Warum ich Lehrerin geworden bin

Wegen des Beamtenstatus? Sicher nicht. Aus Idealismus und Freude an Kindern? Schon eher. Bei Frau W. war es vor allem dieser eine Lehrer, der sie selbst als Schülerin inspiriert hat. Eine Liebeserklärung an ihr Vorbild.

Illustration: Jan Buchczik

Seit kurzem haben wir Wlan in unseren Klassenzimmern. Nur für uns LehrerInnen. Ich stand gerade am Medienpult in meiner 11. Klasse und stöpselte mein privates Laptop an, um eine PowerPoint-Präsentation zu starten. Da ploppte das Posteingangssymbol auf. Während die Klasse noch mit dem Lesen eines Textes von Aristoteles zum Thema Glück beschäftigt war, sah ich den Betreff: »Unser ehemaliger LK-Lehrer« Ich klickte auf die Mail und las mit klopfendem Herzen: »Herrn H. geht es gesundheitlich sehr schlecht, hättet ihr Lust, dass wir als Ehemalige ihm eine Genesungskarte schreiben?« Die Mail kam von Thomas, meinem früheren Sitznachbarn. Seine Zeilen katapultierten mich zurück in die Vergangenheit.

Herr H. ist der Grund, warum ich Lehrerin geworden bin. Er war: der Eine. Wenn das wie eine Liebeserklärung klingt – genau das soll es. Eine Liebeserklärung an das Fach Deutsch und an meinen Deutschlehrer. Herr H. war den meisten von uns Schülern ein Rätsel. Orgelspieler, Lyriker, mit einer gehörlosen* Frau zusammen – das wenige, was wir über ihn wussten, machte uns nur noch neugieriger. Er trug schwarze Lederhosen in Kombination mit roten Hemden. Ein Sonderling. Was ihn aber am rätselhaftesten machte: Er provozierte uns, und erst viel zu spät begriff ich, dass ich genau das gut fand.

Ich erinnere mich an eine Klausur, die wir über Effi Briest schreiben mussten. Ich hasste den Roman. Ein alter Mann schwadroniert über die psychologischen, emotionalen Vorgänge einer jungen Frau. Wie passiv Fontane die »arme« Effi gezeichnet hat, wie jammerig. Mit dieser Einstellung stand ich vor dem Klassenzimmer. Ich wollte all meinen feministischen Frust loswerden. Doch Herr H. kam nicht. Auch nach 10 Minuten nicht. Eine halbe Stunde später schlenderte er um die Ecke und meinte lapidar, er sei aufgehalten worden. Ich konnte es nicht fassen, dass er uns in dieser angespannten Prüfungssituation hatte warten lassen. Ich schrieb auch deswegen an diesem Tag viel Müll aufs Papier. Peinlich berührt lese ich heute diesen Aufsatz. Ich tobte in der nächsten Stunde, er aber sagte nicht viel. Nickte und ging wieder zum Tagesgeschehen über. Er ließ sich nicht provozieren (wobei ich es auch heute nicht ok finde, dass er uns – warum auch immer – hatte warten lassen).

Trotzdem oder gerade deswegen wollte ich in seinem Leistungskurs gut sein. Ich wollte dahin kommen, wo er längst war. Ruhig und gelassen. Unglaublich klug und belesen. Da hatte jemand seine Mitte gefunden. Sein Unterricht hat mich maßgeblich beeinflusst in dem, wie ich heute Lehrerin sein will. Er nahm zum Beispiel die Regeln nicht so ernst. In einer Stunde über das alte Griechenland brachte er uns Trauben und Wein mit. Um Aristoteles’ Dramentheorie zu verstehen, müsse man das ganze Paket kennen. Mit allen Sinnen sollten wir Literatur kennenlernen und erleben. Er machte aus uns einen exklusiven Buchclub, der seine Geheimnisse hat.

Ohne viel sagen zu müssen, schaffte er, bei uns etwas in Gang zu setzen, uns zu inspirieren. Jede neue Epoche führte er mit einem Gemälde und einem Lied aus der damaligen Zeit ein. Er kam ins Klassenzimmer, legte ein Bild auf den Overheadprojektor, spielte eine CD ab, und wir durften das zehn Minuten lang erstmal auf uns wirken lassen. Er sagte nichts dazu, und wir mussten auch nichts sagen – konnten aber. Am Anfang fanden wir das alle etwas komisch, aber am Ende dieser intensiven Monate im Leistungskurs, waren wir Profis darin, selbstständig zu interpretieren und Querverbindungen herzustellen. Unsere Herzen, unser Verstand hatten sich jede Stunde ein bisschen weiter für die Literatur geöffnet.

Der schönste Tag mit Herrn H. war, als er uns mit unserem Abitur in der Tasche zu sich nach Hause eingeladen hat. Endlich konnten wir uns selbst ein Bild von diesem sonderbaren Lehrer machen. Er hatte Thailändisch gekocht, es gab Wein. Wir fühlten uns so erwachsen. Schlenderten an seinen Bücherregale entlang und warfen uns fragende Blicke zu, weil Herr H. kein Bett zu besitzen schien.

An all das dachte ich, während ich die Email von Thomas las. Ich wurde traurig, hoffte so inständig, dass es Herrn H. nicht lebensbedrohlich schlecht ginge. Julian meldete sich und fragte, ob etwas passiert sei. Ich nickte. Dann googelte ich ein Bild von Aristoteles und gab bei Spotify »Eines Tages« von Samy Deluxe ein. Die Schüler horchten irritiert auf. »Lasst das jetzt einfach mal auf euch wirken«, sagte ich. »Und danach sprechen wir über Glück.«

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