Vorsicht, Helikopter-Kinder

Eine Mutter wird von ihren erwachsenen Kindern ständig per Telefon über ihr Leben auf dem Laufenden gehalten. Die Geschichten belasten sie oft. Darf sie sagen, dass ihr das alles zu viel wird?

»Meine Kinder sind Mitte zwanzig, also erwachsen, lassen mich aber stets an ihrem Leben teilhaben: Trotz Selbstständigkeit und großer Entfernungen bekomme ich per Telefon all ihre guten wie auch schlechten Erlebnisse ab. Danach liege ich oft lange wach und bin sehr aufgewühlt. Kann ich meinen Kindern sagen, dass mir das mit zunehmendem Alter zu viel wird?« Mechthild D., München

Mit seinem Buch Generation X hat der kanadische Autor Douglas Coupland nicht nur den titelgebenden Begriff bekannt gemacht, er hat darin auch eine ganze Reihe von Phänomenen der Zeit sehr prägnant beschrieben. Unter anderem den »Safety Net-ism«: »Der Glaube daran, dass es irgendwo im Hintergrund immer ein finanzielles und emotionales Absicherungsnetz gibt, eine Pufferzone für die Verletzungen im Leben. Gewöhnlich die Eltern.«

Coupland spießt damit die Tendenz auf, dass erwachsene Kinder losgelöst und allein leben wollen, aber auch auf Dauer die Annehmlichkeiten des Kindseins - materielle und emotionale Sicherheit oder gar Versorgung - genießen möchten. Die gewähren manche Eltern gerne, aber nicht alle, was Coupland mit einer anderen Phänomenbeschreibung ironisiert: »Down-Nesting. Die Tendenz von Eltern, sich kleinere Behausungen ohne Gästezimmer zu suchen, nachdem die Kinder ausgezogen sind - um zu verhindern, dass die 20- bis 30-jährigen Sprösslinge wie ein Bumerang zurück nach Hause geschnellt kommen.«

Zwischen diesen beiden Pointen spannt sich Ihr Problem auf. Natürlich besteht der Wert der Familie unter anderem darin, dass ihre Bindungen, die Familienbande, auf Dauer bestehen. Trotz aller Streitigkeiten und Schwierigkeiten ist die Rate der Eltern-Kind-Trennungen niedriger als die Scheidungsrate. Andererseits haben beide Seiten ein Recht darauf, nach der Kindheit ihr eigenes Leben zu führen. Kinder bleiben nicht auf Dauer nur Kinder, Eltern nicht nur Eltern.

Wenn beide Seiten es wollen, können die Bande eng bleiben. In Notfällen sollte man sich stets helfen und ein offenes Ohr haben. Ansonsten gehört zum Erwachsenwerden irgendwann, aus dem emotionalen »Hotel Mama« auszuziehen. Sie können deshalb ein telefonisches Down-Nesting betreiben und brauchen sich die Gästebetten in Ihrem Seelenleben nicht jeden Tag zerwühlen zu lassen.

Literatur:

Douglas Coupland, Generation X, Verlag am Galgenberg, Hamburg 1992, sowie weitere Ausgaben, unter anderem Goldmann Verlag

Im englischen Original (St. Martins Griffin, New York / Macmillan, London, 1991) lauten die Zitate:

Safety Net-ism:
The belief that there will always be a financial and emotional safety net to buffer life's hurts. Usually parents.

Down-nesting:
The tendency of parents to move to smaller, guest-room-free houses after the children have moved away so as to avoid children aged 20 to 30 who have boomeranged home.

Illustration: Serge Bloch

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