»Das Kind muss raus!«

Diesen Satz hört unsere Kolumnistin, die Hebamme, gar nicht gern. Diesmal erzählt sie, wie wichtig die richtige Wortwahl im Krankenhaus ist - und wie verheerend die falsche.

Illustration: Cynthia Kittler

Hinweis: Der folgende Text schildert plastisch eine komplikationsreiche Geburt und kann auf Betroffene belastend wirken.

Muss eine Geburt schön sein? Diese Frage wurde neulich vor dem Hintergrund des Hebammenmangels in der SZ diskutiert (ja fand die eine Autorin, nein die andere). Ich habe das mit großem Interesse gelesen. Was ich mit Sicherheit sagen kann: Eine Geburt ist leider nicht immer schön. Viele Frauen empfinden sie sogar als richtig traumatisch. Und das bricht mir dann das Herz.

In meiner Ausbildung begleitete ich eine Geburt, die bis heute eine Art So-nie-wieder-Blaupause ist, die mich antreibt. Die Frau war erst 21 und vollends überwältigt, was da mit ihr unter der Geburt passierte. Ich seh noch heute ihre aufgerissenen Augen vor mir, ihre blonden Locken, ihre weißen Fingerknöchel, mit denen sie sich am Kreißsaal-Bett festklammerte. Während sie lautstark mit den Wehen kämpfte, werkelten nacheinander drei verschiedene Ärzte zwischen ihren Beinen herum, um herauszufinden, warum das Kind nicht kam.

Sie nörgelten, die Frau solle mal richtig mitmachen. »Sie bekommen ein Kind, aber Ihrem Geschrei nach zu urteilen, sind Sie selbst noch eines.« Hatte die Ärztin das gerade wirklich gesagt? Die Frau schniefte eingeschüchtert.

Nachdem die Frau schon eine gefühlte Ewigkeit mit aufgeblasen Backen und wie ein hilfloser Maikäfer auf dem Rücken auf die Kommandos der Hebamme hin gepresst hatte, war der Kopf des Kindes etwas zusehen, aber die Herztöne des Kindes verschlechterten sich. Alle wurden hektisch und redeten noch lauter. Aber mehr untereinander als mit der Frau.

Die Ärzte beschlossen zu »kristellern«. Bei dem sogenannten Kristeller-Manöver (es klingt nicht umsonst nach Militär), wird von außen Druck auf die Gebärmutter ausgeübt, in der Hoffnung, dadurch das Baby »anzuschieben«. Eigentlich ganz sachte mit den Händen. In der Praxis meistens, indem sich der Arzt auf den Bauch der Schwangeren legt oder gar mit dem  Ellenbogen Druck ausübt. Die Methode ist für die Frau äußerst unangenehm und oft auch für den Partner schwer mit anzusehen: Neun Monate war diese heilige Kugel zu schützen und jetzt legt sich ein Arzt quer drüber? What?

Die Frau schrie wie am Spieß, ihre Mutter, die im Kreißsaal dabei war, ebenso: »Mein Kind stirbt, mein Kind stirbt!« Panik erfasst nun auch mich, die ich ja nur am Rand stand und der diensthabenden Hebamme zusah. Ich versuchte beide Frauen zu beruhigen, »Alles wird gut, die Kollegen wissen schon, was sie tun«, sagte ich, aber ganz sicher war ich nicht.

Als das Kind nun immer noch nicht von alleine rausrutschte, wurde die Saugglocke angesetzt. Der Arzt zog daran und schnitt schließlich erst auf der einen und dann – ich traute meinen Augen kaum – noch auf der anderen Seite in den Damm. Zack, mit einem Schwall Blut kam das Baby schließlich. Ich verließ wortlos den Raum und kotzte heulend ins Personalklo. Nicht, weil ich kein Blut sehen konnte, sondern weil das einfach das brutalste war, das je vor meinen Augen mit einer Patientin gemacht wurde. Dabei, und dieser Punkt ist mir wichtig, war nicht nur die Intervention traumatisch – schnelles Handeln kann ja manchmal erforderlich sein –, sondern der Umgang und die Kommunikation. Letztere hatte nämlich nicht stattgefunden.

Als ich wiederkam, war nur die Ärztin, die die Frau nähte, noch da. Keine Freude, nur leises Schluchzen erfüllte den Raum. »Es hat so schrecklich wehgetan«, sagte sie mit ihrem Baby im Arm und tat mir so unendlich leid. »Ich weiß«, sagte ich und streichelte sie.

Sprache ist so wichtig in der Medizin, sie bestimmt die Wahrnehmung des Patienten. Wie reden wir also mit den Frauen? Sagen wir in Notsituationen panisch »Schnell, das Kind muss raus!« und degradieren die Frau damit zu einer defekten Hülle, die ihrem Baby schadet? Sagen wir Suggestiv-Sätze wie »Sie wollen doch auch, dass es Ihrem Kind gut geht«, die einer Erpressung gleichkommen: Wenn du nicht zustimmst, bist du keine gute Mutter.

Es fängt schon an, wie viel Augenhöhe wir wählen, wenn wir mit den Frauen sprechen. »Was hockst du denn immer auf dem Boden«, hat mal ein junger Arzt zu mir gesagt, nachdem er mich mal mit einer Schwangeren in einer Wehenpause am Boden sitzen sah. Ich erzählte ihm dann, wie oft ich nach der Visite, wenn alle Kittelträger aus dem Zimmer gegangen sind, von den Frauen gefragt werde, was das denn jetzt eigentlich bedeutet hat, das Kind sei »stabil«? Oder das CTG sei »suspekt«? Einfache Fragen, die die Frauen vom Krankenbett aus mit Blick auf die vielen Augenpaare über ihnen nicht zu stellen wagen.

Über Hebammen heißt es oft, sie gerieren sich als beste Freundinnen der Frauen. Ich glaube stattdessen, viele im Krankenhaus – Ärzte genau wie Pflegekräfte – vergessen manchmal, dass sie es mit echten Menschen zu tun haben, mit Menschen in Ausnahmesituationen. So viele Nackte, so viele dysfunktionale Körper, so viele »Fälle«. Ja, mag sein: Ich behandle jede Frau wie meine Freundin, das habe ich so beigebracht bekommen. Aber auch jede Freundin wie eine ganz normale Frau.

Was die richtige Wortwahl angeht, lerne ich noch immer viel von meinem Chef. Frau N., die neulich bei uns war, war ein ganz ähnlicher Fall wie die 21-Jährige damals in meiner Ausbildung. Auch hier »musste das Kind raus«, aber wir sagten es der Frau so nicht. Stattdessen kam der Chef rein und machte erstmal seinen üblichen Vorweihnachts-Spruch (»Ich bin leider nicht der Nikolaus«). Etwas panne, aber es tat seinen Dienst: Die Frau lächelte, trotz Geburtsstillstand und Unsicherheit.

Dann wählte er folgende Formulierung: »Ihr Baby möchte bald geboren werden, es zeigt auch ein bisschen Stress. Wir würden Ihnen beiden jetzt mit einem unserer Hilfsmittel helfen. Ihnen wird nicht passieren. Ihrem Kind wird nichts passieren. Ich erklären Ihnen einfach jeden Schritt und wir schaffen das gemeinsam.« Das nahm Frau N. alle Angst, die sie hatte. Es hatte nicht viel länger gedauert, es auf diese Weise zu erklären. Währenddessen hatten meine Kollegin und ich alles zügig, aber geordnet vorbereitet.

Schließlich kam die Geburtszange zum Einsatz, auch so ein Wort. Was stellt man sich darunter vor? Ein scharfkantiges Monstrum? In Wahrheit ist es nicht viel größer als das Speculum, das jede Frau von der Routine-Untersuchung beim Frauenarzt kennt. Es sieht aus wie ein filigranes Salatbesteck. Oder wie das, womit der Bäcker die süßen Teilchen aus der Vitrine holt. Wir im Krankenhaus sagen übrigens nicht Zange, sondern Löffel. Denn auf einen Löffel legt man was und zerrt nix raus. Macht doch einen Riesenunterschied in der Wahrnehmung, oder?

Am Ende lag das süße Teilchen von Frau N. in ihrem Arm. »Danke, dass sie Max auf die Welt gebracht haben«, sagte sie erschöpft, aber erleichtert. Mein Chef und ich antworteten unisono: »Nein, den haben Sie auf die Welt gebracht, wir haben nur etwas geholfen.«

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