Warum Corona das Ende des BHs einleiten könnte

»Braless« ist schon länger Trend, in der Isolation haben nun noch mehr Frauen nichts unter dem T-Shirt getragen. Ob sie diese neu gewonnene Freiheit wieder aufgeben werden?

Lena Dunham zu Hause: »Braless« mag ein Trend sein, in aller erster Linie ist es aber gemütlich. 

Foto: Instagram

»Der Moment, wenn du zum ersten Mal seit keine Ahnung wann wieder einen BH anziehst, und deine Brüste sagen: Geht’s noch, Bitch?« So ungefähr beschrieb die amerikanische Autorin Roxane Gay in einem Tweet ihre Resozialisierung in Sachen BH nach dem Lockdown, und jede Frau, die in den vergangenen Wochen ebenfalls die (sehr erträgliche) Leichtigkeit des Seinlassens erlebt hat, weiß sofort, was gemeint ist.

Wimperntusche, Fönen, Absatzschuhe, Kontaktlinsen, Intimrasur – wozu der ganze Stress, wenn einen doch sowieso keiner sieht? Irgendwann ließen viele dann auch ganz automatisch den BH weg. Wenn schon zu Hause eingeschlossen, dann wenigstens barrierefrei. Viele Frauen empfinden den »Büstenhalter« nämlich keineswegs als Stütze, sondern eher als unbequeme Last, von der man sich am Abend losmacht.

Aber wie das mit einmal gekosteten Freiheiten nun mal so ist – beim Vortasten in die neue Normalität merken einige dieser Frauen jetzt, dass es womöglich nicht für alles einen Weg zurück gibt. Husch husch zurück ins Körbchen mit den Brüsten? Warum eigentlich? Viele Männer können sich nach ein paar casual fridays ja auch irgendwann nicht mehr vorstellen, wieder täglich eine Krawatte um den Hals zu schlingen. Kürzlich fragte die amerikanische Harper’s Bazaar: »Werden wir jemals wieder BH tragen?«, während die Vogue bereits überlegt, ob es vielleicht wirklich an der Zeit sei, dem BH »auf Wiedersehen« zu sagen.

Denn das Teil war ja schon vor Corona angezählt. Vor allem die Millennials bekennen in den letzten Jahren immer häufiger »braless« zu gehen, angeführt von Prominenten wie Lena Dunham, Kendall Jenner, Emily Ratajkowski oder Miley Cyrus, die unter ihren T-Shirts offensichtlich häufig »ohne« unterwegs sind. Nicht zu vergessen Kate Moss oder Rihanna, die auch gern mal auf dem Roten Teppich den BH wegließen, selbst wenn das Kleid darüber komplett durchsichtig war. Von einer Reporterin vor ein paar Jahren danach gefragt, blaffte Rihanna zurück: »Stören dich meine Titten etwa?«, was nicht nur gut gekontert, sondern auch ziemlich auf den Punkt war.

Es ist nämlich nicht so, dass Frauen das »Rumgehüpfe« vor allem selbst stört, sondern sich offensichtlich eher breite Teile der Gesellschaft davon gestört fühlen. So viel Zügellosigkeit gehöre sich einfach nicht, sagen ältere Erwachsene manchmal mit ehrlicher Entrüstung. Wenn Karl Lagerfeld einmal urteilte, Menschen in Jogginghosen hätten die Kontrolle über ihr Leben verloren, sieht man in Frauen ohne BH offensichtlich jemanden, der endgültig außer Rand und Band geraten ist. Manche Männer fühlen sich entweder irritiert oder provoziert, Frauen bisweilen sogar bedroht. In der Serie »Sex and the City« wird die junge Nanny von Charlotte einmal in Super-Zeitlupe gefilmt, wie sie über eine Wiese rennt – ohne BH unter dem Top, aber mit sehr viel Spannkraft gegen die Schwerkraft – woraufhin vor allem Samantha vor Angst und Schrecken sämtliche Bissen im Halse stecken bleiben.

Und dann gibt es noch diejenigen Frauen, die sich gar nichts groß dabei denken, sondern einfach mit ihren Brüsten entspannt koexistieren wollen, und das ewige Gezuppel am BH leid sind.

Die einen machen aus der »no bra«-Bewegung deshalb weiterhin ein feministisches Statement wie Ende der Sechziger, als BHs als Zeichen der Emanzipation feierlich verbrannt werden sollten. Andere bekennen sich eher zu einer Studie eines französischen Sportmediziners von 2013, nach der BHs die natürliche Brustmuskulatur schwächen, folglich also nicht etwa vor Hängebusen schützen, sondern ihn im Gegenteil sogar begünstigen. Und dann gibt es noch diejenigen Frauen, die sich gar nichts groß dabei denken, sondern einfach mit ihren Brüsten entspannt koexistieren wollen, und das ewige Gezuppel am BH leid sind. Die Corona-Isolation war hier für viele wohl eine Art Erweckungserlebnis.

Ewiger Einwand in dieser Angelegenheit: Keinen BH zu tragen, könne sich keineswegs jede leisten, das sei nur etwas für Flachbrüstige – siehe »braless-Ikone« Jane Birkin, die wahrscheinlich bis heute nicht weiß, wie man so ein Ding überhaupt anlegt – oder Frauen mit sehr festen Brüsten, zu denen sich wahrscheinlich Kim Kardashian zählt, die sich ebenfalls gern ohne zeigt. Andererseits gerät man mit dieser Argumentation in die gleiche Endlosschleife, nach der nur Frauen mit schlanken, gebräunten Beinen Röcke tragen können und Frauen jenseits einer 42 bei Mode sowieso nicht mitmachen sollten. Irgendwelche angeblichen Ausschlusskriterien findet man immer. Es geht übrigens auch gar nicht darum, irgendeinen Trend unbedingt mitmachen zu müssen – aber mitmachen dürfen, wenn man will, soweit sollten wir im Jahr 2020 schon sein.

Wer noch Zweifel hat, dass auch Frauen mit Triple-D-Cups tatsächlich gefallen an der großen Freiheit finden können, sollte den Text »The joy of not wearing a bra« aus dem New Yorker lesen. Am Ende beschreibt die Autorin Hillary Brenhouse, dass sie das Gefühl liebe, wie ihre Brüste beim Runterrennen der Treppen sanft gegen ihren Brustkorb klatschen, wie ein langsamer Applaus. »Wenn ich jetzt durch die Welt gehe, gibt es bei jeder noch so kleinen Geste immer einen Teil von mir, der tanzt.«

Kann es, gerade in Corona-Zeiten, ein schöneres Bild für ein bisschen körperliche Ausgelassenheit geben?

Passender Song: »Let’s Dance« (David Bowie)
Wird auch getragen von: Selena Gomez, Heidi Klum, Jennifer Aniston
Wird eher nicht getragen von: Victoria Beckham, Nicole Kidman, Melania Trump