Wie bringt man Menschen dazu, ihr Verhalten zu ändern?

Schon mal versucht, das Rauchen aufzugeben oder das Klima zu schonen? Ein Wissenschaftler-Team um die US-Professorin Angela Duckworth ist nun der Methode auf der Spur, den inneren Schweinehund ein für alle Mal zu besiegen.

Die Lösung für alles? Die Psychologie-Professorin Angela Duckworth, 48, sucht nach Wegen, bei den Menschen dauerhafte Verhaltensänderungen zu bewirken.

Foto: Privat

Das größte Problem der Menschheit sind wir Menschen selbst: Wir treffen oft Entscheidungen, die uns und anderen schaden. Wir rauchen, wir streiten zuviel, wir bewegen uns zu wenig und genehmigen uns dann noch einen Drink – obwohl wir es durchaus besser wüssten. Genauso auf der Weltebene: Wir vergiften das Klima, wir hauen CO2 raus, wir überfischen die Meere, wir spenden zu wenige Organe. Viele, ganz viele – auch existenzgefährdende – Probleme ließen sich lösen, wenn wir nur unser eigenes irrationales Handeln ändern würden. Etliche Studien zeigen, dass mehr Informationen kaum helfen: Natürlich wissen wir, dass Rauchen schädlich ist und jeder Urlaubsflug zum CO2-Problem beiträgt. Schon klar, dass wir Gewohnheitstiere mit unseren Macken zu unserem eigenen Verdruss beitragen. Eine ganze Armada an Psychologen versucht, unsere rätselhafte Untätigkeit anlässlich der Klima-Katastrophe zu erklären.

Da können wir noch so lange Lösungen für jedes Einzel-Problem vorstellen: Unser Verhalten erinnert mich an meinen dreijährigen Neffen, wenn er seine Trotzphase auslebt. Dann stampft er mit dem Fuss auf und ruft: »Ich mach das trotzdem, weil mir danach ist! Du hast mir gar nichts zu sagen!«

Der Mensch ist sich selbst der größte Feind, im Kleinen wie im Großen. Aber er hat nun einen ebenbürtigen Gegner gefunden: Die Neurowissenschaftlerin Angela Duckworth, 48, ist mit einem 47-köpfigen All-Star-Team aus Harvard-, Yale- und Stanford-Wissenschaftlern angetreten, das zu ändern. »Das Problem mit den Menschen ist, dass sie Menschen sind und wiederholt Entscheidungen treffen, mit denen sie sich langfristig selbst schaden, selbst wenn sie genau wissen, dass sie das Falsche essen, ihr Geld für das Falsche ausgeben und ihre Zeit nicht sinnvoll verbringen«, sagt Duckworth, Psychologie-Professorin an der University of Pennsylvania. Die Bestsellerautorin (Grit) treibt eine 100-Millionen-Dollar-Frage an: Wie können wir Menschen dazu bringen, ihr Verhalten zu ändern – nicht nur kurzfristig, sondern dauerhaft? Und: Wenn wir dieses eine Problem lösen, das Dilemma der Menschheit sozusagen an der Wurzel packen, kann das die Lösung für alle anderen Probleme sein?

Es ist eine verführerische Frage. Das 100-Millionen-Dollar-Etikett stammt daher, dass sich Duckworth mit diesem Thema um das 100-Millionen-Dollar-Stipendium der MacArthur-Stiftung beworben hat. Sie hat bereits vor einigen Jahren einen MacArthur-»Genie«-Preis gewonnen, und was für ein Genie wäre sie, wenn sie sich nicht an der Ausschreibung des Jahrhunderts beteiligen würde? Das große Geld ging inzwischen an syrische Flüchtlingskinder, aber selbst da drängt sich natürlich die Frage auf: Wenn der Mensch sich rationaler verhalten würde, hätte er es dann überhaupt zur Syrien-Tragödie kommen lassen?

Duckworth und ihre Kollegen suchen nach der Lösung für dauerhafte Verhaltensänderungen, nicht nur für das kurzfristige Anstupsen beim Pinkeln.

Duckworth hat schon vor einiger Zeit das gemeinnützige »Character Lab« gegründet, das sich der Aufgabe verschrieben hat, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Charakter-Förderung vor allem bei Kindern und Jugendlichen umzusetzen. Für die Lösung aller Lösungen startete sie im letzten Herbst die »Behavior Change for Good Initiative« (BCFG) an der University of Pennsylvania und köderte Experten aus verschiedenen Bereichen wie Computerwissenschaften, Neurobiologie, Psychologie und Marketing mit der Schlüsselfrage: »Was, wenn wir entscheidende Fortschritte in allen wichtigen sozialen Problemen des 21. Jahrhunderts mit einer einzigen Lösung schaffen?«

Also: Wie bringt man Menschen dazu, Verhaltensänderungen dauerhaft beizubehalten? Den Neujahrs-Vorsatz nicht schon am 4. Januar wieder in die Tonne zu treten? Im Supermarkt den Mehrwegbehälter zu füllen? Zum Apfel statt zur Schokolade zu greifen? Und uns dann nicht für die Stunde im Fitness-Studio mit einem Burger zu belohnen?

Die Kluft zwischen Sein und Sollen ist enorm, aber die Verhaltenspsychologie hat in den letzten Jahren ständig neue Erkenntnisse gewonnen. Die Initiative soll sicherstellen, dass die hellsten Köpfchen sich darüber nicht nur austauschen, sondern gemeinsam an der Umsetzung arbeiten.

Das klingt ein wenig wie das »Nudge«-Konzept, also die Psycho-Tricks, mit denen der Ökonom Richard Thaler letztes Jahr den Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften gewonnen hat. Die Strategie des »Anstupsens« funktioniert: Eine aufgemalte Fliege im Pissoir führt zu 80 Prozent größerer Treffsicherheit. Die grünen Streifen auf der Kölner Straße, die zum Mülleimer führen, spornen Menschen dazu an, mehr Müll in die Tonnen zu werfen. Ganze Regierungen haben inzwischen Teams eingerichtet, die Thalers Erkenntnisse in Politik umsetzen.

Thaler ist ebenfalls Teil von Duckworths Team, die Herausforderung geht hier aber noch einige Schritte weiter: Duckworth und ihre Kollegen suchen nach der Lösung für dauerhafte Verhaltensänderungen, nicht nur für das kurzfristige Anstupsen beim Pinkeln. »Wenn wir das Problem lösen, wie positive Verhaltensänderungen zu dauerhaften Gewohnheiten werden, können wir jedes einzelne gesellschaftliche Übel angehen, das die Menschen belastet.«

Acht Gründe für die 25-Stunden-Woche

Viel zu arbeiten, bringt Stress und Burnout – aber für die Firma weniger, als man denkt. Hier sind acht wissenschaftlich fundierte Argumente für eine kürzere Arbeitswoche.

Sie beginnen mit drei Bereichen, in denen die Erkenntnisse unumstritten sind: 1. Gesundheit. Der Mensch ist gesünder, wenn er sich bewegt, aber mehr als die Hälfte der Menschen bewegt sich zu wenig. 2. Ausbildung. Jeder vierte Student in Amerika schließt sein Studium nicht ab. Wie kann man Schüler motivieren, besser zu lernen und bis zum Abschluss dabei zu bleiben? 3. Finanzen. Jede dritte Familie in Amerika hat keine Rücklagen. Mehr als die Hälfte spart nicht genug, obwohl sie es könnte. Der Bedarf ist in allen drei Bereichen enorm. Duckworths bescheidenes Ziel: »Studienabbrecher, finanzielle Unsicherheit und vorzeitige Todesfälle in zehn Jahren um mindestens zehn Prozent reduzieren, besser noch um 20 Prozent.«

Ebenfalls neu ist das Ausmaß der Initiative: Statt menschliche Versuchskaninchen in Laboren bei Einzeltests zu beobachten (wie etwa beim fragwürdigen, aber berühmten Marshmellow-Test), arbeiten die Forscher mit Schulen, Universitäten, Firmen und Banken zusammen, um den Einfluss verschiedener Strategien im richtigen Leben zu überprüfen.

Beispiel Bewegung: Dazu kooperieren die Forscher nun mit möglichst vielen der vier Millionen Mitglieder einer landesweiten Kette von Fitnessstudios, 24-Hour-Fitness. Das »Step Up«-Programm sieht nur auf den ersten Blick aus wie eines der üblichen Motivationsprogramme. Im Hintergrund laufen massive Datenanalysen, es gibt wissenschaftlich fundiert gewählte Kontrollgruppen und experimentelle Ansätze. »Wir probieren derzeit 75 Ideen aus, um herauszufinden, welche genau langfristig am erfolgreichsten sind.« Denn natürlich lässt sich nicht jeder Mensch auf die gleiche Weise motivieren: Für manche ist es ein Buddy, für andere eine App, die sie an ihre Ziele erinnert, für andere der Wunsch, für die Enkelkinder fit zu sein.

Es geht schließlich darum, Menschen nicht nur am 2. Januar ins Fitnessstudio zu bewegen, wenn diese bekanntlich regelmäßig überfüllt sind, sondern ausdrücklich darum, wie man die Motivation, fitter zu werden, das ganze Jahr oder das ganze Leben lang durchhält. »Milliarden von Menschen auf der Welt kämpfen darum, ihre Ziele zu erreichen, egal ob es sich um ihre Gesundheit, ihre Ausbildung oder ihre Finanzen handelt«, sagt die Computer-Ingenieurin Katherine Milkman, die Co-Direktorin von Behavior Change for Good. »Egal welche Ressourcen wir zur Verfügung haben, fast jeder von uns würde es gerne besser machen. Das ist ein Kampf für uns alle.«

Milkman sagt, ihre beide Eltern seien vor einigen Jahren an Krebs erkrankt und ihren Heilungsweg zu beobachten, habe sie dazu motiviert, Direktorin dieses Projektes zu werden: »40 Prozent der vorzeitigen Todesfälle lassen sich auf suboptimales Verhalten zurückführen«, hat Milkman recherchiert. »Rauchen ist dabei für einen Großteil dieser Tode verantwortlich, schlechte Ernährung und körperliche Faulheit stehen auf Platz zwei und drei der Ursachen.«

Die gute Nachricht: Das lässt sich ändern.

Die schlechte: Wir wissen noch nicht genau, wie.

Aber die Richtung kennen Milkman und Duckworth und deshalb teilen sie erste Erkenntnisse:

1. Klare Zielsetzung: Wer sich ändern will, braucht eine Vision, wie er oder sie sich in einigen Jahren sehen will. Konkret: Persönliche Textnachrichten bei Step Up erinnern die Teilnehmer daran, ihr Ziel im Auge zu behalten.

2. Selbsterkenntnis. »Wer seine eigenen Stärken und Schwächen versteht, kann Fortschritte machen. Wenn man sich dessen nicht bewusst ist, hat man keine Motivation, sich zu ändern«, sagt Duckworth. Eigentlich logisch, da kann man aber ansetzen: Mit Fragebögen und Gesprächen.

3. Genuss. Das Programm muss Spaß machen, sonst lassen wir's bald wieder.

4. Wettbewerb. Dass Freunde, die auch joggen, uns zum Mitmachen anspornen, ist bekannt. Tatsächlich aber wissen wir inzwischen, dass Muskelneid und ein wenig Wettkampf uns eher durchhalten lassen als das bloße nette Nebeneinanderherlaufen.

5. Unterstützung und Belohnungen. Wer beim Step Up Programm mitmacht, bekommt zum Beispiel Amazon-Gutscheine. Kleine Beträge, aber mit großer Wirkung. »Wenn wir bei jedem Meilenstein kleine Belohnungen bekommen und mit instinktiven Hinweisen paaren, schaffen wir es eher zum nächsten«, sagt Milkman. »Das machen wir so lange, bis die neue positive Gewohnheit zur zweiten Natur wird.«

Schweinehund, du bist noch nicht erledigt, aber deine Tage sind gezählt.

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