kulturen. Ich bin vorsichtig mit meinen Füßen in Indien und versuche niemandem dort meine Sohlen zu zeigen, seitdem die indische Tennisspielerin Sania Mirza für einen nationalen Skandal sorgte, weil ihre Füße vor einer indischen Flagge fotografiert wurden. Füße gelten in Indien als unrein.

Mir fällt es kaum noch auf, wenn Chinesen für alle Menschen in ihrer Umgebung hörbar die Nase hochziehen, nach dem Essen laut rülpsen oder an irgendwelchen öffentlichen Plätzen oder in der U-Bahn- drängeln. Ich drängle inzwischen einfach immer mit. Manchmal macht das sogar Spaß, denn meistens bin ich mit meinen 1,80 Metern dort der größte Mensch im Unkreis von 1000 Kilometern. Als ich mir in Peking beim Frühstück dagegen mal vornehm europäisch die Nase putzte, schaute die Frau am Nebentisch mich so entsetzt an, als würde ich mich gerade in Echtzeit in ein Seemonster verwandeln. Kleinigkeiten.

In den meisten Fällen sind mir die kulturellen Eigenheiten jener Länder, in denen ich oft bin, so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenke. Ich sage zum Beispiel ständig »Hey, wie geht’s?«, interessiere mich aber gar nicht für das Befinden meines Gegenübers, aber das habe ich so aus den USA mitgebracht (sorry!). Ich hinterfrage auch selten, ob ich diese Eigenheiten richtig finde; mit der Zeit habe ich herausgefunden, dass das die beste Überlebensstrategie ist. Ich bin Tennisspielerin, ich muss trainieren, Matches spielen und die Einsamkeit in Kettenhotels ertragen. Ich habe keine Zeit dafür, dabei auch noch unangenehm aufzufallen.

Manchmal passiert es aber doch, ungewollt natürlich. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass ich ziemlich leicht beeinflussbar bin. Und zwar nicht von anderen Menschen, gegen die kann ich mich ganz gut wehren, sondern von Popkultur, von Musik, Serien, Literatur und vor allem Film. Da bin ich machtlos.

Eine ganze Zeit lang etwa bin ich nur mit Männern ausgegangen, die wahnsinnig miesepetrig waren und alle um sich herum runterzogen. Und warum? Weil ich kurz zuvor »Schuld und Sühne« von Dostojewski gelesen und mich Hals über Kopf in seine literarische Hauptfigur Raskolnikow verliebte hatte - und nun hinter jedem Hauch von schlechter Laune tiefgehende Selbstzweifel und philosophische Fragen nach dem Sinn des Lebens vermutete. Ich musste allerdings herausfinden: In den meisten Fällen handelt es sich bei schlechter Laune einfach nur um schlechte Laune.

»Lachen hilft im Zweifel immer bei der kulturellen Verständigung«

Nächstes Beispiel: Nachdem ich »Almost Famous«, den Spielfilm von Cameron Crowe über einen jungen Möchtegern Journalisten, der eine Rockband in den Siebzigerjahren begleitet, gesehen hatte, kleidete ich mich für eine äußerst kurze Phase (zum Glücke aller!) in Schlaghosen, Blümchenhemden etc. In Südkorea verschlug es mich mal in genau jener Zeit alleine in ein Hardrock Café, kulturell sicheres Terrain, sollte man meinen. An der Bar zeigte ich auf ein Bildchen, das aussah wie alkoholfreies Bier. Die Kellnerin, die mir das Bier brachte, trug einen kurzen, schwarzen Lederrock und Hosenträger über einem weißen Hemd. Ihre Kolleginnen hinter der Bar schauten offenbar Videos auf einem Handy an, zumindest kicherten sie ununterbrochen.

Ich fragte mich, ob das an mir lag und schaute an mir herunter: Ich hatte goldene Stiefel an und ein gemustertes Siebzigerjahre-Hemd. Ein bisschen ausgefallen vielleicht, aber auch nicht mehr als diese Rock-Hosenträger-Kombination. Die Kellnerin blieb bei mir stehen und fragte: »You like Fleetwood Mac?« Ich sah sie etwas verwirrt an. »Fleetwood Mac, you know?« Ja, ich kenne Fleetwood Mac. »You like?« - »Sure, I guess, why not.« - »Come!« Sie machte die entsprechende Geste dazu, um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen.

Na gut. Ich stand auf und sie führte mich durch die gesamte Kneipe hinter die Bar, wo ein beleuchteter Schrein stand. Darin war ein altes Bühnenoutfit von Stevie Nicks, der Sängerin und Frontfrau von Fleetwood Mac, ausgestellt - ein typisches Siebzigerjahre-Outfit: Schlaghose, Plateaustiefel und gebundene Bluse mit psychedelischen Paisley-Muster. Die Kellnerin sah mich an, zeigte auf mich, auf den Schrein und wieder auf mich. »You like Fleetwood Mac!«

Das war nicht mehr als Frage gemeint, sondern als Statement. Sie war ganz offenbar der Meinung, dass ich aussah wie Stevie Nicks (wer nicht weiß, wie Stevie Nicks aussieht: sie ist 69 Jahre alt und blond). Ich begann zu lachen, weil ich mir dumm vorkam und sie kaum Englisch sprach und ich noch weniger Koreanisch. Ich deutete auf mich und auf den Schrein und wiederholte einfach: »Fleetwood Mac!« Und lachte mich tot dabei. Meine neue Freundin wiederholte nun auch immer wieder »Fleetwood Mac« und lachte und lachte und ich lachte mit, und ich glaube, das waren so ungefähr die seltsamsten drei bis vier Minuten meines Lebens. Seltsam, aber irgendwie sehr schön, weil sie mir beibrachten: Lachen hilft im Zweifel immer bei der kulturellen Verständigung. Auch wenn man gar nicht weiß, warum.

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