Schlaflos am Ende der Ferien

Zum Start unserer neuen Kolumne erzählt Frau W., Lehrerin an einem bayerischen Gymnasium, von der Leichtigkeit der Sommerferien, von Selbstzweifeln, die sie dann beschleichen, und dem Zauber des ersten Schultags.

Illustration: Jan Buchczik

Hatte ich mich noch vor gar nicht so langer Zeit durch Projekttage geschleppt, mit erschöpften Schülern Filme geguckt und an zähen Konferenzen teilgenommen, kurzum: die Sommerferien herbeigefleht, so kam in diesem Jahr bereits nach der zweiten Woche Wehmut auf. Ich saß in meinem Garten vor einem riesigen Stück Torte, ich konnte aufs Klo gehen, wann ich wollte und obwohl alles perfekt war, vermisste ich meinen angestammten Tisch im Lehrerzimmer, den schlechten Kaffee aus dem Automaten und meine lieben, nur minimal muffelnden SchülerInnen.

Ich fragte mich: Hat Ricardo aus der 7b seine Nachprüfung geschafft und rückt eine Klasse vor? Welche dämliche Frisur wird Carl aus der 9a diesmal haben? Werden weiterhin alle Kollegen über Frau P.s Liebesleben reden? Krieg ich endlich auch mal ein Schließfach? Dabei wusste ich ja noch nicht mal, welche Klassen ich bekommen würde.

Wie jedes Jahr hatte es vor den Sommerferien den Wunschzettel gegeben. Darauf durften wir Lehrer schreiben, wen wir auf gar keinen Fall wiederhaben wollten. Hätten die Schüler sicher auch gern. Wir müssen es aber auch begründen. Zu schreiben, dass die 6b doof ist und die 7b immer so laut, reicht nicht. Mein Wunsch hatte diesmal gelautet: keine zehnten Klassen. In den Lehrplan dieser Stufe wird nämlich alles reingepackt, was bisher nicht drangenommen wurde, aber man hat weniger Unterrichtszeit, um den Stoff zu vermitteln. Gleichzeitig müssen die Schüler noch intensiv auf die Kollegstufe vorbereitet werden. Zehnte sind supernervig. Ob mein Wunsch in Erfüllung gehen sollte?

Wie immer kam auch in diesen Sommerferien der Punkt, an dem ich es nicht mehr aushielt. Offiziell werden die Stundenpläne für die LehrerInnen erst mit der ersten Konferenz des Jahres bekanntgegeben, also einen Tag vor Schulbeginn. Aber es gab ja Stefan. Stefan ist ein ganz, ganz lieber Kollege, der mit zarter Stimme und wenig Augenkontakt unterrichtet. Stefans Aufgabe ist es, während der Sommerferien im schlecht durchlüfteten Computerzimmer des Schulgebäudes vor einer riesigen Magnetwand zu sitzen und alle Stundenpläne zu erstellen. Wie ein einsamer Kommandant auf einem verlassenen Raumschiff, das nur er durch ein Wurmloch leiten kann.

Ständig bekommt er dabei neue Informationen: Ein weiterer Referendar wurde der Schule zugeteilt. Frau K. kommt kurzfristig aus der Elternzeit zurück, sie hält es zuhause nicht mehr aus. Herr. F. wurde am Fuß operiert, er kommt erst in der dritten Woche. Habe ich erwähnt, dass Stefan Mathematiker ist? Jemand anders könnte diesen Job wahrscheinlich nicht.

Ich schrieb Stefan auf Whatsapp an, er antwortete prompt: »Klar, komm vorbei, ich sag dir, wen du bekommst!« Freudig fuhr ich in die Schule und ging schnellen Schritts auf das Computerzimmer zu. Der Raum war voll, Stefan war nicht alleine. Das halbe Kollegium hatte sich bürofein gemacht und drängte sich um die Magnetwand. Alle versuchten, ihren neuen besten Freund davon zu überzeugen, montags doch besser erst zur dritten Stunde anzufangen.

Ich überblickte das Schauspiel von hinten und stellte schnell fest: Mein Stundenplan ist dieses Jahr in Noten ausgedrückt eine gute drei. Von allem was dabei, Montag Unterricht um acht, dafür Freitag früher Schluss. Eine fiese 11., aber auch eine liebe 5. Ich bedankte mich bei Stefan und fuhr zurück nach Hause ein. Versuchte die letzten Tage Ferien zu genießen. Doch das war gar nicht so einfach.

Ich schlief schlecht. Machte mir Gedanken wegen der Siebten, die ich in Ethik bekommen sollte. Ich fragte mich, ob sie endlich zu einer Einheit finden würden, die vier Muslimas, zwei Möchtegern Hip-Hop-Gangster, die vorlauten Gören, die ständig kicherten und das verschüchterte Eck hinten rechts. Mein Lieblingsschüler aus dieser Klasse hatte die Schule verlassen – er war Legastheniker und unser Schulsystem ist erbarmungslos Schülern gegenüber, die nicht in die Norm passen. Ich hatte gekämpft, mit den Eltern geredet, hatte einen Weg finden wollen – vergeblich. Das frustrierte mich immer noch.

Es hätten noch drei schöne Ferientage werden können, die ich unbeschwert mit Mann und Kind verbringe. Aber das neue Schuljahr war nun fühlbar. Ich habe Ideale, Vorstellungen vom Lehrersein, die ich besonders in den Sommerferien spüre: Werde ich in meinen SchülerInnen etwas auslösen können? Werden sie – vielleicht auch durch mich – selbstbewusste, kluge, soziale Menschen? Zwischendurch überkamen mich Selbstzweifel: Habe ich überhaupt noch eine Stimme? Konnte ich noch vor einer Klasse stehen und wie es so schön heißt »durchgreifen«?

Dann hatte ich diesen Traum. Ich träumte vom ersten Schultag, und als ich aufwachte, wusste ich: Es würde aufregend sein, wieder das Schulgebäude zu betreten. Ich würde die 70er-Jahre-Beton-Fassade sehen, durch die schummrige Pausenhalle gehen, an den schmuddeligen Vorhängen vorbei, den nach Linoleum riechenden Gang zum Lehrerzimmer: Ein Augenstern ist sie nicht, diese Schule, aber ich habe sie mit der Zeit liebgewonnen. Dann würde ich irgendwann vor der Klasse stehen, an diesem Dienstag um 8 Uhr, ich würde das Gebrüll der 8b hören, mein Puls würde steigen.

Ich würde die Tür aufmachen, 28 Augenpaare würden mich taxieren, ich würde Ahu sehen und ihr freundlich zunicken, die Hip-Hop-Gangster fragen, ob sie in den Ferien neue Songs eingesungen haben. Ich würde einen flüchtigen Blick auf Merles Arme riskieren, um zu schauen, ob noch mehr Narben hinzugekommen sind. Ich würde Hoffnung, Erwartung, Angst und Vorfreude in den Gesichtern sehen. Und dann würde es losgehen.

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