Mogst a Brezn, ha?!

Nirgendwo lässt sich der Puls der Zeit besser fühlen als auf dem Oktoberfest, findet unser Autor, der ab morgen im Zelt Brezn verkauft. Bevor er vom Wahnsinn dort zu berichten beginnt, stählt er sich für seinen Höllenritt in Lederhosen – mental, körperlich und modisch.

»Mogst a Brezn, ha?!« – Breznbua Moritz Reichardt in Verkaufspose, allerdings noch ohne verkaufsfördernde Tracht.

Foto: Verena Brennecke; Illustrationen: Al Murphy

»So a Dreck. Ist’s scho’ wieder so weit?«, fluche ich, während ich einen Berg aus Socken nach meinen Wadlschonern durchsuche. Dabei beginnt der Stress doch eigentlich erst morgen. Das Volksfest, das uns Bayern als letzter Anker einer Leitkultur dient. Bei dem jeder sagen kann: »Ja, so samma halt, ge!« Und ich? Mittendrin. Vor ein paar Jahren, als mir der alljährliche Bierzeltbesuch zu eintönig wurde, beschloss ich, wie so viele Münchner, von der Wiesn zu profitieren. Zu verdienen, anstatt mein gesamtes Erspartes in zwei Wochen für Bier zu verprassen. Ich verkaufte Brezn in einem großen Zelt auf der Theresienwiese. 16 Tage. Volle Power. Die volle Tortur. Danach dieser Glückstaumel am letzten Tag, an dem alles überstanden war. Damals, den vollen Geldbeutel am Gürtel, schwor ich mir: »Nie wieder!«

Doch das nächste Jahr verging und die Erinnerungen verblassten, vermischten sich zu einem Potpourri aus Geschäftigkeit, Spaß, bunten Farben und fröhlicher Musik. »Ist doch gar nicht so schlimm«, dachte ich mir und heuerte wieder an. Dasselbe Spiel von vorne.

Jetzt spiele ich schon zum dritten Mal die Rolle des Breznbuas. Die Lederhosn wird entstaubt, der Hut aufgesetzt, die fünf karierten Hemden aus dem Schrank geholt, noch frisch, auch wenn die Schweißflecken der letzten Jahre nicht gänzlich herauswaschbar waren. Dann noch der Geldbeutel. Etwas ramponiert. Noch leer, aber mit Platz für das große Geld. Die Kette zum Diebstahlschutz schon mehrfach geflickt. Der vertraute Ledergeruch schmeichelt meiner Nase. Die mehreren hundert Euro, die ich für die Korb-Kaution, das Rückgeld sowie die erste Ladung Riesen-Brezn und Speckstangen vorstrecken muss, lege ich feinsäuberlich hinein. Ich stutze mir meinen Bart zu einem feschen Schnauzer und beginne in ruhigem Ton langsam die paar Brocken Bairisch, für die 22 Jahre Leben in München gereicht haben, vorm Spiegel einzuüben. Krame aus der Palette antrainierter Mimik mein charmantestes Grinsen hervor. Sitzt!

Ab morgen wird der Stolz abgeschüttelt

Dann: Ruhe. Noch einmal in mich gehen. Noch einmal die Erinnerung an die Melodien abschütteln, die mir ab jetzt zwei Wochen lang jeden Tag, den ganzen Tag, um die Ohren gehauen werden. Noch einmal Herr der eigenen Gedanken sein. Noch einmal ausgeschlafen sein, gesund. Ich blicke auf den kiloschweren Stapel Ingwer auf dem Küchentisch, direkt neben der großen Packung Vitamin-C-Kapseln, kaue auf einer schon geschälten Knolle herum und denke mir: »Ich bin bereit!« Bereit, jedem, dessen Blick zu lange auf mir verweilt, eine Brezn unter die Nase zu reiben. Bereit, die immergleichen Witze der tausenden verschiedenen Gesichter lächelnd zu beantworten. Bereit, Sprüche zu klopfen. »Hey, Ed Sheeran!«,  so tönen in meinem Kopf die freudigen Stimmen all der Leute, die finden, ich sehe mit meinem Hut aus wie der britische Popstar. Ein letztes Mal murmele ich vor mich hin: »Ich bin nicht Ed Sheeran, Mann! Und auch nicht Ron Weasley. Und auch nicht Paul Scholes. Rothaarige sind nicht ein und dieselbe Person. Wir sehen nicht alle gleich aus. Ich seh’ doch viel besser aus als die. Oder?«

Ab morgen werde ich das nicht mehr sagen können. Dann wird der Stolz abgeschüttelt. Jeder wird mein Freund! Klar mache ich ein Foto mit euch, damit ihr euren Freunden kichernd erzählen könnt, ihr hättet Ed Sheeran auf der Wiesn getroffen. Klar bin ich eigentlich Popstar und nutze den Job des Breznverkäufers als Inspirationsquelle. Ich bin alles, was ihr wollt, wenn ihr mir nur eine Brezn abkauft und ein bisschen Trinkgeld obendrauf packt! Mein Lächeln ist unzerstörbar. Mein Körper ist gestählt. Meine wahres Ich gräbt sich tief ins Innere meiner Schale und beobachtet verschüchtert und verwundert, was mir in diesem verrücktesten aller Mini-Jobs passiert. Macht Platz für den Breznmo in mir.

Warum ich mir das eigentlich antue? Na, um zu lernen! Um mich kennenzulernen. Um harte, körperliche Arbeit kennenzulernen. Das Leben zu sehen. Um euch davon zu berichten, zu zeigen, was ich selbst nicht verstehen kann. Nirgendwo, so glaube ich, wird einem der Facettenreichtum und die Widersprüchlichkeit unser Gesellschaft direkter vorgeführt. Nirgendwo lässt sich der Puls der Zeit besser messen. Nirgendwo hat man mit so vielen verschiedenen Kunden so viele komische Gespräche. Nirgendwo kommt man so an die Grenzen seines eigenen Selbstbilds. Und Geld braucht man doch auch irgendwie.

Also kommt mit! Begleitet mich auf der zweiwöchigen Wanderschaft durch das bayerische Reservat in der Weltstadt mit Herz. Ich lade euch ein, hinter die Kulissen des Spektakels zu schauen. In den Kopf eines Menschen, dessen ganzes Leben sich zwei Wochen lang nur um Laugengebäck dreht. Einzutauchen in den feuchtfröhlichen Dunst aus Schweiß, Bier und Bratensauce. Von Komplizenschaft, Hackordnungen, Menschen, die sich im Vollsuff entlarven. Leiden. Lachen. Sex und dem Griff an den Po. Und der großen Krise der Bierzeltkultur. Pack’ ma’s! Wir schaffen das! Ein letztes Mal noch!

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