Wenn man den Freund zum Gärtner macht

Ein Freund verlangt für eine Dienstleistung mehr Geld als zunächst vereinbart. Der Auftraggeber zögert. Gelten in einer Freundschaft andere Grundsätze als im reinen Geschäftsleben?

»Als ich Gartenarbeiten durchführen lassen wollte, holte ich mir ein Angebot ein. Ein Freund, der einen kleinen Gartenbaubetrieb hat und meinen Garten gut kennt, sagte, er würde es zum gleichen Preis ausführen. Dann zeigte sich, dass er viel mehr Zeit benötigt als gedacht. Er meint, ich sei moralisch verpflichtet, ihm mehr zu bezahlen. Hat er recht?« Jan N., Hamburg

Hier hilft es, die Situation zunächst zu analysieren: Sie hatten ein Angebot einer Gartenbaufirma und hätten diese zu diesem Preis beauftragt. Hat sich die Firma verkalkuliert, ist das deren Problem, Sie müssten in einer reinen Geschäftsbeziehung nicht mehr bezahlen. So sähe es umgekehrt auch bei Ihrem Freund aus. Hätte er den Auftrag bei jemand Fremdem zum angebotenen Preis angenommen, wäre ein Kalkulationsirrtum sein Problem, der Gartenbesitzer könnte sich auf Angebot und Vertrag berufen und nur den vereinbarten Preis zahlen. Nun hat Ihr Freund den Auftrag Ihrer Freundschaft wegen bekommen, und das verändert die Situation. In einer Freundschaft gelten andere Grundsätze als im reinen Geschäftsleben, es geht mehr um einen fairen Ausgleich als um vertragliche Vereinbarungen. Das Prinzip der Freundschaft erfordert, dass man ein Problem, das, warum auch immer, zwischen Freunden entstanden ist, gemeinsam löst.

Das Problem ist, dass hier anscheinend nur der Gartenbauer profitiert. Er hat den Auftrag dank der Freundschaft erhalten und kann ihretwegen nun auch noch mehr verlangen, als es sonst der Fall wäre. Nur würde das umgekehrt entsprechend gelten: Hätte sich herausgestellt, dass der Aufwand geringer ist, dürfte er von Ihnen auch nicht den vollen Preis fordern. Da Freundschaft eine Form von Gemeinschaft ist, wird, was zwischen den Freunden geschieht, auch vergemeinschaftet – umso mehr, je stärker die Freundschaft. Man muss sich nur vorstellen: Was würde es für eine Freundschaft bedeuten, wenn Sie Ihren Freund die Mehrarbeit leisten lassen, nicht mehr zahlen und sich kalt auf die Buchstaben des Vertrags berufen?

Beim Geld hört die Freundschaft auf, heißt es. Ich sehe es umgekehrt: Freundschaft ist wertvoll, sie darf etwas kosten. Man hat ja auch etwas von ihr.

Literatur:

Zur Freundschaft nach wie vor unerreicht sind die Ausführungen von Aristoteles im VIII. und IX. Buch seiner »Nikomachische(n) Ethik«. Gute Übersetzungen gibt es von Olof Gigon bei dtv, München 1991 und von Ursula Wolff bei rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006

Für die Freundschaft als Modell für soziale Beziehungen siehe Anton Leist, »Ethik der Beziehungen. Versuche über eine postkantianische Moralphilosophie«, Akademie Verlag, Berlin 2005. Dort besonders das Kapitel 7 »Moralische Beziehungssystem in der Gesellschaft. 1. Das Modell der Freundschaft«, S. 140ff.

Eine schöne Sammlung von philosophischen Texten zur Freundschaft findet sich in dem von Klaus Dieter Eichler herausgegebenen Buch »Philosophie der Freundschaft«, Reclam Verlag 1999

Michel de Montaigne, Essais, übersetzt von Hans Stilett, »Die andere Bibliothek«, herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1998, S. 98ff.

Cicero, »Laelius über die Freundschaft«, z.B. Reclam Verlag, Stuttgart 2014

Wer sich für die Männerfreundschaft aus historischer, literaturhistorischer, literarischer und philosophischer Sicht interessiert, dem sei das Buch von Andreas Kraß, »Ein Herz und eine Seele. Geschichte der Männerfreundschaft«, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016 empfohlen.

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