»Haben Sie in der Pause gekokst, Frau W.?«

Wie dickhäutig muss man sein, um täglich vor feixenden Jugendlichen zu bestehen, die jedes Outfit kommentieren? Frau W. erzählt vom Gefühl, exponiert zu sein.

Eins ist sicher: Fausts jauchzender Ausruf »Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!« war nicht für LehrerInnen im Klassenzimmer gedacht. Es gibt nämlich Situationen vorne an der Tafel, in denen ich an den offenen Mündern meiner Schüler erkenne, dass ich gerade ein bisschen viel Mensch war.

Als ich meiner elften Klasse vor einigen Jahren erzählen konnte, dass ich schwanger bin, die SchülerInnen ahnten es schon eine Weile, applaudierten sie mir. Ich war etwas beschämt und meinte – eigentlich mehr zu mir als zu ihnen: »Ach, nicht doch, so schwer war das jetzt auch nicht!« Die Gesichter der Jugendlichen zeigten mir, dass ich gerade zu einem echten Menschen geworden war, zu einer Person, die auch Sex hat. Das überforderte sie. Betretenes Schweigen und Räuspern, die, die noch klatschten, saßen in der letzten Reihe und hatten mich noch nicht gehört. Ich wünschte mir ein Loch, in das ich verschwinden konnte.

Dieser Ort, das Klassenzimmer, ist eine Bühne und im Publikum erwarten mich an jedem durchschnittlichen Schultag mindestens 100 Schüler. Sie kennen alles an mir, welche Kleider ich wann trage, sie wissen, wann ich gut und wann ich schlecht drauf bin, sie bewerten mich: »Hat sie eine neue Frisur?«, »Schau mal, Frau W. lackiert sich die Fußnägel!«, »Den Pulli hatte sie doch gestern schon an!« flüstert es in den Reihen, wenn ich auf den Brettern, die meine Welt bedeuten, nach vorne zum Pult gehe. Nicht immer bleibt mir die Zeit, zwischen Pause und Stundenwechsel nochmal kurz in den Spiegel auf der Lehrertoilette zu schauen, um zu prüfen, ob der hektisch gegessene Schokoriegel nicht noch in meinen Mundwinkeln hängt.

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Können Sie sich vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn einen dreißig feixende Jugendliche erbarmungslos darauf ansprechen? Letztens fragte mich ein Sechstklässler mitten im Satz über Aktiv und Passiv, ob ich in der Pause gekokst hätte, ich würde mir so oft die Nase reiben. Meine Heuschnupfen-Erklärung ging im Gelächter der Klasse unter. An manchen Tagen steckt man so was leicht weg, an anderen ist man dünnhäutig.

Aber es gibt sie, diese super Lehrer, die modernern Doktor Spechts oder Club-der-toten-Dichter-Lehrer, die ihre Schüler singend und klatschend für Mathematikformeln begeistern, die niemals die Fassung verlieren oder brüskiert reagieren, die allseits beliebt sind und das Herz am richtigen Fleck haben. Woher ich das weiß? Sie machen Videos von sich und ihren glücklichen Schülern und stellen sie auf YouTube. Wenn ich mir sowas dann abends im Bett anschauen (muss), weil irgendein anderer »super« Lehrer das in unsere Lehrerzimmer-WhatsApp-Gruppe geschrieben hat (ja, wir haben auch eine!), dann würde ich am liebsten meinen Mann bitten, morgen in der Schule anzurufen und mich krank zu melden, wegen Selbstzweifel-induzierter Bauchschmerzen oder so.

Klar, jeder würde mir sagen, ist doch ganz normal, sich im Job nicht immer unbesiegbar und makellos zu fühlen. Aber es ist doch etwas anderes, wenn man dabei so im Mittelpunkt steht. Ich habe Lehrerinnen und Lehrer daran zerbrechen sehen. Ihnen war die Dauerbeobachtung, die Bewertung, das ständige Ausgeliefertsein an die Jugendlichen zu viel. Sie kamen weinend ins Lehrerzimmer und sind verzweifelt. Männer genauso wie Frauen. Meine liebe Kollegin Frau S. hat sich deswegen im Referendariat, das ohnehin ein einziger Kraftakt ist, weil zu den Bewertungen der Schüler noch die durch die Seminarlehrer kommen, dagegen entschieden, Lehrerin zu werden. Sie war kompetent und freundlich, aber sie hatte etwas an sich, das sie leider zum gefundenen Fressen für SchülerInnen machte: wenig Humor. Sie haben sie zerpflückt, zerstückelt und nach 45 Minuten wieder ausgespuckt und das jeden Tag. Es war zu viel für Frau S. Sie ist heute Projektleiterin in einem Versicherungsunternehmen. Erfolgreich und glücklich.

Natürlich lasse ich mich auch an Tagen, an denen ich publikumsscheu bin, nicht krankschreiben. Aber eines mache ich: Ich ziehe mich so an, dass ich hoffentlich keinen Gesprächsstoff liefern werde. So ein paar Sicherheitsoutfits hat wahrscheinlich jeder Lehrer. Steige in mein Auto, trinke einen schnellen Kaffee in der Lehrerküche, wische mir über den Mund und in »drei, zwei, eins… Spot an« betrete ich meine kleine Bühne.

Was auf ihr hilft, ist Authentizität. Zwar schlüpfe ich schon in eine Rolle, aber es besteht keine allzu große Differenz zu der Person, die ich am Nachmittag und am Wochenende bin. Mal bin ich professionell und mal eben nicht. Mal machen mir Witzeleien über mich nichts aus, mal schon und dann sag ich das auch. Das Loch, das ich mir manchmal wünsche, gibt es nicht, aber es gibt die Tafel und da kann man sich auch mal kurz hindrehen und durchschnaufen oder man stellt sich mal hinter die Schüler und entzieht sich für ein paar Minuten ihren erwartungsvollen Gesichtern.

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