Haftbefehl aus dem Kleiderschrank

Lewis Hamilton fordert mit einem Shirt Gerechtigkeit für Breonna Taylor, Naomi Osaka trägt die Namen von Opfern der Polizeigewalt auf ihren Masken. Und das, obwohl politische Statements im Profisport weitgehend verboten sind.

»We won’t stay silent« (»Wir werden nicht schweigen«) schreibt Hamilton auf Instagram.

Foto: Instagram

Für zu schnelles Fahren droht in der Formel 1 bekanntlich keine Strafe, aber mit Meinungsäußerungen sah es bislang noch anders aus. Lewis Hamilton hatte beim Großen Preis der Toskana am vergangenen Wochenende ein Shirt mit der Aufschrift »Arrest the cops who killed Breonna Taylor« getragen (»Verhaftet die Polizisten, die Breonna Taylor getötet haben«) – die Afro-Amerikanerin wurde vor einem halben Jahr von Polizisten in ihrer Wohnung erschossen. Politische Statements sind laut den Statuten des Motorsport-Weltverbands aber verboten, also wurde ernsthaft überlegt, eine Untersuchung gegen den sechsfachen Weltmeister einzuleiten. Am gestrigen Dienstag gab der Verband nun jedoch bekannt, davon abzusehen. 

So richtig viel hätte es ja auch nicht zu untersuchen gegeben. Ein T-Shirt mit klar zu entziffernder Aufschrift ist ein ziemlich deutliches Statement. Und ein sehr wirkungsvolles, wie sich wieder einmal zeigt. Denn egal, welche Konsequenzen man in Erwägung gezogen hätte – die Polemik, vor allem aber das Bild und seine Botschaft waren längst in der Welt. Auf sämtlichen Kanälen und bei den 20 Millionen Instagram-Followern von Hamilton, der ohnehin angekündigt hatte, so oder so nicht daran zu denken, still zu sein.

Die japanische Tennisspielerin Naomi Osaka erinnerte ebenfalls an Taylor, als sie auf dem Weg zu ihrem US-Open-Gewinn eine Maske bedruckt mit deren Namen trug. In den Tagen zuvor hatten dort bereits die Namen von George Floyd oder Tamir Rice gestanden. Sieben Spiele, sieben Siege, in doppelter Hinsicht: Denn so sehr diese Dinger nerven, spätestens durch Osaka sind die allgegenwärtigen Masken zu einer weiteren wirksamen Kommunikationsfläche geworden. Wenn sie uns schon die Mimik nehmen, kann man sie immerhin dazu nutzen, den Mund symbolisch aufzumachen.

Wer also glaubte, nach all den Brustbekenntnissen der letzten Jahre, von »We should all be feminists« bis »EUnify«, »Friday’s for future« und »working from home«, sei die Kraft von sogenannter Opinion-Wear allmählich verpufft – offensichtlich funktioniert der Kanal nach wie vor hervorragend. Jedenfalls wenn ihn die richtigen Leute nutzen. Nach Laufsteg, Fußgängerzone und Aula ist die Statement-Kleidung nun in den Sportarenen gelandet, in der nur noch der Legende nach Politik nichts zu suchen hat.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das war bei früheren Protest-Gesten von Sportlern schon so, bei den gesenkten Köpfen, aber in die Höhe gereckten Fäusten von Tommie Smith und John Carlos bei Olympia 1968, beim Quarterback Colin Kaepernick, der sich vor einem Footballspiel 2016 während der Nationalhymne demonstrativ hinkniete. Aber im Zeitalter von Social Media sagt ein Bild »mit Caption«, also deutlicher Beschriftung darauf, womöglich noch ein bisschen mehr. Es ist selbsterklärend, die Botschaft landet schneller beim (ständig abgelenkten) Publikum als verschlüsselte Gesten. Auch was das angeht, ist die Slogan-Mode ein Zeichen unserer Zeit.

Publikum gibt es gerade für Spitzensportler ja mehr denn je: Cristiano Ronaldo ist der Mensch mit den meisten Followern, 237 Millionen allein bei Instagram. Basketballstars wie LeBron James oder Tennis-As Serena Williams versammeln dort 70,2 beziehungsweise 12,6 Millionen. Sie sind nicht mehr nur riesige Werbeflächen, sondern auch darüber hinaus ideale Multiplikatoren. Deshalb sollen Sportler »gute Vorbilder« sein, wie immer so pauschal dahin gesagt wird, wenn einer aus der Nationalmannschaft mal aus der Spur läuft. Oft wird gestritten, was davon nicht doch eher Privatsache ist. Aber wer Kinder hat, merkt ja bisweilen schmerzlich, wie wahr der Spruch ist. Die Kleinen wollen plötzlich nicht nur die gleiche Frisur und die gleichen Klamotten wie Ronaldo/Serena/Lewis, sondern kopieren auch den Siegesjubel von Star xy, das Fluchen (oder Rotzen) auf dem Platz und glauben, dass später mindestens sechs Sportwagen in der Garage stehen müssen.

Vielleicht wollen sie sich dafür demnächst auch ein Statement-T-Shirt oder eine Motte-Maske gegen Rassismus überstreifen, oder, noch besser, sie behalten die Botschaft im Gedächtnis. Stand ja gut leserlich in Großbuchstaben geschrieben.

Wird getragen von: Lewis Hamilton, Naomi Osaka, Megan Rapinoe, Premier-League-Spielern
Das sagt der Sportlehrer: »Genau mein Reden: aktiv sein!«
Typischer Instagram-Kommentar: »Die wollen wohl nicht mehr nur spielen«