Die wollen nur spielen

Das Ensemble und die Mitarbeiter der Münchner Kammerspiele sprechen über ihr besonderes Verhältnis zur Mode und was mit einem Menschen passiert, wenn er sich auf der Bühne verkleidet.

Matthias Lilienthal, 59
Intendant

»Beim Gastspiel von Houellebecqs Unterwerfung quatschte mich eine Münchner Dame an: Was fällt Ihnen ein, so un­gepflegt herumzulaufen? Ich war verwirrt, fragte dann aber sehr liebenswürdig: Und wer hat ­Ihnen erlaubt, so gepflegt ­herumzulaufen? Ich versuche, hier in meiner Arbeit eine identische Person zu bleiben. So ­wenige Notlügen wie möglich, auch wenn es das für mich und das Theater manchmal nicht leichter macht. Das betrifft auch meine Gesamt­er­scheinung. Es ist nicht so, dass ich Mode nicht sehen würde. Ich sehe die Acne-Klamotten meiner Freundin. Aber ich habe auch ein relativ gespaltenes Verhältnis zu meinem Körper. Bis Mitte der Zeit am ›Hebbel am Ufer‹ in Berlin habe ich manchmal Jacketts getragen, jetzt trage ich sie nur, wenn ich politisch unbedingt muss. Das ist schon ein innerer Widerstand. Wenn ich öfter Schläge ein­stecke, ­werde ich ja nicht weicher.«

Sakko von Dressler über Lodenfrey, ­Kapuzenjacke und Shirt privat, Strümpfe von Gucci, Huhn-Kopfschmuck aus dem Stück »Nichts von euch auf Erden«, Pumps aus » Ludwig II. – Die volle Wahrheit«.

Martha Engl, 31 
Abendkasse

»Es gibt keinen Dresscode mehr. Jüngere Leute sind sehr modebewusst, kommen aber oft in Jeans, das ist völlig in Ordnung. Mache ich auch: Jeans und T-Shirt, allerdings brauche ich ein Jackett drüber. Wir an der Abend­kasse sind das Gesicht des Theaters, die Ersten, die gesehen werden. Unsere ­älteren Abonnenten sind am elegantesten angezogen. Wir haben da viele schicke Damen im Kostüm und Herren mit Fliege zum Anzug. Uschi Obermaier stand mal mit großem Hut vor mir an der Kasse. Sie und ihr Hut sahen umwerfend aus.«

Hemd und Pullover von Prada, Rokoko-Perücke angefertigt von der Maskenabteilung für das Stück »Der Spieler«.

Maja Beckmann, 42
Schauspielerin

»Ich habe in Der erste fiese Typ eine Frau gespielt, die sich ein ­System erschaffen hat, um im Leben zurechtzukommen. Zum Beispiel besitzt sie nur zwei Teller, sodass immer ­einer sauber und einer schmutzig ist. Ich tat mich schwer, in die Rolle zu finden, bis jemand aus der Regie meinte: Spiel doch deine Schuhe! Ich trug Clarks. Ich weiß, die sind ein Klassiker, aber ich finde sie hässlich und nichtssagend. Ich schaute also an mir runter, fühlte mich ein paar Sekunden ein – und auf einmal wusste ich, was zu tun war.«

Oberteil und Kleid von Kenzo, Strumpfhose von Falke, Plateauschuhe von Gucci. Der Ober­lippenbart ist eine Anfertigung der Masken­abteilung der Münchner Kammerspiele.

Ein Film von Sarah Beckhoff

Martina Taube-Jedryas
Künstlerische Betriebsdirektorin

»Mit zehn oder zwölf wünschte ich mir zu Weihnachten weiße, knie­­hohe Knautsch­lackstiefel, wie Twiggy sie trug. Es war mein ­erster Wunsch, der mit Mode zu tun hatte. Statt der Stiefel, die toll zu Mini­röcken passten, bekam ich praktische, dunkle Stiefeletten von meiner Mutter. Ich habe nichts gesagt und sie brav getragen.«

Blazer von Miu Miu, Bluse von Sacai, Cowboyhut aus dem Stück ­»Sicherheitskonferenz«.

Nils Kahnwald, 34 
Schauspieler

»Kostüme prägen ­Körper, Kleidung verändert auch das Innere. Wenn ich auf der Bühne das Richtige trage, muss ich beim Spielen nicht nur in mir selbst suchen, manches passiert fast von allein.«

Sakko von Dries Van Noten, Tasche von Tod’s. Historisches Watteau aus dem Fundus der Münchner Kammerspiele. Netzteil auf dem Kopf von der Maskenabteilung der Münchner Kammerspiele.

Sylvia Janka, 49
Maskenbildnerin

»Ich bin in Leipzig in der DDR groß geworden. Außer dass ich nicht ­reisen konnte, wohin ic­h wollte, nicht sagen konnte, was ich wollte, und nicht studieren konnte, was ich wollte, habe ich schöne Erinnerungen. Ich war eine ­Mischung aus Popper und Waver und habe mir Strasssteine in die Netzunterhemden meines Vaters genäht, dazu eine Jeans aus dem Konsum-Warenhaus. Nach der Wende war ich ziemlich überfordert von dem riesigen Warenangebot.«

Tüllkleid und Ballerinas von Christian Dior, Strumpfhose von Falke, Ringe privat.

Raimund Richar-Vetter, 40
Maskenbildner

»Bevor ich zu den Kammerspielen kam, war ich vier Jahre lang mit Udo Jürgens auf Tour gewesen, als sein persönlicher Maskenbildner. Ich konnte es mir anfangs auch nicht vorstellen, aber man kommt locker auf einen Acht-Stunden-Tag. Die Räume inspizieren, Garderobe einrichten, Hemden aufbügeln, Make-up und Haare machen, ihn zum Soundcheck begleiten, persönliche Rund­umbetreuung, einpacken. In der Entourage hatten alle Anzüge an, meistens schwarze, es hieß immer, da kommen die Men in Black. Ich habe geschaut, dass ich ordentlich angezogen bin, aber kein weißes Hemd und Krawatte, sondern bunte Hemden und Fliege zum Cordsakko.«

Hemd von Gucci, Hose von Louis Vuitton, Plateaustiefel aus dem Stück »1968 – Eine Besetzung der Kammerspiele«, Brille privat.

Andreas Merkl, 59
Bühnentechniker

»Ich habe immer gern Röcke getragen. Früher habe ich sie in Damenabteilungen gekauft, die saßen aber nie richtig, also habe ich mir einen Herrenrock aus schwarzem Leinen schneidern lassen. Leider wurde ich in München so oft dumm angesprochen – der eine pfeift, der andere denkt, man gehöre einer Sekte an –, dass ich ihn kaum noch anziehe. Es muss ja nicht selbstverständlich sein, aber auf einen Spießrutenlauf habe ich auch keine Lust.«

Mantel, Hose und geblümter Rollkragenpullover von Prada, Strickpullover von Ami, Clutch von Max Mara. Augenbrauen und Oberlippenbart aus dem Fundus der Maskenabteilung.

Jelena Kuljić, 42 
Musikerin und Schauspielerin

»In der Pubertät habe ich nicht die klassischen Normen erfüllt: Weder waren meine Formen weiblich, noch wollte ich Schuhe mit Absätzen tragen oder mich sexy anziehen, wie das junge Frauen in unserer serbischen Stadt ­taten. Als ich dann eine Band hatte und in einem Ort an der serbisch-bosnischen Grenze auftrat, verkaufte mir ein Zöllner günstig Doc-Martens-Stiefel, die er be­­schlag­nahmt hatte. Ich be­sitze sie immer noch – und drei weitere Paar Doc Martens. Sie sind meine absoluten Lieblingsschuhe.«

Tüllkleid und Schuhe von Erdem.

Gro Swantje Kohlhof, 24
Schauspielerin

»Gro ist norwegisch, Swantje friesisch. Als Kind ließ ich mich Swantje nennen, Gro klingt ja wie ein Wort, das nicht fertig ist. Mit elf, zwölf bin ich rumgelaufen wie eine Farbexplosion. Neongrüne Schuhe, blaue Latzhose, rot gefärbte Haare. Meine Brüder, meine Mama, meine Oma, alle haben von Natur aus rote Haare, nur ich nicht. Dann wurden alle cooler, und ich bin auf Schwarz umgestiegen. Nicht wirklich Gothic,­ aber ziemlich schwarz. Ich habe mir die Haare braun gefärbt, war ganz blass, und wurde Gro. Jetzt bin ich wieder blond, meine echte Farbe, und immer noch Gro.«

Kleid von Loewe, Kopfschmuck aus dem Stück »Die Selbstmord-Schwestern«.

Technikabteilung, von links: Hans-Björn Rott­länder, Wolfgang Klöckner, Sajad Hosayni, Michael Parker, Rudolf Sailer, Andreas Böheim, Pit Schultheiss, Thomas Spiegler

Pit Schultheiss, 66
Beleuchtungsmeister (Zweiter von rechts)

»Bei uns hinter der ­Bühne sollen alle dunkle Kleidung tragen, die Techniker, die Be­leuch­ter. Als stell­ver­tretender Abteil­ungs­­leiter dürfte ich ­inzwischen auch in Jeans und Hemd ­rumlaufen. Aber ich ­bleibe bei den Ar­beits­klamotten, ich fühle mich­ darin wohl. ­Kleidung, die für eine bestimmte Arbeit steht, schafft ja auch ein bestimmtes Bewusstsein.«

Dunkelblaue Handtasche (zweite von rechts) von Mulberry, alle anderen Taschen von Tod’s.

Barbara Schlemer
Stellvertretende Leiterin Verwaltung, Personal, Organisation

»Je verrückter, desto lieber!«

Kleid von Anaïs Jourden, Sandalen von Kenzo.

Thomas Hauser, 26
Schauspieler

»Mode ist für mich auch ein Kampf. Wenn ich die Möglichkeit habe, eine teure Klamotte anzu­ziehen, ist das für mich eine Demonstration der Teil­habe. Weil ich als queerer Mensch nicht zur Mehrheit gehöre.«

Kleid von Missoni, Socken von Bonne Maison, Sandalen von Ermenegildo Zegna.

Susanne Dölger
Schreinerei

»Ich habe einen Turnschuh-Tick. Als Kind sollte ich Puma tragen. Ich wollte Adidas, aber die bekam ich nicht. Erst als ich 13 war, hat mir meine Mutter welche geschenkt. Die hab ich immer getragen, waren natürlich schnell durchgelaufen. Mein Vater war dagegen, dass ich neue bekam. Adidas waren ja viel teurer als Puma. Natürlich habe ich mit 15 vom ersten selbst verdienten Geld in der Schreinerlehre neue gekauft. Es wurden immer mehr, ich habe Fußball gespielt und Tischtennis, hochklassig, dritte Liga. Heute spiele ich nicht mehr, aber es sind immer noch zwanzig Paar, Größe 42. Drei Kinder habe ich, auch sie tragen nur Turnschuhe.«

Jacke von Simone Rocha, Vogel-Kopfschmuck aus dem Stück »Nichts von euch auf Erden«.

Samouil Stoyanov, 30 
Schauspieler

»Am liebsten wäre ich nackt. Oder hätte nur eine Basketballhose an, aber das ist oft zu kalt. Dann ziehe ich eine Jogginghose drunter, ­daran erkennt man mich. Meine Mutter schämt sich direkt für mich. Meine Freundin stört es nicht. Nur Essen darf nicht auf der Kleidung sein. Aber das möchte ich selber nicht. ­Jogginghose und Basketballhose sind schon einmal zu meinem Kostüm geworden, in ­Der Kirschgarten

Unterhose von Schiesser, Sandalen von Gucci.

Zeynep Bozbay, 26
Schauspielerin

»Ich liebe gute Kleidung, aber sie ist so schwer in den Alltag integrierbar. Als Schau­spielerin habe ich das Gefühl, ich muss irgendwie immer ›ready to go‹ sein, mich jederzeit in eine Figur verwan­deln können. Also bleibe ich privat eher neutral, ich trage häufiger praktische Kla­motten, als mir ­ei­gentlich lieb ist.«

Lederoberteil von Miu Miu, Pumps von Dries Van Noten, Strumpfhose von Smiffys, Reifrock aus dem Fundus der Kammerspiele, Federhut aus dem Stück »Mittelreich«.

Peter Brombacher
Schauspieler

Tannenbaum aus dem Weihnachts­märchen »Zimt & Sterne« der Kammerspiele. Schuhe von Santoni, rote Socken von Falke.

Leo Schönwald, 19
absolviert ein FSJ Kultur in der Spielstätte »Kammer 4 You« (links)

»Mode ist mir meistens ziemlich egal. Außer Socken. Die können für mich nicht zu ausge­fallen und bunt sein. Am liebsten sind mir ­welche, die auch noch grafische Muster haben.«

Valerie Epping, 26
Praktikantin in der Kostümabteilung (Mitte)

»Kleidung ist angewandte Selbst­erkundung. Ich habe mir neulich einen braunen Rollkragenpullover gekauft, eng anliegend, aus Samt, an einigen Stellen transparent. Etwas sehr Sinnliches. Ich habe dieses Teil gesehen und gewusst, dass es etwas ausdrücken kann, was ich in mir habe, eine weitere Facette. Danach suche ich immer.«

Victoria Dietrich, 28
Praktikantin in der Kostümabteilung (rechts)

»Den Fatsuit fand ich gut. Der macht alles gleichgültig und irre­levant – was darunter ist und wie man aussieht. Man soll sich ja hauptsächlich wohlfühlen in dem, was man trägt.«

Alle Fatsuit-Kostüme aus dem Stück »Fran­ziska«. Links: Strumpfhose von Burlington, Ohrring von Gabriela Artigas, Armreif von Paola Vilas. Mitte: Strumpfhose von Maria La Rosa, Ohrring von Paola Vilas, Ring von Ming Yu Wang. Rechts: Strumpfhose von Falke.

Kinan Hmeidan, 27
Schauspieler

»Im Winter weiß ich nicht, was ich anziehen soll. Warm muss es sein, aber ich finde es schade, dass die Farben dann gedeckt sind. Im Sommer trage ich viele bunte Sachen, Türkis ist meine Lieblingsfarbe. Seit ich in Deutschland bin, wundere ich mich, warum die Leute auch im Sommer häufig dunkle Farben tragen. Das tun sie in meiner Heimat Syrien erst, seit der Krieg ausgebrochen ist. Vielleicht ist ihnen das gar nicht bewusst: Vor dem Krieg haben alle, auch Männer, bunte Sachen getragen. Ich frage mich seither, welche Auswirkung Krieg auf Farben hat.«

Strickjacke, Hose, Strümpfe und Sandalen von Gucci, die Lamettabox ist eine Anfertigung der Maskenabteilung für »Miunikh-Damaskus«.

Antonia Ziegenaus, 19
Auszubildende in der Schneiderei

»Ich liebe Tüllröcke. Ich durfte an einem braunen, asymmetrischen Tüllrock mitnähen, den eine Schauspielerin in Yung Faust trägt. Ich besitze selbst einen Tüllrock, schwarz und kurz. Und für den Jugendwettbewerb bei der Innung für Maßschneiderei nähe ich gerade ein langes, enges Kleid in Schwarz, bei dem unterhalb der Knie ein Tüllrock aufspringt.«

Jacke von Stella McCartney, Ohrring privat.

Sigrid Dervieux, 62
Zentrale Dienste (Organisatorisches)

»Als ich in Schanghai im Botanischen Garten gearbeitet habe, ließ ich mir auf dem Markt viele Kleider schneidern, auch aus Sari-Stoffen, die ich aus Indien mitgebracht hatte. Ich besitze wenige Kleidungsstücke. Wenn ich welche kaufe, schaue ich nicht auf den Preis und trage sie, egal ob sie gerade modern sind, wie die Marlenehosen, die ich schon mochte, als man sie in den Geschäften kaum finden konnte. Was sich über die Jahre nie geändert hat: Ich mag keine Blusen, dafür Farben und auffällige Kragen.«

Christian Petzuch, 63 
Bastler in der Tapeziererei

»Ich trage Maßhemden, seit ich nach München kam. 2001 bin ich in den Laden von Clara Niggl in der Reichenbachstraße gestolpert. Seitdem hat sich das Thema Hemd für mich erledigt. Zwei Hemden jedes Jahr näht sie mir, immer im gleichen Schnitt. Ich habe ja das Glück, mit den Jahren nicht auseinandergegangen zu sein. Unten gerader Abschluss. Ich trage die Hemden glatt über der Hose, eine Brust­tasche – für die Zigaretten –, schmaler Kragen, immer einen Knopf geöffnet. Nie Krawatte, nie ein Sakko drüber, ich fahre ja Fahrrad. Immer T-Shirt drunter, schwarz oder grau. Meine Hemdenfarben: erfrischendes Dunkelblau, anziehendes Mausgrau, entspanntes Schwarz, ich besitze kein einziges weißes Hemd. Zwanzig Hemden etwa hängen im Schrank. Ich bügle selber. Ich war ja mal Hippie, meine Mutter weigerte sich, meine bunten Klamotten zu bügeln, kein Problem, machte ich von da an selbst. Ich käme niemals auf die Idee, in T-Shirt oder kurzen Hosen in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Meine Jobbeschreibung: Bastler, ich behandele viele sichtbare Oberflächen auf der Bühne. Aber ich verstehe mich eher als bastelnder Intellektueller. Ich bin erst mit Mitte dreißig zum Theater gekommen, hatte zuvor Sozialwesen im Ruhrgebiet studiert, in Kulturzentren gearbeitet, auch Musikalienhändler gelernt, war Kellerknecht in einer Sektkellerei – bis ich mal in Salzburg sah, wie an einem Baum mit Wachs befestigte Blätter einzeln auf Kommando im Takt auf die Bühne fielen. So was fasziniert mich. Ich habe dann in München als Urlaubsvertretung angefangen. Bin immer noch da. Die Jungen müssen noch ein paar Tricks lernen von uns Alten.«

Pullover, Weste, Hose und Stiefel von Louis Vuitton,Muskelshirt aus dem Stück »Mittelreich«, Lederhose von Gucci, Brille und Schuhe privat.

Wiebke Puls, 45 
Schauspielerin

»Ich habe mich als Kind schon gern verkleidet. Meine Mutter hat eine große Kiste mit Faschingskostümen und abgelegten Erwachsenenklamotten eingerichtet. Auf einem Foto stehe ich unter einem Regenschirm im Garten, in einem himmelblauen Rock mit Rosen darauf, darunter ein Tutu und ein Ringel-Frotteekleid, drüber eine Cowboyweste. Nicht mal sechs Jahre war ich da. Meinen kleinen Bruder habe ich auch gern verkleidet. Mit neun bin ich geschminkt in die Schule gegangen. Meine Eltern haben eher in Musikunterricht investiert als in coole Outfits. Als Teenager bekam ich darum Kleidergeld, das ich in der Regel zum Kopfschütteln unsinnig angelegt habe – etwa in Stiefel aus weißem, gelochtem Nappaleder, im November. Veränderung und Stilisierung machen mir bis heute großen Spaß, und ich bin sehr dankbar für die Arbeit der KostümbildnerInnen. Die richtigen Kleider helfen mir, ein Körpergefühl für eine Rolle zu entwickeln. Wenn ich an meine Rollen denke, fallen mir zuerst die Kostüme und Perücken ein und das Gefühl, mit dem ich sie getragen habe. Meinen Text habe ich oft zwei Tage nach der letzten Vorstellung vergessen.«

Kleid von Valentino, Plateau­-sandalen von Miu Miu, Kopfschmuck aus dem Stück »Der Sturm«.

Walter Hess, 79
Schauspieler

»Im Sturm, Shakes—peare, habe ich den König von Neapel gespielt. Es geht um eine Gesellschaft, die strandet. Ich hatte einen sehr teuren Trainingsanzug an, hellbeige, mit Goldbeschriftung. Da dachte ich, den möchte ich eigentlich mitnehmen. Das war so schön gegenläufig zur Vorstellung eines Königs.«

Stiefeletten von Max Mara. Das stehende Kleid wurde für »Doktor Faustus Lichterloh« angefertigt.

Vincent Redetzki, 26
Schauspieler (links)

»Ich war Kinderschauspieler, Willi in den Wilden Hühnern, Teile 1, 2, 3, und anderes. Mit elf trug ich meinen ersten, maß­geschneiderten Anzug in der Schaubühne. Der war blau, mit Nadelstreifen. Ich war gleich fasziniert. Seitdem liebe ich Anzüge. Ich habe so um die zwanzig im Schrank hängen. Am liebsten Dreiteiler, die Hose darf nicht zu eng sein, breiter Bund, breites Revers, dicke Krawatte, Dreißigerjahre-Schnitt, gern altmodisch, aber nicht zu exaltiert. Ich darf nicht das Gefühl haben, verkleidet zu sein. Gern mit Krawatte. Anzüge verändern die äußere und innere Haltung, das fasziniert mich. In Kreuzberg gibt es so einen In-Schneider, »Herr von Eden«, viele Jungschauspieler tragen Anzüge von dem. Ich wollte mir zur Abschlussprüfung an der Ernst-Busch-Schule auch einen leisten, aber ein paar Tausend Euro für einen Maßanzug waren mir dann doch zu viel. Ich kaufe secondhand. Gern auch bei Oxfam. Meine Anzüge kosten selten mehr als zwanzig Euro. Für die Abschlussprüfung habe ich mir schließlich in Schottland einen Smoking gekauft. Zwanzig Pfund. Der hatte drei Mottenlöcher, die wollte ich zum Stopfen geben, aber die Näherin holte einfach einen Edding und übermalte sie.«

Christian Löber, 35
Schauspieler

»Das Kleidungsstück, das mich zuerst am meisten geprägt hat, war die Arbeitsjacke bei VW. Ich bin erst spät zum Theater gekommen, eigentlich habe ich eine Ausbildung zum Industriemechaniker gemacht und später Maschinen­bau studiert. Als Azubi und danach in der Fertigung hab ich mich durch die graue Latzhose, Arbeitsschuhe und Jacke auf eine Art verwandelt. Alle waren nahezu gleich. Dann trat ich in die IG Metall ein, wurde Jugendvorsitzender. Die Reden, die ich dort geschwungen habe, waren vielleicht schon eine Vorstufe zum Theater. Bis heute finde ich, dass einen auf der Bühne nichts so sehr verändert wie Uniformen.«

Links: Parka von Acne Studios, Hemd und Hose von Ermenegildo Zegna, Sonnenbrille von Balenciaga, Socken von Paul Smith, Stiefel von Red Wings. Rechts: Daunenjacke von Calvin Klein Jeans über mytheresa.com, Oberteil und Hose von Craig Green, Sonnenbrille von Cartier, Sneaker von Adidas.

Jochen Noch, 63
Schauspieler und Direktor der Otto-Falckenberg-Schule (links)

»Früher haben sich mehr Paradiesvögel beworben. Jetzt kommen die meisten der rund 500 Bewerberinnen und Bewerber jedes Jahr in Alltagsklamotten. Deswegen lassen wir noch niemanden durchfallen, aber ein Kostüm vermittelt ein besseres Gefühl für die Rolle. Darüber sollte man sich Gedanken machen. Denn alles, was auf der Bühne geschieht, hat eine Bedeutung. Dieses Jahr hat einer mit Totenschädel und Weintrauben in einem Vanitas-Bühnenbild gespielt, obwohl er keine Rolle aus dem Mittelalter vorgesprochen hat, und ist weitergekommen. Eine andere kam mit selbst genähtem Fantasiekostüm und hat einen großen Teddy als Ansprechpartner mitgebracht. Sie schaffte es sogar unter die letzten zwanzig, hatte sich da aber schon für eine andere Schule entschieden. Ich verstehe nicht, warum, aber immer öfter spielen Leute barfuß vor. Oder noch schlimmer: in Socken. Das macht überhaupt keinen Sinn, man rutscht ja auf dem Bühnenboden. Und sie spielen Figuren, die sicherlich Schuhe getragen haben. Schuhe helfen, ein Gefühl für eine Figur zu entwickeln. Ich habe schon mal rumgefragt, ob irgendein Handbuch das Barfußvorspielen empfiehlt – ­gefunden habe ich keins.«

Kartenhemd aus »Alice im Wunderland«, Unterhose privat.

Benjamin Radjaipour, 28
Schauspieler

»Wenn meine Mutter mich zu einer Einladung mitnimmt, sagt sie immer: Die wissen, dass du am Theater arbeitest, du musst dich jetzt nicht extra verrückt anziehen. Dabei bin ich gar nicht verrückt gekleidet. Ich hatte diese Bauchtasche, so eine Fanny Pack, die war total abgetragen, ein Geschenk meiner Mitbewohnerin. Dann ging die Tasche kaputt, und meine Mutter hat mir zu Weihnachten eine neue geschenkt. Dabei hat sie natürlich die ›Street Credi­bility‹ durch die abgetragene Tasche total unterschätzt. Eine Zeit lang habe ich Gaffer Tape über den Schriftzug auf der neuen geklebt. Ich habe nichts gegen die Marke, aber ein bisschen spießig ist sie schon. Jetzt stehe ich dazu.«

Hemd von Balenciaga, Hose privat.

Stefan Merki, 56
Schauspieler

»Meine absolute Lieblingshose, das einzige Kleidungsstück, dem ich so etwas wie Liebe entgegengebracht habe, hatte ich als Teen­ager: eine Cordhose aus ganz dickem Stoff und mit tiefen Ritzen zwischen den Wulsten, rotbraun, ins Violette gehend, eng am Oberschenkel, nach unten hin weiter werdend mit ­etwas Schlag, sodass ich meine Stiefel gut dazu tragen konnte, die mich etwas größer machten. Es war eine Manchesterhose. Ungefähr mit 13 bekam ich sie und war damit in dem kleinen Züricher Vorort auf jeder Garagenparty sehr cool unterwegs. Sie war weich, deshalb hatte ich wohl eine so innige Beziehung zu ihr. Es gab in meiner Kindheit noch keinen Weichspüler. Die Unterwäsche kratzte, was hab ich gelitten. Strumpf­hosen konnte ich auch nie tragen. Bevor sonntags die Unterwäsche gewechselt wurde, habe ich sie in der Nacht ans Bettende gelegt und im Schlaf weich getreten, so gut ich konnte.«

Longsleeve, Hemd und Leggings von Vivienne Westwood, Plateaustiefel aus dem Stück »Nichts von euch auf Erden«, Netzteil auf dem Kopf von der Maskenabteilung der Kammerspiele.

Majd Feddah, 36
Schauspieler

»Kleidung involviert dich und andere gleichzeitig. Wenn du dich nur für andere anziehst, hast du ein Problem. Ich mag es, wenn die Kleidung dem, der sie anhat, ähnlich ist.«

Kapuzenpullover von Louis Vuitton.

Eva Löbau, 46 
Schauspielerin

»Wenn es der Anlass hergibt, trage ich High Heels. Sieht gut aus. Gleich­zeitig vergesse ich nie: Das ist die Domestizierung der Frau. Es sind die Schuhe, mit denen du nicht weglaufen kannst.«

Kleid von Fendi, Top von Giorgio Armani, Holzbeine aus dem Stück »Die Regentrude« der Schauburg München, die sich mit den Kammerspielen die Werkstätten teilt.

Helena Eckert, 28 
Dramaturgin

»Ich versuche möglichst viel ­Secondhand-Kleidung zu tragen, um ihre Lebenszeit zu ver­längern und mich von Fast Fashion­ zu ­distanzieren. Diese Aussage ­neben einem Foto von mir in ­Designerklamotten aus einer ­aktuellen Kollektion ist natürlich paradox. Bei dem Shooting habe ich nicht gefragt, wie und wo die Kleidung produziert wurde.«

Federhaube und Mantel von Dries Van Noten, Rock und Stiefeletten von Max Mara, Reifrock der Königin Gertrude aus »Hamlet«.

Annette Paulmann, 54
Schauspielerin mit Leni, ihrem Hund

»Ich habe kein Abendkleid, nie eines besessen. Es gab auch noch nie eine Gelegenheit, wo ich es vermisst hätte. Sollte ich wirklich mal eines brauchen, würde ich zur Gewandmeisterin des Theaters gehen und mir eines leihen. Ich besitze zwei, drei blaue Hosenanzüge und Kostüme, die ich auf Lesungen trage oder – was es ja in meinem Alter immer öfter gibt – auf Beerdigungen.«

Bluse und Rock von Gucci, Pumps von Miu Miu, Lenis Haarteil ist aus dem Maskenfundus.

Kamel Najma, 44
Schauspieler

»In München tragen die Menschen dunkle Farben, Schwarz, Grau, Braun, Dunkelblau, als ob sie sich gegen irgendwas wappnen wollten. Ich finde das traurig, weil viele so wunderbar blaue, grüne, gelbliche Augen­ haben. Manchmal sehe ich jeman­den mit einem gelben oder roten Pullover, stürme auf ihn zu und be­danke mich. Die Leute lächeln dann oder bedanken sich ihrerseits, aber ich erkenne in ihren Augen, dass sie mich gar nicht richtig verstanden ­haben. Und wenn doch mal jemand eine intensive Farbe trägt, dann oft verhuscht, fast verschämt, als Schal oder Socken. Es fällt mir auch beim ­Essen auf: Das Essen in München schmeckt richtig gut, aber meis­tens ist es braun.«

Kapuzenjacke von Moncler 2 1952, Krone aus »Ludwig II.«.

Lola Fonsèque, 29
Regieassistentin

»Ich liebe es, Verwirrung zu stiften. Kleidung kann das wunderbar. Madame? Monsieur? Butch? Man weiß es nicht, es juckt im Kopf, wie spannend.«

Top und Leggings von Acne Studios, Balle­rinas von Santoni, Cap und Brille privat.

Franz Rogowski, 33
Schauspieler (links)

»Meinen Lieblingsanzug habe ich geklaut. Er ist marine­-blau, mit einem Schnitt im Siebzigerjahre-Stil: hohe Hüfte, breites Bein, nicht ganz eng. Den Anzug habe ich als Cherubino in Figaros Hochzeit in den Kammer­spielen getragen und nach der letzten Vorstellung einfach mitgenommen. Bei Filmen ohne Förderung gibt es meist kein Budget für Kos­tüme, da wird man schon mal gefragt, ob man nicht aus dem eigenen Kleiderschrank etwas zum Dreh mit­bringen könnte. Der Versuch, jemand anderes zu sein, wird in der eigenen Hose manchmal nicht wirklich unterstützt. Deswegen trage ich persönlich lieber die Hosen der Regisseurin.«

Damian Rebgetz, 40
Schauspieler und Musiker 

»Wenn man bei sich selbst erlebt, mit welchem Aufwand und welcher Hingabe die Kostümbildner einem Schauspieler ein Kostüm auf den Leib schneidern, kann man eigentlich kein Kleidungsstück mehr in einem normalen Geschäft kaufen. Man sieht an jeder Naht, wie lieblos die hingeschludert wurde.«

Jumpsuit von Perfect Moment über mytheresa.com, Loafer von Acne Studios, Socken von Cos, Spitzenjumpsuit aus »Tauberbach«, Sandalen von Gucci.

Julia Riedler, 28
Schauspielerin

»Wenn ich Feierabend habe, ist das Letzte, das mir einfällt, in eine ­Umkleidekabine zu gehen. Früher hat mich Mode ­erdrückt. Ich hatte nur Zugang zu Kleidung, die es im Einkaufszentrum in Salzburg gab. Darin habe ich mich unwohl gefühlt. Ich wollte Skaterschuhe tragen, aber das fanden alle unweiblich. Jetzt gibt es eine Frauenab­teilung in den Sneakerstores. Die Grenzen ­zwischen männlicher und weiblicher Mode verschwimmen. Ich teile mir eine Wohnung mit Thomas Hauser, auch Schauspieler. Er trägt oft hohe Schuhe und widerlegt die These, dass das nicht ästhetisch aussieht. Und ich wider­lege die These, dass Skaterschuhe an Frauen nicht schön sind. In Yung Faust trage ich klobige Nikes ­in Giftgrün, die ich mir nie kaufen würde. Aber ich gewöhne mich mit jeder Vorstellung mehr an sie. Es erweitert etwas in mir, wenn ich sie trage. Was mich allerdings stört: Wie gleich wir Menschen uns alle ­an­ziehen. Das ist gruselig. Wie steuerbar man da ist. Wenn alle dasselbe wollen, hat man alle in der Hand.«

Jumpsuit von Jenny Fax, Stiefeletten von Giorgio Armani, Perücke aus dem Maskenfundus der Kammerspiele.

Stefanie Rendtorff, 60
Inspizientin

»Ich habe nach dem Tod meines Vaters ­einige seiner feinwolligen Anzughosen mitgenommen und enger schneidern ­lassen. Keine anderen Erinnerungsstücke sind mir so lieb geworden. Objekte, die in der Wohnung stehen, nutzen sich als ­Erinnerungsanker ab, aber diese Hosen nicht. Wenn ich sie morgens aus dem Schrank nehme und anziehe, sehe ich meinen Vater, wie er in ihnen ging, wie er in ihnen dastand, ich höre ihn sogar reden. Nur für ­einen Moment, dann schließe ich den Bund und nehme meinen Vater mit in meinen Alltag.«

Mantel, Strümpfe und Schuhe von Prada.

Haare & Make-up: Team der Maskenabteilung der Münchner Kammerspiele und Julia Schlotke; Stylingassistenz: Vanessa Danisch, Kira März; Produktion: Franziska von Stenglin, Ralf Zimmermann; Mitarbeit: Anna-Lena Engel; Fotoassistenz: Mara Pollak, Janek Stroisch; Protokolle: Max Fellmann, Lara Fritzsche, Tobias Haberl, Gabriela Herpell, Lars Reichardt, Susannne Schneider; Besonderen Dank: Martina Taube-Jedryas und Katrin Dod